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Home Entertainment

85 minKomödie
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Wer kennt es nicht: Marie und Florian (Nadine Dubois und Joseph Bundschuh) wollten eigentlich zuhause nur etwas essen und einen Film schauen. Doch der gemütliche Abend auf dem Sofa wird zu einem Höllentrip durch Streamingportale, Gutscheincodes, Lieferservice-Apps und kaputte Fernbedienungen. Die Situation eskaliert zwischen den beiden und bringt immer genervteres Doch-noch Ansprechen von allerlei Unausgesprochenem zu Tage. Wird ihre Beziehung das überstehen?
Berlinale-Gewinner Dietrich Brüggemann transformiert in HOME ENTERTAINMENT den allgegenwärtigen digitalen Irrsinn in eine so schräge wie wahnwitzige Komödie.

Im besten Sinne paradox. Ein Film, der nicht vom Fleck kommt, kommen kann und kommen soll – und der einen zugleich sofort in unser aller Alltag abholt, bewegt, mitnimmt. Der einen an sensiblen Stellen triggert, dessen Personal frustriert ist und die Zuschauer frustriert – und der doch letztendlich versöhnlich stimmt, weil seine präsentierte Problematik so menschlich ist und den meisten nur allzu vertraut sein dürfte. Das ist „Home Entertainment“ von Dietrich Brüggemann, ein kurzes, kompromissloses, unbarmherzig-satirisches, mitunter originell witziges Kammerspiel über die Nöte der Young Urban Professionals in Zeiten von Netflix und Lieferando. Über den allgegenwärtigen Terror der Bildschirme – vor unseren Augen, in unserer Hand. Über Zeit zu zweit, die öfter missrät als glückt. Über die Unmöglichkeit, auch in Berlin-Mitte politisch völlig korrekt zu leben. Und schließlich auch über den Wunsch (den Zwang?) zu beständiger und unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung, hier und jetzt, der zu schlimmer Letzt sogar das ureigentliche „Home Entertainment“, das Liebesleben, den Sex des Paares, das man kurz kennenlernt, überschattet und verunmöglicht.

Kein Segen auf dem Pärchenabend

Ein netter Pärchenabend sollte es werden, mutmaßlich ganz analog, mit guten Gesprächen und feinen Speisen. Doch darauf scheint kein Segen zu liegen. Erst können Marie (Nadine Dubois) und Florian (Joseph Bundschuh) sich so gar nicht auf die Menüfolge einigen (das Leckere von neulich/vegetarisch/vegan), dann sagt ihre Freundin Julia (Karoline Teska) das Date sehr plötzlich wegen Unwohlsein ab. Das ganze gedankliche und kommunikative Hin und Her, das zu keinem befriedigenden Ende kommt, bildet der Film szenographisch passend ab durch ein ewiges Rangieren der beiden mit ihrem Wagen in einem dunklen, klaustrophobische Gefühle auslösenden Parkhaus.

An dieser Stelle bereits wird als ungemein nerviges akustisches Leitmotiv ihrer Geschichte das ständige Pingen und Piepsen der vielen elektronischen Helferlein eingeführt, die das Leben eigentlich in dienender Funktion unterstützen sollen, jedoch hier wie in der klassischen Herr-und-Knecht-Dialektik alsbald als vermeintlich unentbehrliche Technologie zu den wahren Herren des Geschehens sich aufwerfen. Da mahnt der Gurtstraffer und quengelt das Handy im 20-Sekunden-Takt, und als die beiden endlich zu Hause sind, wird es nicht besser, im Gegenteil.

Neuer Plan: mal wieder ganz gemütlich auf der Couch, zu zweit, mit Essen vom Asiaten und einem guten Film. Nichts einfacher als das, oder? Doch hier erst entfaltet sich – Brüggemann ist offenbar Experte und tief erfahren in diesen Dingen – der Horror des Home Entertainment in seiner vollen Breite von 16:9. Köstlich und beispielhaft dafür ist die Szene, in welcher Marie und Florian sich ewig nicht auf ein Restaurant, ein Menü, einen Lieferdienst einigen können. Die moderne Manie, alles und jedes im Internet zu bewerten, führt, wiederum dialektisch, nicht etwa zu hilfreicher Aufklärung, sondern vielmehr zur Konfusion des Kaleidoskopischen: „4,9 Sterne aus 23 Bewertungen – das ist ein bisschen wenig.“

Modernes Märchen und Moritat

Und wehe wiederum, wenn die Technik gar streikt! Der Film, auch modernes Märchen und Moritat, jubelt seinem Paar nämlich gleichsam einen bösen Kobold unter, der es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, alle seine Anstrengungen, sich gut zu unterhalten, zunichtezumachen. Man kennt das, wenn der Router panisch blinkt und dann im ungünstigsten Moment abschmiert oder der anspruchsvolle Arthousefilm leider nur auf Deutsch zu streamen ist – auf Marie und Florian kommt alles das zusammen herab und noch mehr.

Dass beide in gewissem Sinne bereits Schrumpf- und Mängelwesen geworden sind, wird ihnen selbst natürlich nicht bewusst. Auf die Idee, aus der durchaus noch vorhandenen Bücherwand einen Band auszuwählen oder ein gemeinsames Gespräch zu führen, das nicht über die Relaisstation ihrer Smartphones läuft – auch das wäre ja eine achtbare Form von Home Entertainment –, kommen sie schon gar nicht mehr. Selber, gar zusammen ein Mahl zuzubereiten, am Herd, dem alten Fokus des Heimes – offenbar undenkbar. Ihr direkter Blickkontakt ist infolgedessen auf ein Minimum reduziert; so sehr, dass es selbst für einen intimen Pärchenfilm von heute auffällig ist, und körperliche Berührungen verbleiben bis auf Episodisches im Bereich des Formelhaft-Konventionellen (Begrüßungen u. Ä.).

Zum Glück darf man mit Dietrich Brüggemann das so zeitgenössische Leiden des Paares mit einem vor allem humorvoll-humanistischen Blick verfolgen, was wiederum das dauerhafte Miteingeschlossensein in das kleine Berliner Apartment ein wenig erleichtert. Dazu geizt der Regisseur in den Szenen der beiden vor ihrem Flachbildfernseher auch nicht mit sogenannten Easter Eggs, halb verborgenen, augenzwinkernden Anspielungen auf und Verballhornungen von aktuellen Entwicklungen in der Film- und Serienlandschaft, die man durchaus amüsiert zur Kenntnis nimmt. Hier reiht das Werk sich elegant und unaufdringlich ein in den zeitgeistigen Trend zur Metakultur – Kunstwerke, die andere ihrer Gattung zitieren oder thematisch oder stilistisch an sie anschließen.

Es lässt sich trefflich diskutieren

Zum Ende gerät der bis dahin mit beinahe unerbittlicher Konsequenz inszenierte Film noch in so etwas wie eine leichte dramaturgische Unwucht, wenn – fast als retardierendes Element der Geschichte von Marie und Florian – doch noch Julia mit ihrem Partner Andreas (Valentin Stilu) erscheint und im Wortsinne Leben in die Bude bringt. Welche erzählerische Funktion diese Szene erfüllt, darüber lässt sich, vielleicht gerade als Paar, allerdings trefflich diskutieren … Dubois und Bundschuh jedenfalls bieten sehr präzises Spiel dar, lassen den situativ oft fragmentierten Dialog absolut authentisch und glaubwürdig klingen und transportieren vor allem mimisch ihre wachsende Frustration über den Verlauf jenes fatalen Abends – und ihre existenzielle Verzweiflung darüber, dass sie ihn aus sich heraus nicht mehr zu retten imstande sind. Lass mal schnell im Netz schauen: Was kann man machen, als Pärchen, nachts in Berlin …?

Veröffentlicht auf filmdienst.deHome EntertainmentVon: Karsten Essen (28.5.2026)
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