Wie ich zufällig ein Buch schrieb

98 minFamilieFSK 6
Szenebild von Wie ich zufällig ein Buch schrieb 1
Szenebild von Wie ich zufällig ein Buch schrieb 2
Szenebild von Wie ich zufällig ein Buch schrieb 3
Nina erzählt für ihr Leben gern Geschichten und träumt davon, Schriftstellerin zu werden – auch wenn sich dieser Wunsch als deutlich schwieriger erweist, als das selbstbewusste Mädchen zunächst annimmt. Wirklich fesselnd sind Geschichten nur dann, wenn sich ihre Hauptfigur verändert: Das legt ihr die Autorin Lídia ans Herz und rät Nina, über einen Augenblick zu schreiben, der ihr eigenes Leben geprägt hat. Dabei denkt Nina an Detti, die als neue Partnerin ihres Vaters das vertraute Familiengefüge durcheinanderbringt. Erst durch sie macht sich Nina auf eine aufschlussreiche Suche nach ihrer verstorbenen Mutter.

Verweise auf ihre Mutter regen Nina (Villő Demeter) eher nicht so auf – „sie ist tot“, sagt sie dann, mag sich auch nicht auf weniger deutliche Formulierungen zurückziehen wie „von uns gegangen“, was ihre Tante Adél (Réka Tenki) besser fände. Acht Jahre ist die Mutter schon tot, „ich habe mich schon daran gewöhnt“, und Erinnerungen an ihre Mutter habe sie eh keine.

Nina spricht das in den ersten Minuten des Films direkt in die Kamera, die Filmtitel sind kaum vorüber, die letzten Credits waren auf ihre Jacke geschrieben und auf ein Skateboard, und damit ist der Ton gesetzt für diesen Film: Direkt, offen, kein bisschen larmoyant, und die Vierte Wand ist hier kaum eine Glasscheibe, sondern die dünne Membran Leinwand, durch die die junge Protagonistin direkt mit ihren Zuschauer:innen, eigentlich ihren Leser:innen spricht.

Reise durch die eigene Lebensgeschichte

Denn „I Accidentally Wrote a Book“ (samt seines umständlichen deutschen Verleihzusatzes „Der Sommer, als (m)ich meine Geschichte fand“) erzählt von Ninas Versuch, ein Buch zu schreiben; unversehens gerät ihr das zur Reise durch die eigene Lebensgeschichte. Die tote Mutter, so früh eingeführt, wird natürlich zum Thema dieser Erzählung.

In viel zu vielen Kinderfilmen dient eine verstorbene Mutter (es ist oft die Mutter) als billiger Plotpoint, als narrative Abkürzung, um ins Leben eines sehr jungen Menschen eine Krise hineinzuerzählen, die dann schließlich – „Coming of Age!“, schreit der narrative Imperativ – Antrieb zur Selbstfindung sein kann. Identität wird gebildet, zur Not auch mit dem Holzhammer. An einer solchen Erzählweise ist Regisseurin Nóra Lakos aber überhaupt nicht interessiert. Der Anfang deutet es schon an: Für Nina ist der Tod ihrer Mutter sehr weit weg, eigentlich kein emotionaler Bezugspunkt mehr. Auch die Familie bietet keinerlei Anlass zur Sorge: Ninas Vater András (László Mátray) ist liebevoll, besorgt und nimmt sich Zeit, ihrem Bruder Junior (Bonca Hárs) erfindet sie Geschichten, Adél kümmert sich – und ab und an tauchen Frauen im Leben des Vaters auf, die meinen, in dieses Familienleben eingreifen zu können oder zu müssen. Das geht nie lange gut.

Bis sich auf einer Schiffsfahrt auf einmal Detti (Vivien Rujder) neben Nina setzt, ihr Kekse anbietet und die beiden gemeinsam anfangen, die Menschen nach ihrer Kleidung einzustufen. Richtig gut kommt nur einer weg. „Das ist mein Vater,“ sagt Nina, etwas peinlich berührt, und von da an nimmt ihr Schreiben etwas Fahrt auf.

Erzähltricks aus der Literatur

Die 13-Jährige lässt sich bei ihrer Nachbarin, der Schriftstellerin Lídia (Kati Zsurzs), Unterricht im Bücherschreiben geben – und all das, was die ältere Dame ihr an Ideen und Aufgaben mitgibt, findet sich alsbald im Film wieder. Kein Wunder, basiert dieser doch wiederum auf einem Roman von Annet Huizing, und Lakos hat alle möglichen Erzähltricks aus der Literatur in entsprechende filmische Muster transponiert: Beschleunigung der Zeit, Dialoge umschreiben, Kontraste zu komischem Effekt.

„I Accidentally Wrote a Book“ ist auch darüber hinaus alles andere als abgefilmte Literatur. In harmonischem Einklang mit der erzählerischen Grundhaltung stellt der Film sein Gemacht-Sein demonstrativ aus: Die Aufteilung der Räume, ihre Strukturen, die Symmetrien der Einstellungen. Und die Farben! Nina kleidet sich vor allem in Primärfarben, blau, weiß und rot dominieren, oft ist die Kleidung in zwei farbige Flächen geteilt; András in leuchtendem Gelb, Detti in Rot. Bei Lídia bilden unzählige Bücherstapel ein Bullauge, durch das sie hindurchschaut. Gelegentliche Animationen, sich sammelnde oder auch herumfliegende Buchstaben und Wörter ziehen das geschriebene Wort noch mehr ins Filmbild.

Das ist alles mit Entschlossenheit inszeniert, ohne so strikte Bildstrukturen zu erzeugen, wie man sie etwa von Wes Anderson kennt; und diese Gelassenheit setzt sich dann wiederum in die Erzählung fort, in Ninas Umgang mit ihrer – dann doch unumgänglichen – Selbstfindung. Hier stürzt alles gleichzeitig auf das junge Mädchen ein: seine Fragen dazu, wer seine Mutter war, seine eigene Pubertät, welche Rolle Detti spielen kann und soll.

Ruhe, Verständnis und Liebe

Man könnte daraus ein großes Drama mit Aufregung und lauten Tönen machen, Lakos aber berichtet von Ruhe, Verständnis und Liebe. Von Erwachsenen, die Kinder ernst nehmen und ihnen Zeit lassen, ihnen nicht ihre eigenen Sorgen und Entwicklungen auch noch aufladen. Das ist natürlich heile Welt und hochgradig idealisiert, aber (leider) sind wir auch nicht alle so schlicht schön angezogen wie die Menschen in diesem Film.

Auch mit Liebe in und aus allen Richtungen ist das Leben immer noch schwierig genug, das deutet sich hier am Rande immer schon einmal an; aber seine eigene Geschichte aktiv erzählen zu können, nicht als einsame Figur, sondern als Teil der Geschichten vieler anderer, von diesem Glück erzählt „I Accidentally Wrote a Book“. Und dann passt der deutsche Verleih-Untertitel eben doch vielleicht ganz gut.

Veröffentlicht auf filmdienst.deWie ich zufällig ein Buch schriebVon: Rochus Wolff (15.9.2026)
Über filmdienst.de Filmdienst.de, seit 1947 aktiv, bietet Filmkritiken, Hintergrundartikel und ein Filmlexikon zu neuen Kinofilmen aber auch Heimkino und Filmkultur. Ursprünglich eine Zeitschrift, ist es seit 2018 digital und wird von der Katholischen Filmkommission für Deutschland betrieben. filmdienst.de