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Filmkritik
Im Landeanflug auf Tunis lotet die Kamera das nachdenkliche Gesicht von Lilia (Eya Bouteraa) in einer sehr nahen Einstellung aus. Sorge steht in ihren Augen. Das ist keine gewöhnliche Reise. Darüber täuscht auch die lockere Atmosphäre nicht hinweg, als Lilia und ihre französische Freundin Alice (Marion Barbeau) in einem roten Mietwagen durch die sonnige Landschaft in Richtung der Küstenstadt Sousse fahren, wo Lilia aufgewachsen ist.
Homosexualität ist verboten
Lilias Anspannung hat zwei Gründe. Der Anlass ihrer Reise von Paris nach Tunesien ist die Beisetzung ihres Onkels Daly (Karim Rmadi). Außerdem sind Lilia und Alice ein Liebespaar, was in Tunesien nicht nur verpönt, sondern gesetzlich verboten ist. Das gilt auch in Lilias frauendominierter Familie, die im Haus der Großmutter zusammenkommt. Oma Néfissa (Salma Baccar), ihre Mutter Wahida (Hiam Abbass) und die Tante Heyat (Feriel Chamari) sind sich in diesem Punkt sehr einig, obwohl sie weder stramm religiös noch sonderlich staatstreu sind. Was Beziehungen anbelangt, gilt die heteronormative Norm.
Für Lilia sei es mit ihren 32 Jahren auch höchste Zeit, eine Familie zu gründen, hört sie bald nach ihrer Ankunft; zudem sei ihre Profession als Ingenieurin kein Frauenberuf. Lilias Liebe zu einer Frau hat da erst recht keinen Platz. Deshalb setzt sie Alice unterwegs in einem Hotel ab. Beim Weiterfahren sieht sie die Geliebte im Beifahrerspiegel kleiner werden. Alice, die offiziell nur die Mitbewohnerin in Paris ist, bleibt vorerst im Verborgenen.
Der Blick in den Spiegel führt in „In a Whisper“ ein Leitmotiv ein, das wenig später auf elegante Weise erneut zum Einsatz kommt. Dabei schaut Lilia vor dem Haus ihrer Familie in den Rückspiegel und erinnert sich an ihre Kindheit. Analog dazu werden immer wieder Schlaglichter mit Szenen aus dem Leben des Verstorbenen in den Bilderfluss integriert. Mal sitzt Daly unversehens auf der Couch, mal taucht er aus dem Meer auf.
Ein offenes Geheimnis in der Familie
Nach der Beerdigung kommt jedoch heraus, dass der Onkel schwul war. Ein offenes Geheimnis in Teilen der Familie, das Lilias Gegenwart spiegelt. Bei den sechstägigen Trauerfeierlichkeiten, die im ersten von sechs Kapiteln einen Einblick in muslimische Riten gewähren, bleibt die Leidenschaft des Toten unausgesprochen. Auch als zwei Polizisten ungeklärte Fragen zu Dalys Lebenswandel untersuchen wollen, dessen Leiche nackt auf der Straße lag, hält die Familie dicht.
Lilia will indes mehr über das Leben und die Todesumstände des Onkels erfahren, dem sie sich verbunden und vielleicht auch ein Stück verpflichtet fühlte. Dramaturgisch dient ihre Spurensuche auch dem Zweck, die Situation nicht-heterosexueller Menschen in Tunesien aufzuzeigen. Anhand von Briefen oder dem Treffen mit einem langjährigen Liebhaber zeichnet die Ahnenforschung am offenen Herzen ein tragisches Bild des Onkels, der ein Leben im Schatten führte. Nebenbei resultiert daraus auch ein Bild der Homophobie in Tunesien. „Jeden Tag stirbt einer von uns“, sagt ein junger Mann, den Lilia befragt. Ihre Cousins betrachten gleichgeschlechtliche Liebe als Krankheit, die „wider die Natur“ ist. Das Gegenbild dazu ist der Zusammenhalt in der queeren Szene. In einer Schwulenbar tanzt Alice zu Technomusik und schüttelt für den Moment allen Ballast ab.
Einschränkungen individueller Freiheit
„In a Whisper“ ist der dritte Spielfilm der 1984 in Tunis geborenen Regisseurin Leyla Bouzid. Ihre Filme erzählen von den Einschränkungen individueller Freiheit in der arabischen Welt. In ihrem Debüt „Kaum öffne ich die Augen“ (2015) begehrt eine tunesische Jugendliche gegen verkrustete Traditionen auf; in „Eine Geschichte von Liebe und Verlangen“ (2021) hinterfragt ein junger Algerier anhand erotischer arabischer Literatur die anerzogene Abwertung sexueller Begierde.
Im Zentrum von „In a Whisper“ stehen jetzt die Frauen aus Lilias Familie, die drei Generationen abbilden und die auf je eigene Weise schlagfertig sind, was immer wieder für kleine humorvolle Spitzen sorgt. In der Hauptrolle fesselt Eya Bouteraa mit einem glänzenden Debütauftritt. In feinen Nuancen lässt ihr Spiel nachvollziehen, wie Lilia sich sukzessive vom starren Regelwerk emanzipiert, was am Ende in einem mutigen Befreiungsschlag kulminiert. Dass Leyla Bouzid auch den konservativen Figuren aus Lilias Familie Grauzonen zugesteht, macht die Charaktere und ihre Lebenseinstellungen glaubwürdig. Dabei sticht vor allem Hiam Abbass als Lilias Mutter heraus, die ebenfalls zwischen Tradition und Moderne feststeckt.
Wie Schleier zwischen dem Innen und Außen
Leyla Bouzid und der Kameramann Sébastien Goepfert porträtieren das Beziehungsgeflecht in sanften, fließenden Kamerabewegungen und in stilvoll ausgeleuchteten Tableaus, die oft mehrere Personen in einer einzigen Einstellung versammelt. Im Haus der Großmutter hängen die Vorhänge wie Schleier zwischen dem Innen und dem Außen; analog zu Lilias Entwicklung drängt dann aber mehr Licht in die Räume. Mit seinem Thema, den markanten Frauen und dem häufigen Einsatz von Primärfarben erinnert „In a Whisper“ an die Melodramen von Pedro Almodóvar, auch wenn der Rhythmus insgesamt etwas zu betulich ist. „Ich bin so“, kann Lilia schließlich sagen. „Es ist einfach Liebe.“ Dennoch formuliert der Film keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen. Vieles bleibt offen, vieles bleibt Schweigen.





