Vorstellungen
Filmkritik
Die oberen ein Prozent können nicht besonders gut mit Geld umgehen. Milliardäre sind keine Ankerpunkte westlicher Gesellschaften; sie bauen oder finanzieren keine kulturellen Einrichtungen mehr und stehen nicht für Demokratie oder gar Philanthropie zur Verfügung. Reiche Menschen fliehen aus ihrer Heimat, verlieren sich in Verschwörungtheorien, ziehen andere in ihre esoterischen Finanzgefilde hinein und fabulieren sich ein 150-jähriges Leben inmitten ihrer persönlichen Gated Community zusammen, während die Welt um sie herum vor die Hunde geht.
Das ist eine ziemlich exakte Beschreibung von „El Paraíso Verde“, einer von dem österreichischen Millionär Erwin Annau gegründeten Kolonie in Paraguay. Die eingezäunte Privatstadt im Departamento Caazapá liegt direkt neben einem Sumpfgebiet, über einer der größten Wasseradern der Welt. Die damit verbundene Idee ist nicht neu. Früh verweist der Film „Im Umkreis des Paradieses“ auf die 1886 von dem Deutschen Bernhard Förster gegründete Kolonie „Nueva Germania“, die heute, lange nach dem Suizid des Gründers, als kleines Dorf weiterexistiert und nur eine von unzähligen europäischen Enklaven in Südamerika ist.
Bis über die Apokalypse hinaus unter sich
Annaus Nachfolge-Paradies ist nicht weniger kolonial, aber deutlich ambitionierter –und einfältiger. El Paraíso Verde ist ein Ort für jene, die, sofern sie es sich leisten können und überdies Impfgegner sind, dort bis über die Apokalypse hinaus unter sich sein wollen. Für das Ende der Welt haben sie alle vorgesorgt: Transmenschen, Migranten und die „von ganz oben“ geplanten Vernichtungskampagnen durch Vakzine und Mobilfunk-Strahlung werden das Paradies nicht erreichen. Selbstversorgung ist hier ohnehin Pflicht, und Söldner werden die Stadt vor dem Rest der Welt, also den LGBTQ+-Menschen, Migranten und auch vor den Einheimischen, beschützen.
Der Dokumentarfilm von Yulia Lokshina verbringt mehr als zwei Stunden im Umkreis dieses „Paradieses“. Er hört zu, wenn Annau zum nächsten Verschwörungsmonolog ansetzt, er sieht zu, wie er seine morgendlichen Fitness-Übungen macht, und er fühlt die absolute Leere, die auch dort im Raum steht, wo der österreichische Millionär seiner Frau seine Liebe bekundet. Das quasi-koloniale Paradies der exilierten „Ein Prozent“ hat keine Seele und keine Spiritualität, auch wenn seine Bewohner noch so sehr das Gegenteil in die Welt hinaussenden.
Die zweite Familie, die „Im Umkreis des Paradieses“ begleitet, sieht das allerdings ganz anders. Sie inszeniert sich selbst als spirituelle Heilergemeinschaft, die die Chakren von außerirdischen Einflüssen befreit, mit dem Jenseits kommuniziert und die Energieströme spürbar macht, die die Erde zunehmend ins Chaos stürzt.
Im Endstadium der Wohlstandsverwahrlosung
Wie alle Siedler sind sie dem Wahn verfallene oder in der permanenten Performance gefangene Spinner, die das Geld haben, ihre fixen Ideen auszuleben. Das Paradies ist, noch bevor es überhaupt fertiggebaut wurde, im absoluten Endstadium der Wohlstandsverwahrlosung angekommen. Dass es dort, wo der Film ein Jahr in die Zukunft springt und Annaus Fantastereien von einer florierenden Community der Zukunft einem Realitätscheck unterzieht, nur eine tiefe finanzielle und auch „spirituelle“ Krise zu sehen gibt, ist kaum eine Überraschung.
Lokshina hat zu diesem Zeitpunkt den Irrsinn der Siedler in eleganten Bildern bezeugt, bestätigt und ausführlich breitgetreten – und ihren Film damit recht schnell in eine Sackgasse manövriert. Es kommen immer neue Verschwörungstheorien hinzu, meist in den Tischgesprächen, die Annaus Sohn mit den Neuankömmlingen führt, aber der Schwachsinn, ob er nun bei der CIA, bei irgendeiner Landesregierung, den Migranten oder Außerirdischen anfängt, bleibt letztlich gleich. Und die Menschen dahinter haben nicht viel Menschliches beizutragen.
Selbst Gitarrensoli und der Unterricht an der Ukulele sind wenig mehr als Fingerübungen für den eigenen Narzissmus oder Erweiterungen der eigenen Polit-Agenda. Als Farce taugt „Im Umkreis des Paradieses“ dennoch nicht. Zu ermüdend ist der Unsinn, der hier unaufhörlich wiedergekäut wird. Lokshinas Film schlägt einen anderen Weg ein, sucht das naheliegende Gegengewicht. Die Kamera begleitet dazu zwei junge Einheimische aus Caazapá. Gleich zu Beginn sind sie dabei zu sehen, wie sie, mit dem Selfie-Stick in der Hand, eine virtuelle Führung durch die Region moderieren. Wo die Siedler sich hinter den Zäunen ihrer Community tief in die eigene Idiotie vergraben, fühlen die jungen Paraguayer der eigenen Geschichte auf den Zahn.
Zwischen Kolonialgeschichte und indigenen Mythen
Die Paradies-Entwürfe, die beide in ihren Gesprächen mit den Anwohnern von Caazapá, zwischen Kolonialgeschichte und indigenen Mythen finden, sind dabei nicht allein Gegenbild zu der aus Mitteleuropa herübergeschwappten Schwurbelei, sondern mitunter eine eigenständige, obschon deutlich harmlosere Version von dieser. In jedem Fall aber bilden sie, vermengt mit der von Erwin Annau ad absurdum geführten Idee eines Garten Eden, das Leitmotiv des Films. Die dazugehörige Gleichung könnte man „Mythos minus Spätkapitalismus gleich Verschwörungstheorie“ nennen; nachvollziehbar ist sie, auch wenn Lokshinas Rechenweg strapaziös lang ist.
