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Ich war ein Zeuge

84 minDokumentarfilm
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Szenebild von Ich war ein Zeuge 1
Was als ruhiges Fotoprojekt beginnt, wird zu einer erschütternden Reise in die Tiefen einer religiösen Parallelwelt. Der Fotograf Andreas Reiner trifft ehemalige Mitglieder der Zeugen Jehovas - Menschen, die den Mut hatten, eine streng kontrollierte Religionsgemeinschaft zu verlassen. In offenen, ergreifenden Gesprächen sprechen sie über ihre Kindheit und Jugend im engen Korsett religiöser Regeln, psychischen Druck, sexualisierte Gewalt, Konversionstherapie und den existenziellen Bruch, der mit dem Austritt einherging.
  • Veröffentlichung26.03.2026
  • Andreas Reiner, Monika Agler, Günter Moritz

Die „Zeugen Jehovas“ sind im öffentlichen Raum präsent und verborgen zugleich. Oft sieht man sie auf Plätzen neben ihrer Zeitschrift „Wachtturm“ stehen. Sie drängen sie den Passanten nicht offensiv auf, fast scheinen sie auf nsprache von außen zu warten. Doch was diese auf andere gelegentlich sonderbar wirkenden Leute wirklich umtreibt, wie das Leben innerhalb ihrer strengen Gemeinschaft funktioniert, wissen neben ihnen selbst oft nur die Menschen, die einmal Teil dieses Kollektivs waren. Der Fotograf Andreas Reiner hat einige dieser früheren Zeugen Jehovas für ein Projekt porträtiert.

Vier davon – einer scheint offiziell noch Teil der Gemeinschaft zu sein, ist verpixelt zu sehen und wird mit verfremdeter Stimme anonymisiert – sind nun im Dokumentarfilm „Ich war ein Zeuge“ von Günter Moritz zu sehen. Darunter Alex, den Reiner bei gemeinsamen Fahrten in einem Van befragt. Alex entdeckte als Jugendlicher seine Homosexualität. Die Zeugen brachten ihn daraufhin zu einer Konversionstherapie. Bei dieser scheinwissenschaftlichen Methode sollen Menschen zur Neigung zum anderen Geschlecht umerzogen werden.

Ein doppeldeutiger Titel

„Ich war ein Zeuge“ ist als Titel durchaus doppeldeutig. Einerseits verweist er auf die Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas, welche die meisten der hier Porträtierten hinter sich gelassen haben – unter unbeschreiblichem Energieaufwand. Der Begriff Zeuge erweckt zugleich Assoziationen an die gerichtliche Aufarbeitung eines Sachverhalts. Und tatsächlich sind einige von ihnen Opfer von Straftaten geworden, allerdings ohne dafür Gerechtigkeit erfahren zu haben. Eine junge Frau erzählt Andreas Reiner in einer weiten Deichlandschaft am Meer von sexuellen Übergriffen eines anderen Zeugen. Als sie dies der Gemeinschaft meldete, gab es eine Versammlung mit den sogenannten Ältesten, ihr selbst und dem Täter. Nachdem dieser die Taten einräumte, habe es außer der Mahnung, damit aufzuhören, keinerlei Konsequenzen gegeben. Sie selbst sei dagegen nach der Art ihrer Unterwäsche gefragt worden, als ob sie den Übergriff selbst provoziert habe.

Die junge Frau erzählt das alles in einer für sie sicheren, ihr Kraft verleihenden Umgebung – im Hintergrund machen sich Vögel bemerkbar. Sie berichtet davon, immer wieder Suizidgedanken zu haben. Solche Gefühle kennt auch eine andere Protagonistin, die sich früher ritzte und sich inzwischen in einer Beziehung aufgehoben fühlt. Es muss ihnen allen viel Kraft abverlangt haben, aus der Sekte auszusteigen. Denn damit gaben sie auch ihr gesamtes soziales Umfeld auf. Die meisten kamen schon als Kinder von Zeugen in die Gemeinschaft. Man merkt ihnen allen an, welch schweres seelisches Gepäck sie weiterhin schultern müssen.

Fotograf und neugieriger Reporter

„Ich war ein Zeuge“ vermag trotz seiner bisweilen konventionellen Machart zu berühren. Der üppige Einsatz von getragener Klaviermusik freilich wirkt als Stilmittel abgedroschen. Ästhetisch orientiert sich Regisseur Günter Moritz an modernen Fernsehreportagen, in denen die Journalisten immer auch selbst Teil des Geschehens sind. Es geht hier nicht darum, aus einer vermeintlich neutralen Beobachterposition über das Geschehen zu berichten. Der charismatische Andreas Reiner hat in diesem Film zahlreiche Rollen. Er tritt als Fotograf der Porträtierten auf, ist aber zugleich der neugierige Reporter, der ihren Geschichten auf den Grund gehen möchte.

Ihre Zeugnisse kommentiert er in unverkennbarem Schwäbisch immer wieder auch selbst. Wie ein zugewandter Therapeut drückt er seine Anerkennung für die Aussteiger aus, regt sich dann wieder über die skandalösen Vertuschungen innerhalb der Zeugen Jehovas auf. Seine Präsenz trägt durch diesen Film und scheint auch seinen vorsichtigen Gesprächspartnern dabei Halt zu geben.

Veröffentlicht auf filmdienst.deIch war ein ZeugeVon: Arne Koltermann (13.3.2026)
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