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Winter in Sokcho

104 minDrama, Komödie, LovestoryFSK 12
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Normalerweise hat Soo-Ha im Winter nicht viel zu tun, da sich kaum jemand in die südkoreanische Küstenstadt Sokcho verirrt. Doch dieses Mal ist es anders: Der französische Comickünstler Yan Kerrand checkt in dem Hotel ein, in dem sie arbeitet. Gewissenhaft nimmt sie sich seiner an. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem, reißt er doch unwissentlich eine alte Wunde auf.
  • Veröffentlichung05.02.2026
  • Koya Kamura
  • Frankreich (2024)
  • 6/10 (44) Stimmen

Soo-ha (Bella Kim) überragt die anderen Frauen um gut einen Kopf, was ihr den Beinamen „Bohnenstange“ eingehandelt hat; Männer werden in „Winter in Sokcho“ hingegen gerne mal nach Meerestieren benannt, etwa der Seegurke oder dem Kugelfisch Fugu. Soo-ha umgibt eine Aura von Differenz und Unzugehörigkeit. Nach dem Studium in Seoul ist die junge Frau in ihren Heimatort Sokcho, eine Hafenstadt nahe der Grenze zu Nordkorea, zurückgekehrt. Ein Job als Köchin, Rezeptionistin und Putzkraft in einer leicht heruntergekommenen, von einem verwitweten Herbergsvater geführten Pension ist eigentlich als Übergang gedacht, ohne dass Soo-ha wüsste, wozu genau. Ihr Freund, ein angehendes Model, ist schon halb auf dem Sprung in die Hauptstadt, die Mutter, eine alleinstehende Fischhändlerin, drängt auf eine Heirat. Soo-ha selbst hat keine Pläne. Aber dass vage, unausgesprochene Sehnsüchte in ihr schlummern, ist kaum zu übersehen.

Reisender mit tintenbeklecksten Fingern

Die kalte Jahreszeit ist für das Gefühl des Feststeckens die passende Kulisse. Klirrende Kälte, verschneite Landschaften und vereiste Gehwege haben das Leben in der Stadt fast zum Erliegen gebracht. Mit der Ankunft eines europäischen Reisenden mit tintenbeklecksten Fingern ist es für Soo-ha mit dem Dahindämmern vorbei. Yan Kerrand (Roschdy Zem), ein Künstler und Comiczeichner aus der Normandie, der in Sokcho Inspiration für sein neues Buch sucht, wühlt in ihr unmittelbar etwas auf.

Als Tochter eines französischen Ingenieurs, der noch vor ihrer Geburt spurlos verschwand und eine Leerstelle hinterließ, ist Soo-ha äußerst empfänglich dafür, auf den schroffen Mann aus Frankreich alles Mögliche zu projizieren. Zumal dieser wenig von sich preisgibt. Abends zieht er sich in sein spartanisch eingerichtetes Gästezimmer zurück und fertigt selbstversunken Tuschezeichnungen an. Soo-ha quartiert sich im Nebenzimmer ein, um ihn durch einen Schlitz im Oberfenster beim Ausbrüten und kreativen Rausch aus nächster Nähe beobachten zu können.

Die Suche nach Identität

Koya Kamura, ein französisch-japanischer Filmemacher, adaptiert in „Winter in Sokcho“ den gleichnamigen Kurzroman von Elisa Shua Dusapin, einer Schweizerin mit franko-koreanischen Wurzeln. Die Suche nach Identität rückt bei Kamura stärker ins Zentrum; sie hängt wie ein Schatten über Soo-ha. Eher im Hintergrund zeichnet der Film das Porträt einer Gesellschaft, die das persönliche Glück an materiellen Erfolg, familiäre Traditionen und die Erfüllung von Schönheitsnormen knüpft.

Soo-ha, die französische Literatur studiert hat und deshalb als Übersetzerin gefragt ist – der Franzose kann typischerweise kein Englisch –, führt ihn durch die Stadt und zeigt ihm ihre Lieblingsplätze. In einem Schreibwarengeschäft kaut Kerrand auf verschiedenen Papieren herum und schmeckt Tinte. Beim Restaurantbesuch verstummt er plötzlich und eilt davon; das mit Liebe gekochte Bœuf Bourguignon lässt er unangetastet vor der Tür stehen.

Portal in eine sensuelle Welt

Es ist eine etwas verquere Annäherung, die sich zwischen den beiden Gestrandeten vollzieht. Soo-ha mag sich noch so öffnen, der Franzose, der halb Vaterersatzfigur ist, halb Objekt des Begehrens, lässt sich einfach nicht knacken. Die Inszenierung spart nicht mit Künstlerklischees und kultiviert einmal mehr das Bild des männlichen Genies, das Einsamkeit und Leid braucht, um kreativ sein zu können. Kochen und Zeichnen, das Hantieren mit Tinte, die Berührung von Feder und Papier fungieren im Film – und für Soo-ha – als Portal in eine sensuelle Welt. In animierten Sequenzen, gezeichnet von der französischen Comiczeichnerin Agnès Patron, sind die Körper in ständiger Bewegung und Transformation. Linien und hingetuschte Formen schwellen an, zerfließen und gehen ineinander über.

Dem Hang nach Gefälligkeit steht die Figur von Soo-ha jedoch immer leicht entgegen. Mit ihrer so markanten wie schluffigen Erscheinung – Brille, übergroße Lederjacke – wirkt sie wie einem Independent-Comic entsprungen. In seinen besten Momenten strahlt „Winter in Sokcho“ auch die Lakonie und Verknappung einer Bildergeschichte aus.

Veröffentlicht auf filmdienst.deWinter in SokchoVon: Esther Buss (19.1.2026)
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