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Immortals

94 minDokumentarfilmFSK 16
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Die willensstarke Feministin Milo zieht die Kleidung ihres Bruders an und gibt sich als Mann aus, um sich in Bagdad freier bewegen zu können. Gleichzeitig entdeckt der junge, ehrgeizige Filmemacher Khalili die Macht seiner Kamera als Waffe im Kampf gegen das Regime.
  • Veröffentlichung04.12.2025
  • Maja Tschumi

„Immortals“ von Maja Tschumi ist ein hybrider Dokumentarfilm, der unmittelbar am adrenalinbefeuerten Puls von Revolte, Politkrise und Protesten gedreht wurde. Zugleich aber wurde der Film mit viel Bedacht realisiert und findet im Klima von Repression und Angst durchaus auch Szenen einer erstaunlichen Hoffnung. Er erzählt von bestürzenden, aber auch von beglückenden Momenten. Man sieht Bilder der Gewalt, aber auch ekstatischen Freudentaumel und Augenblicke voller stiller Zärtlichkeit.

Auf der Leinwand erlebt man vor allem junge Menschen. Bei den Protesten und Auseinandersetzungen in den Straßen und auf den Plätzen von Bagdad sieht man mehrheitlich Männer. Sie habe zwei Kulturschocks erlebt, sagte Maja Tschumi, als sie kurz nach der Oktoberrevolution 2019 das erste Mal in den Irak reiste: das Patriarchat und den Tod.

Mit eiserner Entschlossenheit

„Immortals“ ist der zweite lange Dokumentarfilm der 1983 geborenen Schweizer Filmemacherin. In ihrem Debütfilm „Rotzloch“ (2022) begleitete sie vier junge Männer aus Eritrea, Syrien, Afghanistan und der Türkei, die in der Schweiz Asyl gefunden haben. Sie stellt ihnen Fragen nach ihrem Umgang mit der neuen Lebensrealität und ihren Männlichkeitsvorstellungen angesichts einer Umgebung, deren Kultur sich von der ihrer Herkunftsländer stark unterscheidet.

Ausgangspunkt von „Immortals“, der zu großen Teilen im Irak gedreht wurde, war Tschumis Begegnung mit einem jungen Aktivisten aus Bagdad, der ihr 2019 in Berlin von der sogenannten „Oktoberrevolution“ erzählte. Tschumi war tief beeindruckt vom Mut und der eisernen Entschlossenheit, mit welcher die junge Generation von Aktivist:innen auf die Straße ging und trotz rigider Gegenmaßnahmen für mehr Selbstbestimmung, Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit demonstrierte.

Daraus entstand ein hybrider Dokumentarfilm, der mit den persönlichen Erzählungen einer jungen Frau und eines jungen Mannes tief in den Alltag und die Lebensrealität dieser Generation eintaucht. In drei Kapiteln mischt der Film dokumentarische Aufnahmen und nachinszenierte Szenen. Nach einem Prolog, der in groben Zügen die Geschichte des Iraks von der Besetzung durch die USA im Jahr 2003 bis zu den im Herbst 2019 ausbrechenden Protesten skizziert, erzählt das erste Kapitel „Hidden Battles“ die Geschichte von Melak „Milo“ Mahdi. Die studierte Soziologin war als Sozialarbeiterin und Fotografin tätig und bot in Frauenorganisationen Computerkurse an, als im Herbst 2019 die Unruhen ausbrachen. „Teil dieser Revolution zu sein, war der Höhepunkt meines Lebens“, erinnert sich Milo. Das führte aber auch dazu, dass ihre Familie ihre Bücher, Kleider und Ausweispapiere verbrannte und sie ein ganzes Jahr zu Hause einsperrte. „Sie verbrannten nicht nur Dinge“, so Milo, „sondern meine Identität“.

Von Frauen und Männern

Milos Geschichte setzt im Film in der Zeit nach der Oktoberrevolution ein. Obwohl sie unter Arrest stand, gelang es ihr immer wieder, sich in den Kleidern ihres Bruders aus dem Haus zu schleichen. Sie verbrachte abwechselnd einige Stunden mit ihrer besten Freundin Avin oder mit ihrem Laptop in einem Café. Einmal sieht man sie zusammen mit einer jungen Frau, die von ihrer Familie noch viel mehr schikaniert wurde als Milo. Zudem gibt es eine Szene, in der Avin auf der Suche nach Milo durch die Straßen irrt, nachdem sie tagelang verschwunden war und auch nicht per Handy erreicht werden konnte.

Für eine irakische Frau trägt Milo ihr Haar ungewohnt kurz. In den Kleidern ihres Bruders nimmt man sie auf der Straße als Mann wahr, worüber sie auch entdeckt, welche Privilegien die Männer im Irak genießen. Dennoch sei sie stolz, eine Frau zu sein, sagt Milo. Das Verhältnis zur Familie ist angespannt; im Irak kann sie sich keine Zukunft vorstellen. Zugleich aber gibt es eine große Solidarität und starke Vernetzung innerhalb aktivistischer Frauenkreise; eine Anwältin bietet Milo sogar Hilfe bei der Beschaffung neuer Ausweispapiere an.

Das zweite Kapitel „Confrontation“ handelt von Mohammed Al Khalili, der im Film nur Khalili genannt wird. Der junge Kameramann hat vom Oktober 2019 an ein halbes Jahr in der Zeltstadt auf dem Al-Tahrir-Platz in Bagdad verbracht und mit Handy, GoPro- und Filmkamera alles festgehalten, was ihm vor die Linse kam: TukTuk-Fahrer, die Verwundete transportieren, Straßenkämpfe, Tränengaseinsätze, Hetzjagden durch die Gassen, aber auch Freudentaumel, kurze Momente des Aufatmens, Männer und Frauen, die tanzen und feiern.

Irgendwann gehörte Khalili selber zu den Verletzten. Seine Kamera ist blutverschmiert, er liegt im Spital auf einer Bahre und redet auf den Weg in den Operationssaal im Delirium vor sich hin. Wer ihn filmt, bleibt unbekannt. Das Material stammt von einer Festplatte, die Khalili der Filmemacherin in Bagdad mit auf dem Weg gab, damit die Welt sieht, was im Irak passiert. In Dokumentarfilmen hat man nur selten eine solche Fülle unmittelbarer Aufnahmen von politischen Unruhen gesehen wie in „Immortals“. Sie wirken verstörend, tragen aber viel zur einzigartigen Qualität des Films bei.

Mit der Kamera in der Hand

Das dritte Kapitel „Decisions“ spielt im Sommer 2022 und erzählt die weitere Geschichte von Milo und Khalili parallel nebeneinander. Khalili, der aus einer wohlhabenden Arztfamilie stammt, scheint im Alltag angekommen zu sein; er steht kurz vor seiner Hochzeit. Milo hat inzwischen neue Papiere und bereitet sich für die Ausreise vor. Avin soll sie begleiten. Doch die Freundin kann sich nicht entscheiden. Mal sagt sie ja, mal nein; die beiden streiten sich. Dann erfährt man durch die Nachrichten vom Sturm auf das Parlament. Als ob es nichts Selbstverständlicheres gäbe, packt Khalili seine Kameras, schnallt sich den Rucksack um und eilt trotz der Proteste seines Bruders mit vielen anderen zu dem Ort des Geschehens.

Der Schlüssel zu „Immortals“ sind Khalilis Aufnahmen, sagt Tschumi, auch weil sie ihr als Ausländerin einen unmittelbaren Zugang zum Geschehen eröffnet haben. Hinzukommt Tschumis Entscheidung, Milos Geschichte weitgehend als mündliche Erzählung und mit nachinszenierten Szenen und nicht durch dokumentarische Aufnahmen in den Film einzubringen. Als dritte Ebene fungieren fast schon kontemplativ wirkende Aufnahmen aus der meist nächtlichen Stadt, die zwischen der Hektik des Protestgeschehens und den erschütternden Erzählungen von Milo Inseln der Ruhe entstehen lassen und dem Publikum Zeit zum Durchatmen geben.

Tschumi zeichnet offiziell als Regisseurin für „Immortals“. Tatsächlich aber ist ihr Film in enger Zusammenarbeit mit ihrem irakischen Filmteam entstanden; zudem haben Khalili und Milo maßgebend am Drehbuch mitgewirkt. In den Anmerkungen zum Film hat Tschumi notiert, dass die Iraker:innen als Expert:innen ihrer eigenen Geschichte figurieren, und ihre Funktion lediglich die einer Übersetzerin fürs westliche Publikum gewesen sei.

Umsicht & Balance

Welche enorme Anstrengung die Herstellung dieses Films gewesen ist, welche Sorgfalt dabei aufgewandt wurde und welcher Balanceakt zu vollziehen war, spürt man an einigen Details. So wird zwar immer wieder von Milos Familie erzählt, doch sind weder einzelne Mitglieder noch das Haus, in dem die Familie lebt, im Film zu sehen. Khalili hingegen wohnt in einem schicken Nobelquartier von Bagdad. Anlässlich der Trauung sind die männlichen Mitglieder des Clans im Film zu sehen, doch von Khalilis Braut und den Frauen der Familie gibt es kein einziges Bild.

Wie prekär die Situation für irakische Aktivist:innen und Dissident:innen noch immer ist, benennt der Nachspann. Sie werden nach wie vor bedroht, gefoltert und ermordet. „Immortals“ informiert und klärt auf; der Film erschüttert aber auch und geht unter die Haut. Vor allem aber regt er zum Nachdenken an.

Veröffentlicht auf filmdienst.deImmortalsVon: Irene Genhart (26.3.2026)
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