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Filmkritik
„Was habt ihr alle mit dem Meer?“ Als Nour (Ayoub Gretaa) nach acht Jahren erstmals nach Marokko zurückkehrt, ist er für seine Familie ein Fremder. Seine Mutter vermag ihre Enttäuschung nicht zu verbergen, jeder Satz klingt nach einem Vorwurf. Anstatt im Dorf zu übernachten, hat sich ihr Sohn in einem Hotel am Meer einquartiert und an seiner Seite sitzen seine um viele Jahre ältere Frau und ein Kind, das nicht das seine ist. Es ist ein schmerzhaftes Wiedersehen, für beide Seiten.
Das Meer, die gleichermaßen herzzerreißende wie lebensumarmende Raï-Musik und die Freunde sind für Nour im französischen Exil der einzige Anker. „Zwischen uns das Meer“ beginnt 1990 mit seiner Ankunft in Marseille. Nour, 27-jährig, führt als illegaler Geflüchteter ein Leben am Rand. Das Zimmer, das er mit einer Gruppe von Freunden teilt, ist heruntergekommen, die Schwarzmarktgeschäfte, die sie über Wasser halten, sind riskant, ständig sind sie auf der Flucht vor der Polizei. Elend und Gefahr halten sie aber nicht vom ausgelassenen Feiern und Tanzen ab. Melancholie, Traurigkeit und Lebensfreude sind fest miteinander verschmolzen.
Vorbild ist das Melodram
Der franco-marokkanische Filmemacher Saïd Hamich Benlarbi schlägt von Beginn an einen Ton an, der sich deutlich von sozialrealistischen Migrationsdramen unterscheidet. Die Farben sind kräftig, die Figuren immer ein Stück weit überzeichnet, die Figurenkonstellationen kontrastreich, um nicht zu sagen unwahrscheinlich. Vorbild ist das Melodram, insbesondere sind es die Filme von Douglas Sirk, aber auch Fassbinders „Angst essen Seele auf“. Formal bleibt „Zwischen uns das Meer“ aber doch mehr im Rahmen eines klassischen Dramas.
Die Geschichte erstreckt sich von 1990 bis in das Jahr 1999, drei Kapitel und ein Epilog strukturieren sie. Äußere Umstände und individuelle Entscheidungen reißen die Gruppe um Nour auseinander. Khaled entscheidet sich für eine arrangierte Ehe und die Aussicht auf Papiere. Fadela, seine verbitterte Lebensgefährtin, orientiert sich neu und geht eine Beziehung mit einem Franzosen ein. Houcine, der in Marokko Frau und Kinder zurückgelassen hat, wird abgeschoben. Auch Nour droht nach einer Polizeirazzia das gleiche Schicksal. Doch der Polizist Serge verbrennt seine Papiere und lässt ihn laufen.
Alles, was die Welt zu bieten hat
Serge ist eine reine Kinofigur, in der sich das Charisma und die Zwielichtigkeit des Noirs mit der Flamboyanz des queeren Kinos verbinden. „Er will alles, was die Welt zu bieten hat“, so beschreibt ihn seine Ehefrau Noémie (Anna Mouglalis), die mit dem schwulen Begehren ihres maßlosen Mannes gut leben kann. Serge liest Nour von der Straße auf und besorgt ihm ein Zimmer über einer Drag-Bar in einem maghrebinischen Viertel. Für Nour eröffnet sich eine unbekannte Welt, die er zunächst mit Ablehnung betrachtet, Serges sexuelle Annäherungen weist er entschieden ab. Doch bald wandelt sich Befremden in Staunen und Faszination. Nour findet in Serge und Noémie, die einen gemeinsamen Sohn haben, enge Freunde und eine Art Ersatzfamilie. Nachdem Serge an den Folgen von Aids stirbt, geht Nour eine Beziehung mit Noémie ein und beginnt eine Ausbildung als Schreiner.
Über Klassenunterschiede (Noémie ist leitende Mitarbeiterin einer Bank) und Differenzen qua Herkunft setzt sich der Film resolut hinweg. Nour und Noémie erfahren zwar Ablehnung von Seiten der Gesellschaft – misstrauische Blicke auf das ungleiche Paar gibt es nicht nur von Serges patriarchaler Familie –, doch innerhalb ihrer Beziehung spielen sie praktisch keine Rolle. Hamich Benlarbi geht es, auch in den teils traurigen, dabei stets lebensbejahenden Wiederbegegnungen mit den alten Freunden, mehr um das Gefühl fundamentaler Entwurzelung. Ein Zustand des ewigen Exils, den als Identität anzunehmen ein langer, beschwerlicher Weg ist.








