Vorstellungen
Filmkritik
Das College beendet, die Zukunft ungewiss. Unzufrieden und gelangweilt lungert Yong-jun (Hong Kyung) im Take-Away-Imbiss seiner Eltern herum. Auf Drängen seiner Mutter lässt der 26-Jährige sich wenigstens überreden, die delikat zubereiteten Lunch-Boxen mit dem Motorroller auszuliefern. Als Yong-jun in einem Hallenbad eine große Bestellung für gehörlose Leistungsschwimmerinnen abgeben will, verliebt er sich auf den ersten Blick in die hübsche Trainerin Yeo-reum (Roh Yoon-seo). Schon kurz darauf trifft er sie wieder: Yeo-reums Motorroller hat seinen Geist aufgegeben. Zufällig beherrscht Yong-jun die Gebärdensprache und kann so der gehörlosen jungen Frau seine Hilfe anbieten.
Fortan sehen sie sich regelmäßig, verbringen ihre knapp bemessene Freizeit miteinander und kommen sich allmählich näher. Während Yong-jun, zur großen Verwunderung seiner Eltern, mit Eifer die bestellten Speisen ausliefert, kümmert sich Yeo-reum liebevoll um ihre jüngere Schwester Ga-eul (Kim Min-ju), die für die Qualifikation für die Paralympics trainiert. Doch urplötzlich zieht sich die junge Frau von ihrem Verehrer zurück. Der Zuschauer ahnt, warum, doch Yong-jun ist ratlos.
Eine Liebesgeschichte, die sich viel Zeit nimmt
Boy meets girl: Wie im taiwanesischen Original „Hear Me“ (2009), der als Vorlage diente, erzählt der südkoreanische Regisseur Cho Sun-ho eine einfache und herzerwärmende Liebesgeschichte, die sich, nicht zuletzt der Schüchternheit ihrer Protagonisten wegen, sehr viel Zeit nimmt. Daran ist vor allem der junge Mann schuld. Als Grund für das erste Rendezvous gibt er an, Yeo-reum nur ein guter Freund sein zu wollen. Er verschweigt seine Absichten, obwohl sie in seinem freundlichen, zugewandten Gesicht leicht zu lesen sind.
Das Besondere hierbei ist, dass die Liebenden sich nur über die koreanische Gebärdensprache verständigen können. Gesprochene Dialoge sind also spärlich. Für die Protagonisten bedeutet das, dass sie sich bei der Kommunikation immer anschauen müssen. Ihre Mimik, ihre Körpersprache, ihre Handzeichen teilen sich nur bildlich mit und sind darum überaus kinoaffin. Cho Sun-ho findet dafür einige schöne, emblematische Szenen. Einmal fährt Yong-jun mit den beiden Schwestern im Bus aufs Land. Doch da sie wegen der vielen Fahrgäste nicht zusammensitzen, können sich Yeo-reum und Ga-eul gar nicht sehen. Der junge Mann hat aber in einer Dreieckskonstellation Blickkontakt zu beiden und trägt so, wie eine Relaisstation, die Unterhaltung weiter. Ein anderes Mal entführt er sie in eine Disco. Natürlich können die Schwestern nichts hören, und darum hört auch der Zuschauer nichts. Doch dann legt er ihre Hände auf die Membranen der Bassboxen – für die Schwestern ein ungeheures Erlebnis.
Leichtfüßige, sommerliche Atmosphäre
Die lebendigen Farben und die lichtdurchfluteten Bilder des Films kreieren eine leichtfüßige, sommerliche Atmosphäre, die durch eine gefällige Musik noch unterstützt wird. Cho Sun-ho vermittelt ein genaues Gefühl dafür, wie Gehörlose ihre Umwelt wahrnehmen, aber auch, wie sie Lebensfreude und Glück empfinden. Ferner macht er auch auf Diskriminierung aufmerksam, etwa wenn die vorurteilsgeprägte Trainerin einer anderen Schwimmgruppe die Gehörlosen aus dem Hallenbad vertreibt.
Nebenbei geht es auch ums Erwachsenwerden. Während Yong-jun sich von einem passiven, unsicheren Slacker zum aktiven, freundlichen jungen Mann wandelt, lernt Yeo-reum, sich nicht nur den Bedürfnissen ihrer hörbehinderten Schwester unterzuordnen, sondern ihr eigenes Leben zu führen. Doch dann endet die Handlung mit einer Wendung, die den ganzen Film zu zerstören droht. Plötzlich ist nichts mehr so, wie es zu sein schien; auch die viel zu späte Erklärung für Yong-juns Beherrschung der Gebärdensprache ist unglaubwürdig und banal. Mit einem Mal hat man als Zuschauer das Gefühl, dass dem Regisseur das Thema des Verständnisses für die Erlebniswelt von Gehörlosen doch nicht so wichtig war. Das ist sehr irritierend.










