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Filmkritik
Selten hat dieselbe literarische Vorlage zu zwei so grundverschiedenen Filmen geführt wie bei Robert Stevensons und Franco Zeffirellis Adaptionen von Charlotte Brontës Jane Eyre". Die 1944 erschienene Verfilmung - auch bereits die fünfte in der Filmgeschichte - ist ein aufwühlendes Schicksalsdrama, der neue Film eine eher pastellhafte Entwicklungs- und Liebesgeschichte mit unübersehbaren Hinweisen auf erste historische Anzeichen einer selbstbewußteren Weiblichkeit. Stevenson, der ein genauer Kenner der Geschwister Brontë war und sich jahrelang mit dem Studium der geschichtlichen Hintergründe ihrer Werke befaßt hatte, inszenierte trotz dieser Voraussetzung einen Film, der weiter von der Romanvorlage entfernt ist als Zeffirellis Neuverfilmung. Von einem rein filmischen Standpunkt hingegen ist es auch heute noch leichter, die Faszination nachzuempfinden, die der über ein halbes Jahrhundert alte Film damals auf das Publikum ausübte, während mehr als marginales Interesse für die optischen und dramaturgischen Qualitäten der Wiederverfilmung kaum aufkommt. Wenn die Anteilnahme an Zeffirellis Film dennoch wächst, je länger er dauert, so ist das hauptsächlich ein Verdienst der Hauptdarstellerin Charlotte Gainsbourg, die der Titelfigur weit mehr Persönlichkeit zu verleihen vermag als die ätherische, auf stilles Lieben und Leiden festgelegte Joan Fontaine.
Die Story, obwohl bei Zeffirelli mit ein wenig mehr motivierenden Details versehen, ist in beiden Filmen dieselbe. Die von ihrer kaltherzigen Tante in eine Waisenschule abgeschobene Jane muß sich als Kind einem System von strenger Zucht und Disziplin unterwerfen. Widerwillige Anpassung ist die Folge, die aber die angeborene Selbständigkeit ihres Denkens nicht ausmerzen kann. Herangewachsen, kommt sie als Gouvernante auf das Schloß des mysteriösen Edward Rochester, eines mit sich selbst, seiner Umwelt und seiner Vergangenheit in innerem Kampf liegenden Mannes, der trotz seiner Undurchschaubarkeit und Launenhaftigkeit auf Jane eine magische Anziehungskraft ausübt. Die Angst vor Rochesters barschem und oft abweisendem Verhalten weicht allmählich einem scheuen Interesse an den psychischen Abgründen, die sich da vor ihr auftun, ohne daß sie sie ganz enträtseln könnte. Als Rochester sie bittet, seine Frau zu werden, willigt Jane ein. Doch noch bevor beide sich das Jawort geben, enthüllt sich die ganze Wahrheit. Als junger Mann war Rochester in die Ehe mit einer Wahnsinnigen getrieben worden, die jetzt noch in einem entlegenen Flügel seines Schlosses lebt. Die Irrsinnige zündet ein Feuer an, in dem sie selbst umkommt, das Schloß abbrennt und Rochester bei dem Versuch, die Brandstifterin zu retten, das Augenlicht verliert. Erst Jahre später finden ein gedemütiger Rochester und die inzwischen durch eine Erbschaft unabhängig gewordene Jane zueinander.
Obgleich die nacherzählende Handlung in großen Zügen dieselbe ist, gibt es kaum ein Detail in Stevensons und Zeffirellis Filmen, das ähnlich realisiert worden wäre. Von der äußeren Erscheinung der Örtlichkeiten bis zur Zeichnung der Personen sind die beiden Filme wie Feuer und Wasser. Wo aufwallende Stimmungen und Gefühle, fatalistische Getriebenheit und Unterwerfung unter gesellschaftliche Mechanismen den alten Film bestimmen, da mildert der neue die Vorzeichen eines unausweichlichen Schicksals, läßt Raum für das Aufkeimen einer durch den Schluß bestätigten Hoffnung (während es auch dann bei Stevenson noch donnert und blitzt) und rückt seine Personen ins Maßvolle, während bei Orson Welles' Rochester jedes Maßhalten undenkbar war. Nicht nur der Erzählduktus und mit ihm das Spiel der Darsteller sind grundverschieden, sondern auch Fotografie, Musik und Geräusche. Schien damals Rochesters Schloß einer transsylvanischen Horrorvision entstiegen zu sein, ständig eingehüllt in düster sich jagende Wolken und nahezu pausenlos akzentuiert von Bernard Herrmanns unheilverkündender Musik, so entfaltet sich heute eine farbschöne, oft allzu idyllische Herbstlandschaft, harmonisch umspielt von lyrischpastoralen Klängen.
Dennoch: Was bei Zeffirelli zunächst so konventionell und beschönigend aussieht, erweist sich im Lauf des Films als (leider nur ansatzweise gelungener) Versuch, die für heutigen Geschmack überfrachtete Geschichte auf eine Ebene zurückzuführen, die Raum läßt für psychologische Feinheiten, deren Anwesenheit weder die robuste Inszenierung Robert Stevensons noch die alles überschattende Dramatik Orson Welles' zuließen. Stevensons Film ist mehr ein Film über Rochester als über Jane Eyre, während Zeffirellis Rochester eher eine Katalysatorfunktion besitzt (und es deshalb auch nicht so tragisch ist, daß William Hurt von der Rolle oft überfordert erscheint). Joan Fontaine mußte sich mit einer zerbrechlichen, still duldenden Jane Eyre bescheiden, während Charlotte Gainsbourg die Chance bekommt, den Durchbruch einer vorsichtigen, aber durch keine gesellschaftliche Obstruktion zerstörbaren Eigenständigkeit des Denkens zu verkörpern - Jane als Vorbotin einer selbstbewußten Weiblichkeit. Wenn irgend etwas an Zeffirellis Film ein Glücksfall ist, dann die Besetzung der Titelrolle. Obwohl im landläufigen Sinne kaum als schön zu bezeichnen, scheint Charlotte Gainsbourg den Gemälden des späten 18. Jahrhunderts geradezu entstiegen zu sein. Ihr Spiel ist unaufwendig, zurückgenommen in die Unscheinbarkeit der Figur, die sie darzustellen hat. Dennoch aber schafft sie es, ihre Jane Eyre mit den kleinen, zunächst kaum merkbaren Anzeichen einer inneren Festigkeit und Widerstandsbereitschaft auszustatten, die für Brontës Figur entscheidend wichtig sind. Zeffirellis Film mag im Vergleich der maßvollere, leidenschaftslosere, weniger aufregende sein; doch mit seiner unbeirrten Konzentration auf die Titelfigur und deren glücklicher Besetzung gewinnt er an Einsicht in die ihrer Zeit vorausschauende Komplexität der literarischen Welt einer Autorin, die weitaus mehr hervorgebracht hat als gefühlsträchtige Gesellschaftsromane. Die definitive Verfilmung von Jane Eyre" steht freilich weiter aus. Für sie muß man wohl auf das Auftauchen eines neuen Rainer Werner Fassbinder warten.










