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IM REICH DER SINNE

109 minDrama, Lovestory
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Japanischer Erotikfilm von Nagisa Oshima, der im Japan der 1930er spielt: eine junge Prostituierte beginnt eine Affaire mit dem Besitzer des Bordells. Die Liebesspiele steigern sich in Gewalt und Schmerz und enden mit der Erwürgung und Kastration des Mannes.

Nagisa Oshimas Film ist die schockierend krasse Darstellung einer ekstatischen sexuellen Besessenheit. Die junge Sada arbeitet als Bedienerin in einem Teehaus (Restaurant). Nebenbei war und ist sie Geisha (diese Bezeichnung trifft auf verschiedene Kategorien von Frauenberufen zu und bedeutet "seine Kunst verkaufen", was auf der untersten sozialen Stufe auch "seinen Körper verkaufen" heißt). Ihr verheirateter Chef ist Kichizo, eine Art Playboy, der sich auf seine Fähigkeiten als Liebhaber einiges einbildet. Ihm gefällt die schöne Sada. In der Annahme, es handle sich um einen der üblichen Seitensprünge ihres Mannes, übernimmt Kichizos Frau sogar die Vermittlerrolle. Die sexuelle Begegnung der beiden läßt sie zu Gefangenen einer ungeheuerlichen, alles verzehrenden Leidenschaft werden. Sie schließen sich völlig von der Umwelt ab, um in ständig wechselnden Räumen, die immer trostloser werden, ganz ihrer Begierde und Lust zu leben. Sie stimulieren sich gegenseitig unentwegt zu Liebesakten - beim Essen, Musizieren, Gästeempfangen, auf kurzen Ausfahrten und Spaziergängen. Ihr grenzenloses Begehren dient nur dem einen Ziel: den Partner zu besitzen, mit ihm ganz eins zu werden, mit ihm zu verschmelzen, in ihm zu "sterben". - Von der Umgebung wird das Verhalten teilweise verurteilt: "Man sagt, daß Sie lasterhaft sind", wird Sada von einer Dienerin getadelt. Aber das Paar verweigert sich jeder Beurteilung durch konventionelle, traditionelle oder moralische Werte und Begriffe. Sada und Kichizo haben sich total isoliert, für sie zählt nur die totale Preisgabe, die gegenseitige Konsumation. In ihr wahnhaftes Ritual werden, zur Steigerung und Ausweitung ihrer sexuellen Möglichkeiten, auch Dritte einbezogen. Im Verlauf dieser Raserei, in der die beiden die Grenzen der Lust und des Beisammenseins immer weiter hinauszudehnen suchen, vollzieht sich ein Rollenwechsel: Sada wird immer fordernder, initiativer, dominanter, während der Mann immer mehr alles mit sich geschehen läßt, sich unterwirft, bei gleichzeitig immer totaler werdendem Einverständnis der beiden Liebenden. Dabei erleben sie in ihrem rauschhaften Wahn ihre Körper allmählich als unzulängliche Instrumente ihres grenzenlosen Verlangens nach totaler gegenseitiger Verschmelzung. Diese scheint nur noch durch die Selbstaufgabe eines Partners und durch dessen Besitznahme durch den anderen möglich zu werden. So steuert diese "Corrida der Liebe" (so der den Sachverhalt präzis treffende japanische Titel) dem "Augenblick der Wahrheit" zu: Kichizo ist bereit, zu sterben, ja er provoziert eigentlich seinen Tod, damit Sada das Objekt ihrer Liebe ganz besitzen kann. Sie erwürgt ihn während des letzten orgiastischen Geschlechtsaktes und amputiert ihm Glied und Hoden. - Die Geschichte der Geisha Sada hat sich 1936 in Japan ereignet. Am Schluß des Films wird im Off berichtet, Sada sei tagelang mit dem abgeschnittenen Penis herumgeirrt und sei bei ihrer Festnahme strahlend vor Glück gewesen (sie wurde dann zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt). Sada hat in der japanischen Öffentlichkeit sprichwörtliche Berühmtheit erlangt. Dies ist wohl nur aus der traditionellen japanischen Bewunderung für diejenigen zu verstehen, die die Normen übertreten. Dies äußert sich etwa in der Bewunderung, ja Heroisierung von Harakiri, Kamikaze und Shinju (doppelter Selbstmord). - Nur auf den ersten Blick mag erstaunen, daß Nagisa Oshima diese Geschichte eines "amour fou" verfilmt hat, In seinen schwierigen Filmen, etwa in "Tagebuch eines Diebes aus Shinjuku" "Tod durch Erhängen", "Nacht und Nebel über Japan" und "Die Zeremonie" setzt er sich aus linksradikaler Sicht auf stilistisch sehr verschiedene Weise vehement und aggressiv mit gesellschaftlichen und politischen Problemen des modernen Japan auseinander. Dabei waren auch Erotik und Sexualität immer wieder Gegenstand seines besonderen Interesses. Nach seiner Ansicht wurde die hohe erotische Kultur Japans (die geschlechtliche Vereinigung galt als Ausdruck höchster Vollkommenheit) durch buddhistische und abendländisch-christliche Einflüsse unterdrückt und tabuisiert. Oshima versteht seinen Film, der in Japan verboten ist, als Revolte einer verschütteten sexuellen Kultur. - Daß sich die Geschichte des Films 1936 ereignet hat, war wohl von ausschlaggebender Bedeutung für die Wahl dieses Stoffes. Es war das Geburtsjahr des japanischen Faschismus, jenes größenwahnsinnigen imperialistischen Aufbruchs eines Volkes, der 1945 in Hiroshima und Nagasaki sein infernalisches Ende gefunden hat. Fast genau in der Mitte des Films läuft Kichizo auf der Suche nach Sada an Kolonnen marschierender Soldaten vorbei, ohne sie im geringsten zu beachten. Die Abwendung der beiden von ihrer Umwelt und die totale Fixierung auf ihre Leidenschaft erscheint daher als Absage an die gesellschaftlich-politische Entwicklung des damaligen Japan. Oshima: "Ich denke, daß die beiden Liebenden dieser Situation indifferent gegenüberstehen, ist in sich schon sehr politisch." Da in Oshimas wenig differenzierter Sicht zwischen dem Japan von 1936 und dem von 1976 kaum Unterschiede bestehen, wird die gesellschaftliche Gegenposition des Liebespaares und damit auch des Films deutlich, wenn auch nicht überzeugender. - Von pornografischen Erzeugnissen unterscheidet sich Oshimas Film beträchtlich. Er reiht nicht einfach voyeuristisch Groß- und Detailaufnahmen sexueller Akte aneinander. Seine vorwiegend statische Kamera bleibt auf Distanz, die Struktur des Films und die einzelnen Szenen folgen logisch der inneren Entwicklung der exzessiven Leidenschaft des Paares. Die Interieurs und Farben sind kühl, fast eisig. Aber im Grunde genommen lohnt sich die Diskussion, ob pornografisch oder nicht, kaum. Einige Szenen und die entsetzliche, blutige Amputierung des Geschlechtsteils werden viele berechtigterweise als unerträglich empfinden, und wer Anstoß nehmen will am sexuellen Naturalismus, wird genügend Anlaß finden. Der "Skandal" dieses Films liegt nicht in diesen sogenannt "anstößigen" Szenen, sondern in der Grundhaltung des Films. Hier ziehen sich zwei Menschen total auf ihre Individualität und Geschlechtlichkeit zurück, brechen alle Brücken zur Umwelt und zur Gesellschaft ab. Ein "subversiveres" Verhalten ist kaum denkbar und ist weit "anstößiger" als eine pornografische, sexuell aufreizende Szene. Außerhalb jeder sittlich-ethischen Ordnung setzen sich hier zwei Menschen zur absoluten Norm und machen die Sexualität zum alleinigen Inhalt ihres Lebens. Man kann wohl, wie Hartmut Weber im "Filmbeobachter" (5/78) unter Berufung auf Paulus (Röm 6,23: "Denn der Lohn, den die Sünde zahlt, ist der Tod") diese radikale Haltung, die auf Umwelt, Mitmensch und Gott verzichtet, als die "Sünde" schlechthin verstehen. Nur dürfte diese theologische Interpretation des Films sozusagen als abschreckendes Beispiel die Intentionen des Filmautors in ihr Gegenteil verkehren. Oshima versteht das Verhalten Sadas und Kichizos als eine mögliche Gegenposition zur heutigen Wirklichkeit. Jede andere Interpretation verharmlost die Sprengkraft dieses Films. Das wirklich Anstößige ist, daß in diesem Film Liebes- und Todessehnsucht total identisch sind. Die Liebe findet Kulminationspunkt und letzte Erfüllung im Tod des Partners. Dies scheint mir jedoch eine rein nihilistische Perspektive zu sein, die wohl einer "Gottesanbeterin", nicht aber dem Menschen entsprechen kann.

Veröffentlicht auf filmdienst.deIM REICH DER SINNEVon: Franz Ulrich (8.4.2026)
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