Vorstellungen
Filmkritik
Seit über vier Jahren führt Russland Krieg gegen die Ukraine. Die Machthaber nennen ihr Vorgehen gegen das Nachbarland allerdings beschönigend „Spezielle Militäroperation“ – jede andere Bezeichnung kann zu Geld- und Haftstrafen führen. Wie hat der Krieg das Leben der russischen Bevölkerung verändert, wenn überhaupt? Um dieser Frage nachzugehen, begab sich die Regisseurin Lena Karbe nach 15 Jahren Abwesenheit wieder in ihr Ursprungsland Russland. In Moskau drehte sie unter strenger Geheimhaltung und mit einem reduzierten und eingeweihten Stab, damit keine Menschen gefährdet wurden. Finanziert wurde ihr Film „Innere Emigranten“ mit deutschen und französischen Geldern.
Karbes Bilder fangen einen scheinbar normalen Lebensrhythmus in der russischen Hauptstadt ein. In der prächtigen, ab den 1930er-Jahren erbauten Metro gleiten die Fahrgäste die endlos anmutenden Rolltreppen hinunter; einige lauschen mit Kopfhörern ihrer Musik, andere starren auf ihr Handy. Gefilmt sind diese Sequenzen oft in Zeitlupe: Damit verlangsamt sich der Alltagstrott, wirkt bewusster. Was geht in diesen Menschen vor, die nach außen hin völlig unauffällig wirken?
Arbeit in meist abgedunkelten Zimmern
Doch Karbes eigentliches Interesse gilt einer Gruppe von Psycholog:innen, die in der Metropole einige Monate nach Beginn des Krieges eine anonyme Telefonhotline eingerichtet haben. Sie erforschen das Innere derer, die man als anonyme Passanten wahrnimmt. Drei von ihnen begleitet die Regisseurin mit ihrer Kamera. Man erfährt ihre (vollen) Namen nicht und sieht sie oft nur bei der Arbeit in meist abgedunkelten Zimmern, gelegentlich auch in privateren Momenten. Die Regisseurin muss aus offensichtlichen Gründen die Anonymität der Porträtierten schützen. Dabei bieten sie einen Dienst an, der in westlichen Ländern keiner ist, mit dem man sich in Bedrängnis bringt: psychosoziale Beratung für Menschen, die sich in einer seelischen Notlage befinden.
So hat der erste Berater es mit unterschiedlichen Ratsuchenden zu tun. Ein depressiver Anrufer kommt kaum aus dem Bett heraus. Auch andere sind apathisch, auch im Hinblick auf den Krieg. Wenn der Berater sie zum Handeln auffordert, reagierten sie aggressiv, analysiert er später. Sie beruhigten ihr schlechtes Gewissen durch Kritik an dem Krieg, täten aber nichts, sagt der Psychologe. Doch wie soll man in einem Land, das jede Form von Widerspruch umgehend bestraft, Opposition leisten? Der erste Psychiater hat auch dafür eine rationale Erklärung. Er selbst rät von oppositionellen Demonstrationen ab. Man würde umgehend verhaftet werden, müsste eine erhebliche Ordnungsstrafe zahlen und würde damit den Staat und den Krieg sponsern. Er beteuert, dass das Thema Krieg bei seinen Ratsuchenden allerdings nicht viel Platz einnehme. Ohnehin könne man nur einzelnen Personen helfen, nicht der ganzen Gesellschaft. Nach den telefonischen Sitzungen flüchtet er sich verdient ins Privatleben, etwa bei einem Tanzkurs.
Eine Abschottung nach draußen
Die zweite Psychologin, eine junge Frau, geht ihre Beschäftigung pragmatisch an. Sie urteilt nicht: weder über einen Pornosüchtigen, der ihren Rat sucht, noch über Kriegsbefürworter. Ihr Credo entnimmt sie dem Roman „Der Graf von Monte Christo“: Alles, was der Mensch tun könne, sei zu warten und zu hoffen. Sie unterscheidet außerdem zwischen dem Staat und dem Land und seinen Menschen. Auch sie sieht man mit dicken Kopfhörern durch die Moskauer Straßen gehen: Es wirkt wie eine Abschottung nach draußen, eine Individualität, die sie sich bewahrt – wie andere möglicherweise auch. Dennoch tauscht sie sich mit anderen Psycholog:innen aus. In dem Kreis betont eine, dass sie nicht mit Menschen zusammenarbeiten wolle, die den Krieg befürworten oder sich queerfeindlich äußern.
Zwischendurch blendet die Kamera immer wieder die Straßen in Moskau ein – im Winter vor allem nachts. Dann hinterlässt der Krieg in der zivilen Gesellschaft Spuren, wenn auch keine der Zerstörung wie in ukrainischen Städten. Der Schnee türmt sich in den Straßen, während auf überlebensgroßen Plakatwänden Soldaten zu sehen sind. Auf einem wird der Hauptmann Sergej Subkow als „Held eines großen Landes“ gefeiert. Auf anderen Propaganda-Schildern wird für Rekruten geworben: „Sei stark, treu und mutig: Unterschreibe einen Vertrag.“
Propaganda wie diese ruft beim dritten Psychologen, im Film heißt er Arseni, eher Wut hervor. Hatte er sich zu Anfang des Films noch in die Türkei nach Antalya geflüchtet, bekommt er dort keine Niederlassungserlaubnis und muss nach Moskau zurückkehren. Er kann am wenigsten damit umgehen, dass er Menschen beraten muss, die den Krieg als normal betrachten. Die Trauer der Witwe eines gefallenen Soldaten, die an der Front mit ihren Kindern Zivildienst leistet, kann er kaum mitempfinden. „Die Menschen haben sich so täuschen lassen, wie es geplant war“, analysiert er. Er interessiere sich mehr für die Opfer des Krieges, sagt er. Einmal muss er auch die Beratung einer Kollegin in Anspruch nehmen. Sie findet, dass er als Mensch so denken könne, als Psychologe aber professionell handeln müsse.
Eine Überlebenstechnik in autoritären Staaten
So reflektiert der Film auch stets über Vereinbarkeit zwischen Beruflichem und Persönlichem, sowohl bei den Berater:innen als auch bei Nebenfiguren oder Passanten. Denn dass viele das Kriegsgeschehen, das noch nicht vor ihrer Haustür gelandet ist, ausblenden, zeigen dann wieder Szenen in der wärmeren Jahreszeit, in denen Moskauer ausgelassen Party feiern. Wie der Filmtitel vermuten lässt, erzählt „Innere Emigranten“ von Abschottung und Funktionieren, einer Überlebenstechnik, die Menschen in autoritären Staaten anwenden. Dass es dabei eine Kontinuität zwischen der Sowjetunion und der Putin-Diktatur gibt, zeigt auch eine Metro-Station, die 1979 eröffnet wurde und bis heute „Marksitskaja“, die Marxistische, heißt. Damals war Widerstand so schwer wie heute, worüber ein anonymer Dissident im Film reflektiert. Er war auf einer Demo zum Gedenken an den Oppositionellen Alexej Nawalny und findet, dass in Russland eher das Kollektiv gelte, nicht das Individuum.
Wie brisant Karbes Film auch in seiner Entstehung war, merkt man bis in den Abspann. Bei den Personenangaben zu den Bereichen Kamera, Tonmeister, Recherche-Beauftragte und Fahrer:innen steht statt eines Namens bezeichnend: anonym.










