







- Veröffentlichung22.01.2026
- RegieChloé Zhao
- ProduktionVereinigte Staaten (2025)
- IMDb Rating8.3/10 (746) Stimmen
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Filmkritik
Aus Shakespeares „Hamlet“ können viele zitieren. Das wohl berühmteste Stück der Theatergeschichte hat schon manchen Schüler gequält, es hat Literaturwissenschaftlern zu Doktorwürden verholfen und viele Schauspieler in der Titelrolle geadelt. Über die Entstehungsgeschichte des Stücks weiß man allerdings nicht viel. Es gibt verschiedene Manuskripte und etliche Spekulationen. Auch biografische Details des Künstlers müssen frei ergänzt werden. Insofern ist das Drama „Hamnet“ von Chloé Zhao, das von Shakespeare und dem Drama „Hamlet“ handelt, ein legitimer Versuch, weiße Flecken in Leben und Werk des Dichters zu füllen.
Auf der Spur von Orpheus und Eurydike
Zunächst wird das Werben Shakespeares (Paul Mescal) um seine zukünftige Frau imaginiert. Agnes (Jessie Buckley) ist die Tochter der „Dorfhexe“ in dem mittelenglischen Dorf Stratford-upon-Avon. Shakespeare, ein bescheidener Lateinlehrer, beobachtet sie von seinem Fenster aus, wenn die Schüler bei ihm im Unterricht sitzen. Zudem geht Agnes oft in den Wald, um Kräuter zu sammeln. Shakespeare folgt ihr zuweilen und gewinnt sie mit dem Erzählen von Geschichten. Vor allem die griechische Parabel von Orpheus und Eurydike gefällt Agnes. Nachdem Shakespeare die junge Frau geschwängert hat und damit einen kleinen Skandal erregt, heiraten die beiden und bekommen drei Kinder: Susanna sowie die Zwillinge Judith und Hamnet.
Die Ehe verläuft harmonisch, doch der angehende Dichterstar ist oft nicht zu Hause. Immer wieder reitet er nach London, wo er im Globe Theatre mit seiner Truppe seine Stücke aufführt. Wenn Shakespeare in Stratford ist, kümmert er sich liebevoll um die Kinder. Doch dann ereignet sich die Katastrophe in Form der Pest auch in Stratford. Die Zwillinge erkranken; Judith übersteht die Pest, Hamnet stirbt. Shakespeare, der sich von London aus mit dem Pferd aufmacht, um nach den Kindern zu sehen, kommt aber zu spät und findet nur noch den leblosen Hamnet vor. Die Trauer treibt einen Keil in die einträchtige Ehe. Shakespeare flüchtet wieder nach London und steckt alle Energie in das Schreiben und die Inszenierung seines neuen Stücks „Hamlet“, das als Hommage an seinen verstorbenen Sohn lesbar ist.
Tiefe Trauer um das tote Kind
„Hamlet“ und „Hamnet“ galten im elisabethanischen England als austauschbare Namen. Von daher ist es möglich, dass Shakespeare beim Schreiben des Stücks tatsächlich an seinen Sohn gedacht hat. Bewiesen werden kann das aber nicht. Zhao konzentriert sich vor allem auf das Ehe- und Familienleben Shakespeares und nimmt dafür den Roman „Judith und Hamnet“ von Maggie O’Farrell als Vorlage. Historisches betrachtet die Regisseurin aus einer modernen Perspektive. Dass Shakespeare nach der Schwängerung Agnes’ vor eine Art Familiengericht tritt, um sich zur Ehe zu bekennen und Agnes’ Ehre wiederherzustellen, könnte den Gebräuchen der Zeit entsprechen. Dass er sich Ende des 16. Jahrhunderts aber mit der Hingabe eines modernen Vaters um die Kinder gekümmert hat, darf bezweifelt werden. Die Beziehung von William und Agnes ist zwar in einem historischen Setting gefilmt, doch ihre Probleme und die Trauer um ihr Kind sind zeitlos und universell.
Kameramann Łukasz Żal steuert betörende Bilder zu der Geschichte bei. Vor allem das ländliche Setting mit dem von Fachwerkhäusern geprägten Dorf und dem Wald wirkt authentisch und märchenhaft zugleich. Auch Fiona Crombie leistet mit dem Szenenbild ganze Arbeit. Bei den Interieurs überzeugt das Holzmobiliar oder die Kürschnerwerkstatt von Williams Vater, während in London und Stratford die schlammigen Straßen und das spätmittelalterliche Ambiente eine eindrucksvolle Atmosphäre erzeugen.
Die Bilder charakterisieren auch die Eheleute. Agnes erscheint als Waldfee und Kräuterfrau, die ihr erstes Kind zwischen Moos und Baumwurzeln zur Welt bringt und über starke Intuitionen verfügt. William dagegen definiert sich durch das Schreiben. Die Verbindung zwischen Naturfrau und Verstandesmann funktioniert filmisch erstaunlich gut. Der Film widmet der Romanze zwischen den beiden viel Zeit. Paul Mescal und Jessie Buckley berühren als leidenschaftliches Paar und liebende Eltern. Allerdings sind ihre Begegnungen häufig vom dröhnenden Soundtrack Max Richters unterlegt, der manchen intimen Moment zerstört; in ruhigeren Passagen greift der Komponist zu nicht minder aufdringlichen Klaviermotiven.
Raben deuten die Katastrophe an
Symbolik ist ein weiteres wichtiges Stilmittel des Films. William ist dem Irrationalen nicht abgeneigt. Er ist abergläubisch und sieht in den zahlreichen Raben, mit denen er es auf den Reisen und in London zu tun hat, Boten einer bevorstehenden Katastrophe. Auch die anfangs von Shakespeare erzählte Orpheus-Parabel spielt in bedeutungsvollen Bildern mehrmals eine Rolle. Der junge Hamnet, dessen Stellung als einziger Junge besonders hervorgehoben wird, streift darin in einer düsteren Unterwelt umher. Todessehnsucht ist schließlich auch ein Motiv von „Hamlet“, und so greifen Filmstory und Hamlet-Plot ineinander. Auch Antizipationen und Spiegelungen werden bemüht. So kommt Judith bei der Geburt fast um, übersteht aber die historisch nicht überlieferte, für den Film aber passend gewählte Pest, während es bei ihrem Zwillingsbruder genau andersherum verläuft.
Nicht zuletzt feiert „Hamnet“ das physische Theater. Darbietungen im Globe Theatre waren für ein breites Publikum konzipiert: jung und alt, arm und reich, des Lesens kundig und analphabetisch. Während die Wohlhabenden dem Bühnengeschehen auf dem Balkon beiwohnten, reagierte das Volk unten mitunter sehr lautstark und emotional auf die Inszenierungen. Das Theater wird so zum Ort kollektiver Emotionen und dient zugleich als Katharsis und versöhnendes Element für das trauernde Paar.
