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Filmkritik
Enrico Berlinguer (1922-1984) hat als einer der wichtigsten Kommunistenführer der westlichen Hemisphäre in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Geschichte geschrieben. Der aus Sardinien stammende Politiker, der von 1972 bis 1984 Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) war, setzte sich erfolgreich für einen eigenständigen Weg seiner Partei zum Sozialismus jenseits der sowjetischen Ideologie ein und wandte sich konsequent gegen die Dogmen des Kalten Krieges. Er gilt als ein Protagonist des Eurokommunismus, der sich für eine aktive Mitwirkung an der parlamentarischen Demokratie und Kooperationen mit bürgerlichen und sozialdemokratischen Parteien aussprach.
Der Film „Enrico Berlinguer - La Grande Ambizione“ des erfahrenen italienischen Regisseurs Andrea Segre beschränkt sich auf die Jahre 1973 bis 1979, einen Zeitraum, in dem Berlinquer (Elio Germano) mit seinem reformistischen Kurs seine Partei zu einer einflussreichen Kraft im italienischen Parteiengefüge führte. Bei der Parlamentswahl im Jahr 1976 erzielte sie mit 34 Prozent der abgegebenen Wählerstimmen ihr historisch bestes Ergebnis und stieg zur zweitstärksten Kraft nach der konservativen Democrazia Christiana (DC) auf. In den großen Städten Turin, Bologna, Rom, Neapel und Florenz stellte sie die Bürgermeister. Gestärkt von diesen Wahlerfolgen konnte Berlinguer mit dem DC-Spitzenpolitiker Aldo Moro (im Film von Roberto Citran dargestellt) ein Bündnis schmieden, dessen Umsetzung aber daran scheiterte, dass die Terrorgruppe „Rote Brigaden“ Moro 1979 entführte und ermordete.
Schwierige Gespräche und ein mutmaßlicher Anschlag
Segres eher nüchtern gehaltener Film setzt 1973 mit einer Bulgarien-Reise ein. In Sofia führt Berlinguer schwierige Gespräche mit dem moskautreuen Staatschef Todor Schiwkow. Auf der Fahrt zum Flughafen wird Berlinguers Auto in einem Konvoi in einen Unfall mit einem Lastwagen verwickelt und der Politiker verletzt. Zurück in der Heimat äußert er gegenüber seiner Frau Letizia den Verdacht, Ziel eines Anschlags gewesen zu sein. Der Politiker nimmt den Mordversuch ernst: Von nun an sieht man ihn immer wieder in gepanzerten Autos, später wird er von bewaffneten Personenschützern begleitet. Den Krankenhausaufenthalt nach dem Unfall nutzte Berlinguer, um angesichts des Militärputsches gegen die sozialistische Regierung von Salvador Allende in Chile das Konzept des „Historischen Kompromisses“ zu entwickeln und zu veröffentlichen.
In der Bulgarien-Sequenz, aber auch in den weiteren Stationen der Erzählung, fügt der Regisseur immer wieder kurze schwarz-weiße oder farbige Bilddokumente ein, die die jeweiligen historischen Ereignisse zeigen und die fiktionale Ebene beglaubigen. Die elegante Art der Verschweißung von dokumentarischen und fiktionalen Bildquellen erinnert an die Machart der Dokudramen des deutschen Regisseurs Heinrich Breloer, etwa in „Wehner - die unerzählte Geschichte“ (1993) oder „Speer und Er“ (2004). Segre blendet in seinem Film die Namen, teils auch die Funktionen, der auftretenden Personen ein, sodass jüngere, aber auch nicht-italienische Zuschauende sich leichter orientieren können.
Von Ereignis zu Ereignis
Der zweistündige Film wirkt mit seiner Faktenfülle bisweilen geradezu hektisch, eilt von Ereignis zu Ereignis, ist geprägt von zahlreichen Dialogen. Die zeichnen den Protagonisten als ehrgeizigen und agilen Politprofi, der mit seiner Bescheidenheit und Leidenschaft sehr volksnah wirkt, als begabten Redner, der seine Anhänger motivieren und sich im politischen Ränkespiel durchsetzen kann, aber auch als geradlinigen Familienmenschen, der sich kritischen Fragen stellt und seine Verantwortung ernst nimmt.
Letzteres wird in der stärksten Szene des Biopics kurz vor Schluss besonders deutlich. Da sagt Berlinguer im September 1979 in Anwesenheit seiner Frau seinen Kindern: „Sollte man mich entführen, so ist mein Wunsch, dass mit den Entführern nicht verhandelt wird.“ Einige Monate zuvor hatte er nach der Geiselnahme Moros Verhandlungen mit den „Roten Brigaden“ mit dem Argument abgelehnt, die Demokratie lasse sich nicht von einer Terrorgruppe erpressen. Auch an anderen Stellen gibt Berlinguers Eintreten für einen Konsens der demokratischen Kräfte angesichts der Bedrohungen durch rechte und linke Extremisten wichtige Denkanstöße für unsere Gegenwart.
Beim Segeln vom Politbetrieb ausspannen
Nur selten gönnt der Film dem Publikum willkommene Ruhepausen zum Verschnaufen, etwa wenn Berlinguer in einer ruhigen Minute mit gymnastischen Übungen die Glieder lockert oder beim Segeln vom Politbetrieb ausspannt. Etwas zu kurz fallen die Einblicke ins Privatleben aus. So hätte man gerne mehr dazu gehört, ob Berlinguers Frau wirklich bedingungslos zu seiner Karriere steht. Die spannenden Diskussionen zwischen den Kindern und dem Vater über dessen Rolle in der dynamischen politischen Entwicklung Italiens bleiben leider in Ansätzen stecken. Insgesamt macht der Film aber verständlich, warum Berlinguer bis heute als einer der populärsten Politiker Italiens gilt. Als er im Juni 1984 an den Folgen eines Schlaganfalls starb, säumten bei seinem Begräbnis rund 1,5 Millionen Menschen die Straßen Roms.
