Vorstellungen
Filmkritik
Es hat Methode, dass man Heike (Sabine Thalau) meistens von hinten sieht. Dem Regisseur Kilian Armando Friedrich geht es in seinem Spielfilmdebüt „Ich verstehe Ihren Unmut“ nämlich vorrangig um eine Darstellung der prekären Arbeitswelt im Niedriglohnsektor – die Protagonistin, 59-jährig, Objektleiterin einer Reinigungskolonne, dient ihm als Vehikel zur Auslotung der Verhältnisse. Also folgt das Kamera-Duo Louis Dickhaut und Frederik Seeberger ihr auf Schritt und Tritt, fast durchweg auf der Arbeit: in Aktion, im Austausch, im Stress. Der Sozialrealismus, der dabei entsteht, gemahnt an die ähnlich gelagerten Filme des Briten Ken Loach. Zudem ähnelt das Arbeitsplatzdrama Petra Volpes „Heldin“ über die Schicht einer Pflegerin. Beide Filme schauen ohne große Zuspitzungen über die Schultern ihrer Protagonistinnen und tauchen mit ihnen in brisante Arbeitswelten ab.
Unmittelbar ein Gefühl des Dabeiseins
Symptomatisch für diesen Ansatz ist bereits der Auftakt. Die in drei Plansequenzen unterteilte Eröffnung erzeugt ganz unmittelbar ein Gefühl des Dabeiseins. Die Kamera folgt Heike durch eine Einkaufsmall. Sie packt selbst mit an, leitet zwischen Tür und Angel Reinigungskräfte an: „Mach’s ordentlich, bitte.“ Die Verantwortung dafür, dass sauber gearbeitet wird, der Zeitmangel und der Effizienzdruck sind sofort spürbar. Die Handkamera bleibt dynamisch an Heike dran, schwenkt ihr hinterher, verpasst beinahe den Anschluss, als sie schon einen Schritt weiter ist. Zweimal raffen harte Schnitte die Zeit, was die Hektik betont. Die Handgriffe sitzen, der Umgangston ist kurz angebunden.
Die aus der Hand gefilmten Bilder wirken quasi-dokumentarisch, was mit Friedrichs vorherigen Dokumentarfilmen korrespondiert. Dass der Film zudem ohne außerfilmische Musik auskommt und an realen, oft alltäglichen Schauplätzen gedreht wurde, verstärkt den Eindruck der Authentizität. Ebenso die fast vollständige Besetzung mit Laien – die einnehmende Hauptdarstellerin Sabine Thalau ist auch im wahren Leben in der Gebäudereinigung tätig. Im Film wie in der Realität bleibt ihre Arbeit oft unsichtbar, weil sie nach Dienstschluss stattfindet, außerhalb von Öffnungszeiten. „Wir putzen nicht, wir reinigen!“, stellt Heike einmal klar, um beim Streit mit einer Kita-Leiterin mehr Respekt einzufordern.
Interne und externe Konflikte
Durch den Personalmangel bleiben viele Schichten unterbesetzt. Das sorgt für interne und externe Konflikte. Als Heike eine Hilfskraft von einem Subunternehmer abwerben will, fällt der Versuch auf. Tatsächlich ging es ihr allerdings auch darum, dem Migranten aus Afrika eine Aufenthaltserlaubnis zu verschaffen. An anderer Stelle schiebt sie einem Mitarbeiter Diebesgut unter, um eine Kündigung zu rechtfertigen. Ihre Freundin und Kollegin Taja (Nada Kosturin) heißt das gar nicht gut. So erscheint Heike, die nebenher auch gestrecktes Putzmittel verkauft, als glaubwürdig ambivalente Figur, die in einer moralischen Grauzone agiert.
Eine dramaturgische Konstante ergibt sich durch Heikes Zwischenstellung als Leiterin des Reinigungsteams. Die Beschwerden rieseln von oben nach unten. Permanent vermittelt Heike zwischen den oft migrantischen Gebäudereinigern, unzufriedenen Kundinnen und der Unternehmensleitung. Per Freisprecheinrichtung führt sie im Auto Diskussionen, bei denen die Beteiligten sich dauernd gegenseitig unterbrechen. Dabei fällt der titelgebende Satz: „Ich verstehe Ihren Unmut.“ Als Heike ein paar Mitarbeiter während der Arbeitszeit bei einer kleinen Geburtsfeier in einer Turnhalle erwischt, führt das die hierarchische Dynamik vor Augen. Mit strengem Ton unterbindet Heike die Feier und fügt hinzu: „Ich bekomme immer den ganzen Ärger.“ Während das Personal die Halle verlässt, zeigt die Kamera Heikes Gesicht mal etwas länger. Darin ist Unzufriedenheit über die Situation erkennbar, die keine Kollegialität zulässt. Dass sie dem jungen Vater, auf den spontan angestoßen wurde, dann doch noch gratuliert, setzt ein kleines Zeichen der Solidarität.
Mit den zermürbenden Bedingungen arrangieren
Eine mögliche Ausflucht aus dem System wäre die Gründung einer eigenen Reinigungsfirma. Heike zieht das zwischenzeitig in Betracht. Doch bei der Arbeitsagentur wird ihr davon abgeraten. Zu alt. Bis zur Rente muss sie sich wohl oder übel mit den zermürbenden Bedingungen arrangieren. Umso harmonischer wirken die seltenen Momente der Ruhe und Besinnung. Gegen Ende des Films lädt Heike einige Mitarbeiter zu einem Sommerfest ein. Der Schauplatz auf einer offenen Wiese bildet einen Kontrast zum Arbeitsalltag, der meist in Innenräumen stattfindet. Die Kamera ist weniger nervös, es gibt keine schnellen Schwenks. Mit Heikes Feierabend kommt der Film zur Ruhe.




