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Filmkritik
Isaac Asimov war ein fanatischer Science- Fiction-Autor – mit einem Ph. D. der Columbia University. Als 13-Jähriger schrieb er an das Pulp-Magazine „Astounding Stories“ seinen ersten Leserbrief, der prompt gedruckt wurde. Darin listete er jene Storys auf, die ihm gefielen bzw. missfielen und kommentierte kritisch seine Einschätzungen. Was hätte der 1992 verstorbene Visionär wohl zu Alex Proyas’ „I, Robot“ geschrieben? Vermutlich hätte er eine ähnliche Liste erstellt. Proyas’ Film verwendet verschiedene Plot-Elemente von Asimovs aus den 1940er-Jahren stammender Kurzgeschichtensammlung und kombiniert sie mit Versatzstücken der Filmgeschichte – von der ideologischen Gesellschaftszersetzung aus „Invasion der Körperfresser“ (fd 5915) über die Kontroll-Phantasmagorien eines Roboterkonzerns aus „Robocop“ (fd 26 601), die Verselbständigung künstlicher Intelligenzen à la „Blade Runner“ (fd 23 689) oder „A.I.“ (fd 35 041) bis zu Proyas eigenem virtuosen Vexierspiel über die Herrschaftsfantasien der „Anderen“ aus „Dark City“ (fd 33 277). Das Drehbuch wurde dann noch einmal auf das Image des Hauptdarstellers Will Smith hin gestylt und mit einem postmodernen Genre-Mix drapiert. Das Ergebnis ist so unbefriedigend wie enttäuschend. Während Asimov mit Eleganz und Fantasie ein wegweisendes Buch über die Integration von Robotern in die Gesellschaft verfasste, vermag Proyas Film nur Altbekanntes in andere Konstellationen zu verschieben, ohne dass daraus ein neuer Gedanke entstünde.
Die Story spielt im Chicago des Jahres 2035: Verschiedene Roboter-Generationen haben ihre Dienste erfolgreich ins gesellschaftliche Leben integriert. Sie führen Hunde aus, sammeln Müll ein, bedienen in Restaurants und helfen im Haushalt. Das gewachsene Vertrauen in die intelligenten Maschinen nutzt der Megakonzern U.S.- Robotics, um mit dem Werbeslogan „In jedem Haushalt ein Roboter“ das neueste Modell – quasi einen „Volksroboter“ – massenweise an den Mann zu bringen. In dieser modernen Welt gibt es nur einen Menschen, der dem vermeintlichen Segen der Technologie misstraut: Del Spooner, Detektiv beim Morddezernat, Retro-Junkie und Markenfetischist. Er versucht, einen vermeintlichen Selbstmord in höchsten Kreisen bei U.S.-Robotics aufzuklären und das Rätsel um den Roboter Sonny zu entwirren, der von seinem Schöpfer die Fähigkeit bekam, zu träumen, Emotionen zu entwickeln und nach dem Sinn seiner Existenz zu forschen. Mit dieser Prämisse beginnt die Handlung wie eine Serie von fallenden Domino-Steinen, die auf das absehbare Ende zusteuern: die Revolution der Maschinen (in „Terminator 3“ hieß das noch „Rebellion der Maschinen“). Die Roboter-Psychologin Dr. Susan Calvin versucht, zwischen dem erklärten Roboter-Feind Spooner und der denkenden Maschine zu vermitteln. Denn der sympathische Superroboter Sonny ist der Schlüssel zu einem Geheimnis, das sein Schöpfer in den Träumen der Maschine kodiert hat. Nach der Entwirrung des Selbstmordmotivs gipfelt die Schlüsselszene in einem versöhnlichen Händereichen, das in anderer Konstellation bereits in Fritz Langs „Metropolis“ (fd 35 434) zum Sinnspruch „Der Mittler zwischen Hirn und Hand muss das Herz sein“ ähnlich plump wirkte.
Das Problem von „I, Robot“ ist, dass der Film kein Herz besitzt. Interessante Fragen wie das Bewusstsein von Robotern mit künstlicher Intelligenz oder die Gefahren faschistoider Herrschaftsstrukturen durch die globale Vernetzung werden zugunsten überzogener Action-Sequenzen schnell ad acta gelegt. Die Figur des schwarzen Detektivs ist die austauschbare Karikatur jener „toughen“ Actionhelden der 1980er-Jahre, die mit einem nur manchmal unterhaltsamen Oneliner auf den Lippen ihre Gegner pulverisierten – ein Auslaufmodell. So verwundert es nicht, dass die Maschine mit überlegten Äußerungen, gepflegtem sozialen Umgang und tiefgründigen Reflexionen die Sympathie der Zuschauer gewinnt. Spooner will beispielsweise dem Roboter erklären, dass dieser lediglich ein Stück Metall sei, weil er keine Sinfonien komponieren oder ein Bild malen könne. Entwaffnend kommt die Rückfrage: „Können Sie?“ Sonny legt nach, indem er sich für die Bezeichnung „er“ bedankt, die ihn als Lebewesen und nicht als seelenlose Maschine ausweise. Auch die rassistischen Vorurteile und die offene Diskriminierung, die sich in Spooners Verachtung gegenüber den Robotern ausdrückt, bringt subtil Assoziationen zum Trauma nach dem 11. September zum Schwingen.
Die Roboter funktionieren nach den von Asimov begründeten drei Gesetzen der Robotik: 1. Ein Roboter darf keinen Menschen verletzen oder es durch Untätigkeit zulassen, dass ein Mensch zu Schaden kommt. 2. Ein Roboter muss die Befehle, die ihm durch Menschen gegeben werden, ausführen, außer wenn solche Befehle im Widerspruch zum Ersten Gesetz stehen. 3. Ein Roboter muss seine eigene Existenz schützen, so lange dies nicht in Widerspruch zum Ersten oder Zweiten Gesetz steht. Da ist es folgerichtig, dass intelligente Roboter die Kontrolle über die Menschen einfordern, um sie vor ihrer eigenen Zerstörungswut zu schützen. Denn der egoistische und kurzsichtige Umgang mit den Ressourcen und die Bereitschaft, Konflikte mit Gewalt zu lösen, rechtfertige die kurzfristige Aufhebung gewisser Grundgesetze der Roboterverfassung – ein Ausnahmezustand, der mit bösem Augenzwinkern auf die jüngste Zeitgeschichte verweist. Letztlich stellt der Film die bange, aber nicht neue Frage, ob Roboter nicht die besseren Menschen seien. Sexualität, Liebe und Zuneigung sind in Proyas’ Zukunftsvision abwesend. Roboter und Menschen funktionieren in ihren Jobs und haben sich längst in der übervölkerten urbanen Lebenswelt angeglichen.
Trotz der real anmutenden visuellen Zukunftsvision wirkt die Grundprämisse der totalen gesellschaftlichen Akzeptanz und das Vertrauen in eine von der Werbung als idiotensicher deklarierte Technologie oberflächlich. Wo bleibt der Widerstand gegen die Roboter, deren Implikationen zwangsläufig zu höherer Arbeitslosigkeit, neuen Abhängigkeiten und gesellschaftlichen Konflikten führen müssen? Im Film hat der Begründer der Robotik-Gesetze dies angeblich vor 20 Jahren formuliert, also im Jahr 2015. Dabei genießen Asimovs Ideen seit Jahrzehnten Kultstatus. Es sind solche lieblos übergangenen Aspekte, die Asimovs engagierte Fiktionen zusätzlich schmälern. Dazu gesellen sich zahlreiche vermeidbare Unstimmigkeiten. Während die Straßen in vielen beeindruckenden Panorama-Bildern vor Autos und Menschen überquellen, findet die Roboter-Attacke auf Spooner auf einer Hauptverkehrsstraße statt, die just zu diesem Zeitpunkt vollkommen verlassen ist. Andere Überfälle, wie der Angriff eines Abrissroboters, der wegen Spooners Nachforschungen ein Haus in Schutt und Asche legt, bleiben von der Bevölkerung und der Polizei unbemerkt. Asimov glaubte, dass niemand eine dumme Geschichte schreiben könne, solange er die drei Robotic-Gesetze mit berücksichtigt. Das stimmt nicht für die Literatur und erst recht nicht für die Filmindustrie. „I, Robot“ ist hierfür der jüngste Beleg.










