Vorstellungen
Filmkritik
„Made in EU“, das klingt nüchtern, spröde. Auf dem Filmplakat ist eine Arbeiterin im blauen Kittel vor einer Nähmaschine zu sehen. So ließe sich auch ein Dokumentarfilm vermarkten. Bestimmt kein Werbefilm! Dafür blickt die Frau zu ernst, und die Nähmaschinen sind zu alt. Eher könnte es um etwas Aufklärerisches über die Zustände in heruntergekommenen bulgarischen Kleiderfabriken gehen, in denen Frauen für einen Hungerlohn schuften, sich krank zur Arbeit schleppen und unbezahlte Überstunden machen. Alles, um ihren „Bonus“ nicht zu verlieren, der die Hälfte des kläglichen Gehalts ausmacht.
Korruption und Schwarzarbeit
Ein Werk also, das die Realität zeigt, die sich hinter dem in die Kleider eingenähten Qualitätssiegel „Made in EU“ verbirgt. Eine Realität, in der EU-Standards unterlaufen oder allenfalls pro forma erfüllt werden: mit Teilzeitverträgen für Vollzeitschichten. Eine Wirklichkeit, in der Korruption und Schwarzarbeit den Ton angeben, Repression, Ausbeutung und Existenzängste den Alltag bestimmen, und über die in den europäischen Parlamenten oder beim Shopping gerne hinwegsehen wird.
Es ist kein Zufall, dass Filmtitel und Plakat solche Erwartungen wecken. Regisseur Stephan Komandarev, der wegen der sozialkritischen Themenwahl seiner Filme schon als „der bulgarische Ken Loach“ bezeichnet wurde, erfüllt sie mit seinem Spielfilm weitgehend. Das Drehbuch, das Komandarev zusammen mit Simeon Ventsislavov verfasst hat, beruht auf einem wahren Fall während der Corona-Pandemie, und auf intensiven Recherchen in der bulgarischen Kleiderindustrie.
An einer zentralen Stelle des Films legt das Drehbuch einem pensionierten Arzt, der während der Pandemie im Krankenhaus aushilft, eine eindringliche Sentenz in den Mund, in der die politische Botschaft kumuliert. Er sei ein alter Mann, sagt der von Ivaylo Hristov charismatisch unterspielte Doktor Rusev, und habe auch noch den Kommunismus erlebt. Das, was man ihnen damals über den Kommunismus gesagt hätte, sei eine Lüge gewesen; „aber alles, was man uns über den Kapitalismus erzählte, das hat gestimmt“. Rusevs realem Vorbild, dem bulgarischen Arzt Borislav Ivanov, der während der Pandemie mit 77 Jahren aus dem Ruhestand zurückkehrte und schließlich selbst an Covid erkrankte und verstarb, ist der Film gewidmet.
„Das hat alles gestimmt“
„Das hat alles gestimmt“, ist ein Satz wie zum Einrahmen. Und auch in Komandarevs Inszenierung verfehlt die bittere Pointe nicht ihre Wirkung. Allerdings klingt sie aus Rusevs Mund vollständig glaubwürdig. Ihm nimmt man das ab. Da klebt nichts Plakatives daran. Überhaupt ist „Made in EU“ ganz frei vom angestaubten proletarischen Pathos, das in Loachs Filmen gerne einmal aufflackert. „Made in EU“ ist kein Kino für den Kopf, keine Sozialkritik in Bewegtbildern. Es ist ein zum Tränenverdrücken schöner Film über die verwitwete Iva (stoisch kraftvoll: Gergena Pletnyova), die mit ihrem mittlerweile erwachsenen Sohn in einem ehemaligen Bergarbeiterstädtchen lebt und, als sie krank wird und Fieber bekommt, nicht krankgeschrieben wird. Denn das ist den Arbeiterinnen in der Textilfabrik nicht erlaubt, da ihr italienischer Besitzer droht, die Produktion sonst nach Mazedonien zu verlagern.
Das Coronavirus scheint da noch fern. Das Radio berichtet von ersten Fällen in Sofia, und in der Fabrik wird „Desinfektionsmittel“ verteilt. Wahrscheinlich Fensterputzmittel, vermutet eine Kollegin. Vor Schichtbeginn wird bei den Arbeiterinnen die Körpertemperatur gemessen. Als bei Iva das Display rot aufleuchtet, misst der Fabrikleiter noch mal so, dass es dieses Mal grün anzeigt. Niemand nimmt die Schutzmaßnahmen und das Virus ernst. Die Kontrollen der örtlichen Gesundheitsbehörden sind lax und werden angekündigt, sodass sich die meisten der dicht an dicht sitzenden Arbeiterinnen vorher in der Umkleide verstecken können. Die Kontrolleure bekommen hinterher für ihre Bemühungen ein paar fabrikneue Kleider geschenkt. Nur das Virus lässt sich nicht täuschen.
An allem soll Iva schuld sein
Schnell füllt sich das Krankenhaus. Jetzt übernimmt ein Beamter aus Sofia die staatlichen Behörden. Die Fabrik wird geschlossen, die ersten Kranken sterben. An allem soll Iva schuld sein: „Patientin Null“, lautet das Verdikt. Ihre Kolleginnen und Freundinnen, selbst verzweifelt und hilflos, wenden sich von ihr ab. Auch Ivas Sohn Misho wird von seiner Freundin verlassen, als deren Vater an Covid stirbt. Auf der Straße werden die beiden beschimpft und bedroht.
Das alles geschieht vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und eines zynischen Globalkapitalismus; es erzählt aber zugleich auch die zeitlose Geschichte von sozialer Verachtung, Gruppenzwang und Sündenböcken. Nur gelegentlich gerät die Dramaturgie dabei etwas stereotyp, etwa wenn Ivas Kolleginnen ihr vor Wut die Kleider vom Leib reißen. Meist aber bleibt die Inszenierung zurückgenommen, mit wenigen Schnitten, ohne Pathos, mit langen, oft mit der Handkamera gedrehten Einstellungen, ohne Off-Musik. Auch das Schauspiel ist behutsam und unauffällig. Zur Glaubwürdigkeit gehört, dass niemand fehlerlos ist, es aber auch keine bösen Schurken gibt.
Die Inszenierung von Komandarev weidet sich nicht am Elend; er stellt die Not nicht aus. Oftmals, wenn es ganz schlimm kommen könnte, werden versöhnliche Momente eingestreut, Anflüge ungelenker Menschlichkeit, die unter die Haut gehen. Wenn es dann doch schlimm kommt, hält die Kamera Abstand; der Film blendet weg, ohne wegzuschauen.
Die ganze Zeit über bewahrt dieser erstaunliche Film trotz all der Ungerechtigkeiten und all des Leids, inmitten von Tod und menschlicher Schwäche, seine bescheidene Kinoschönheit. Nahezu jede, scheinbar aus dem Leben gegriffene Einstellung schimmert, umsichtig kadriert und arrangiert, in matten, verwaschenen, sorgsam aufeinander abgestimmten Farben wie ein altmeisterliches Ölgemälde. Das Beste daran ist, dass das auf den ersten Blick überhaupt nicht auffällt.







