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Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal, ich war

95 minDokumentarfilmFSK 6
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In einer poetischen Spurensuche lässt Regisseurin Regina Schilling das Publikum am Entstehen von Kunst teilhaben: Schauspielerin Sandra Hüller nähert sich dem Leben von Ingeborg Bachmann an einem imaginären Tag und verleiht ihren Worten eine eindringliche Präsenz. Mit einem kunstvollen Geflecht aus improvisierten Szenen, Archivschätzen, Interviews und Bachmanns eigenen Texten durchmisst der Film die zentralen Lebensphasen der Autorin – von der Kriegskindheit in Kärnten, dem Aufstieg zum Star der Gruppe 47 bis zu den letzten Tagen in Rom. Der Weg ist gezeichnet von ihren komplizierten Beziehungen zu Paul Celan, Hans Werner Henze und Max Frisch und einem unnachgiebigen Ringen um eine eigene, radikale Sprache zwischen öffentlichem Ruhm und existenziellen Krisen.
Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann gelingt Regina Schilling eine so sinnliche wie intellektuelle Annäherung an eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Durch die kraftvolle Interpretation von Sandra Hüller und meisterhafte Archivmontagen wird Bachmanns Sprachgewalt im Kino unmittelbar erfahrbar. INGEBORG BACHMANN – JEMAND, DER EINMAL ICH WAR ist ein filmisches Porträt, das die Zerbrechlichkeit und Kraft einer Künstlerin feiert, die sich jeder Vereinnahmung entzog und deren Werk bis heute eine visionäre Wucht besitzt.

Eigentlich hat Sandra Hüllers Schauspielkunst schon alles Menschliche durchmessen. Der Mensch, von Hüller verkörpert, kann zum Beispiel die selbst erschaffene Hölle auf Erden perfekt verdrängen, solange sein Gartenidyll intakt bleibt, wie in „The Zone of Interest“ (2023). Er kann, wie in „Toni Erdmann“ (2016), mit einem einzigen schiefen Karaoke-Song seine doch noch nicht vollends selbstoptimierte Seele offenbaren, was zum Totlachen ist. Und er kann, wie zuletzt in „Rose“, oft nur durch Maskerade frei sein, weil Krieg oder gesellschaftliche Regeln – oder beides – es so verlangen.

„Es führt doch kein Weg an Sandra Hüller vorbei“, antwortete der Regisseur Markus Schleinzer im Interview mit dem Filmdienst auf die Frage, warum er für „Rose“ die Titelrolle mit ihr besetzte. Hüller als künstlerisches Naturgesetz: An der zwingend naheliegenden, gleichzeitig immer überraschenden Schauspielerin führte auch für Regina Schilling kein Weg vorbei. „Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war“ versteht die Dokumentarfilmemacherin als ihre und Hüllers gemeinsame Annäherung an die österreichische Dichterin, an deren letzten Aufenthalt in Rom, wo diese 1973 an den Folgen einer Brandverletzung starb.

Ein Ambiente wie bei „Malina“

Nun spielt Hüller also auch noch Bachmann, in einem Ambiente, das an Werner Schroeters Verfilmung von Bachmanns 1971 erschienenem Roman „Malina“ erinnert und in dem Isabelle Huppert die Hauptrolle spielte. Hüller erklärt jedoch im Presseheft, sie habe die Schriftstellerin eben nicht „spielen“ wollen, also auch keinen ihrer Texte vor der Kamera rezitieren, „weil es nicht darum geht, dass wir einer Schauspielerin dabei zusehen, wie sie etwas ,gut macht’“.

So entstand eine eigenwillige Vorgehensweise: Hüller las Passagen etwa aus „Malina“ und „Das dreißigste Jahr“, aber auch aus Briefen und Tagebüchern vor dem Dreh ein und hatte dann ihre eigene Stimme über In-Ear-Kopfhörer unsichtbar im Ohr, während sie selbst weitgehend stumm vor der Kamera agierte. Auch Schilling hörte beim Filmen Hüllers Sprachaufnahmen. Diese Stimme wiederum hört man nun also, sieht dabei aber ebenso Archivmaterial aus Bachmanns Leben, von der Kindheit über den Aufstieg zum Star der „Gruppe 47“ bis zu ihren Beziehungen mit berühmten Männern. Man hört auch von Bachmann selbst gelesene Passagen, trocken und eindringlich ihre berühmten Worte: „Es kommen härtere Tage.“ Oder: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ In der Nachkriegszeit geschrieben, klingen diese Sätze heute wie eine Warnung.

Die Schriftstellerin wäre am 25. Juni 2026 100 Jahre alt geworden. Das Interesse an ihrem Werk und die Faszination für ihre als enigmatisch geltende Persona ist so ungebrochen wie das Staunen darüber, wie erbarmungslos und genau sie die Bedingtheiten weiblicher Autorschaft oder das Fortleben der nationalsozialistischen Ideologie sezierte. Ruth Beckermanns experimenteller Spielfilm „Die Geträumten“ (2016) widmete sich dem 20 Jahre umspannenden Briefwechsel zwischen der Dichterin und Paul Celan; Margarethe von Trottas eher schlicht pathetisches Werk „Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste“ (2023) interessierte sich vor allem für die Beziehung zu Max Frisch. Einer heute Vergessenen oder komplett Missverstandenen korrigierend Aufmerksamkeit zu geben, darum kann es also nicht gehen in Regina Schillings Film. Worum dann?

Bachmann wird her- und vorgestellt

Schilling, die den Verbindungen zwischen persönlichem Zugang, subtilen gesellschaftlichen Tendenzen und dem Politischen im Unterhaltsamen besonders in „Kulenkampffs Schuhe“ (2018) in essayistischer Brillanz Raum gegeben hat, nennt im Film ihr neues Projekt „unsere Geisterbeschwörung, unsere Séance“. Hüller lächelt dabei, und die Maskenbildnerin setzt ihr eine blonde Perücke auf. Regelrecht her- und vorgestellt wird Bachmann, es ist ein Prozess, als Teil des Filmgeschehens kenntlich gemacht. Hüller probiert bald darauf eine alte Schreibmaschine aus und behauptet strahlend: „Das funktioniert alles, ich bin sehr glücklich.“

Wer nun aber meint, all diese Beobachtungen eines vermeintlichen Making-ofs würden endlich einmal einen Blick erlauben in den Maschinenraum von Hüllers Zauberkunst, erliegt einem verführerischen Irrtum. Wenn sie im Oldtimer ans Meer fährt und dabei kurz in die Kamera schaut, oder wenn sie ein Schwarz-weiß-Porträt Bachmanns nachstellt und denselben Satz zweimal in unterschiedlicher Gefühlslage spricht, sehen wir keiner Sandra Hüller bei der Arbeit zu. Sondern schon dem Ergebnis ihrer Arbeit. Sandra Hüller spielt Sandra Hüller, die im Begriff ist, sich in Bachmanns letzte Tage hineinzudenken und zu -fühlen. Die sich von Bachmanns Worten inspirieren lässt wie von einer Partitur, zu der sie wie nach innen lauschend und ohne Anstrengung tanzt.

Auch Schilling und ihrer Editorin Carina Mergens gelingen in der Montage viele schöne Wendungen: Winzige Archiv-Fragmente bereiten Bewegungen im Jetzt vor, etwa wenn Hüller in den Straßen Roms Zeitungen kauft und Passanten zulächelt, die sie erkennen, genau wie es Bachmann in einer der wenigen Bewegtbild-Archivaufnahmen tut.

Mit einer ironischen Hokuspokus-Geste

Man sieht Hüller bald obsessiv Artikel über Frauenmorde sammeln, rauchen, trinken, Tabletten einwerfen. In diesen improvisierten Szenen, gedreht in einer altertümlichen Wohnung im Rom der Gegenwart, von der Schilling mit einer ironischen Hokuspokus-Geste sagt, „hier“ habe Bachmann gelebt (obwohl es nur eine ähnliche Wohnung ist, wie Schilling zuvor klarstellt), hantiert Hüller betont unspektakulär: Wasser aufsetzen, Blumen gießen, Panikattacken mittels Achtsamkeits-App bewältigen. Ist schon diese Wohnung mehr Gefängnis als Zufluchtsort, lässt sich in einer etruskischen Ausgrabungsstätte Johann Feindts Kamera beinahe von der Schwärze einer Grabeshöhle einsaugen. Hier legt sich Hüller pragmatisch wie beim Yoga auf einen Stein.

Doch was genau diese Reenactment-Szenen (die Hüller zufolge ja gar keine sein wollen) verdeutlichen oder beschwören sollen, bleibt unklar. Die Kraft von Bachmanns Worten wird mehr durch Hüllers Stimme als durch ihr Spiel transportiert: Im Kontrast zu den lässigen bis turnerischen Körpertheater-Improvisationen modelliert sie die Textpassagen sinnlich warm und zugleich von kristalliner Geistigkeit und Konzentration. Bachmanns Selbstzeugnissen verleiht sie messerscharfe Zeitgenossenschaft. In anderen Momenten wird Hüllers Schweigen zum wortlosen Kommentar zu den haarsträubend sexistischen, abfälligen Bemerkungen der männlich dominierten Literaturszene der 1950er- bis 1970er-Jahre.

Anja Plaschg, die schon in „Die Geträumten“ Bachmanns Briefe las, hat als „Soap & Skin“ die Musik beigesteuert, zart und doch immer nah am Horror-Abgrund, den sie in „Des Teufels Bad“ (worin Plaschg auch die Hauptrolle spielte) furchtlos betrat. Hüller legt derweil Schallplatten auf oder klebt sich künstliche Wimpern auf die Lider. Bachmann lobt den Vorzug, als so Zugerichtete die „Kopie einer Kopie einer Kopie“ zu sein, für nichts zuständig außer dafür, dekorativ eine Treppe hinunterzuschreiten. Frausein könnte so bequem sein!

Bei der Ein-Personen-Verkleidungsparty ganz bei sich selbst

Zerrissen ist Bachmann, die sich stets unter Männern wohler fühlte als unter Frauen und die unter den Zuschreibungen zu leiden hatte, die man ihr als mysteriöser Dichterin angedeihen ließ. „Ich bin keine Frau“, spricht Hüller Bachmanns Worte im Voiceover, während sie munter Kleider, Mäntel und einen Hosenanzug anprobiert. „Ich will sagen, ich bin nicht ganz eine Frau. Ich bin ein Irrtum.“ Hüller wirkt bei dieser Ein-Personen-Verkleidungsparty ganz bei sich selbst, ungebrochen, einverstanden. Das Gewicht der Sätze aus dem Off scheint nicht auf ihr zu lasten.

Fragt sich, ob etwas Neues über Bachmann oder durch Bachmann erfahrbar wird. „Ich versuch’s, let’s go“ ist Hüllers Art, die Dinge anzugehen. Ihr Verhältnis zu ihrer eigenen Profession wirkt so lückenlos und perfekt noch in den Lücken und im Unperfekten, dass der Kontrast zu Bachmann und den Bedingungen, unter denen diese sich behaupten musste und zugrunde ging, schmerzt. Aber gut: So fliegt einem das ganze misogyne Katastrophen-Jahrhundert noch einmal richtig um die Ohren.

Veröffentlicht auf filmdienst.deIngeborg Bachmann - Jemand, der einmal, ich warVon: Cosima Lutz (12.5.2026)
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