Filmplakat von January

January

Drama, Historie

Filmkritik

Manchmal kann ein einziger Monat die Weichen für das gesamte folgende Leben stellen. Jazis (Kārlis Arnolds Avots) ist jung, filmbegeistert und träumerisch. Während seines Brotjobs als Putzhilfe schaut er lieber einen Ingmar-Bergman-Film auf dem Videorekorder, als zu arbeiten. Als sich die Gelegenheit bietet, mit der Super-8-Kamera seines Vaters einen historischen Moment festzuhalten, lässt er alles stehen und liegen. Man schreibt den Januar des Jahres 1991 im Riga der (Noch-)Sowjetunion. In den baltischen Staaten brodelt es. Im Zuge des Zusammenbruchs des Eisernen Vorhangs fordern die nach dem Zweiten Weltkrieg annektierten Staaten an der Ostsee ihre Unabhängigkeit zurück. Moskau reagiert mit der Entsendung von Spezialeinheiten, den OMON-Truppen, in die lettische Hauptstadt Riga. Als Jazis deren rabiates Vorgehen am dortigen Pressehaus filmt, wird er niedergeschlagen.

Engagieren mit der Kamera

Kurz darauf lernt er in einem Schauspielkurs an Rigas Filmhochschule die lebenslustige und engagierte Filmstudentin Anna (Alise Danovska) kennen. Ihr imponiert sein Filmwissen und dass er beim Drehen der gefährlichen Situation Kratzer davongetragen hat. Bald darauf darf Jazis in der Clique der Filmstudenten mitmischen. Die jungen Leute hören laut Punk, tanzen und trinken wild in Bars und drehen außerdem Filme. Jazis und Anna werden ein Paar, und der junge Mann fühlt sich aufgenommen. Doch die Welt bleibt nicht stehen. Anna wird Assistentin des berühmten lettischen Regisseurs Juris Podnieks. Als sie mit Podnieks’ Crew aufbricht, um die blutige Repression der Armee im litauischen Vilnius zu filmen, reagiert Jazis mit Neid und Eifersucht. Derweil klaffen auch in seiner Familie Gräben zwischen seinem kommunistischen Vater und seiner religiösen und regimekritischen Mutter. Jazis muss sich von seiner Passivität befreien und sich in stürmischen Zeiten engagieren – nicht zuletzt mit der Kamera.

Regisseur Viesturs Kairiss stellt einen sympathischen Antihelden ins Zentrum seiner Charakterstudie „Januar“, die zudem ein Historienfilm ist. Jazis ist ein Zauderer, der sich nicht dazu durchringen kann, seine Träume in die Tat umzusetzen. Durch seine Beziehung zu der forschen Anna begegnet er seiner Umwelt wacher und beginnt, sich eine eigene Meinung zu bilden. Kairiss fängt das Sowjet-Ambiente und den Geist jener Ära authentisch ein. In einer noch sehr analogen Welt, in der zudem Bevormundung und Mangelwirtschaft herrschen, haben sich junge Leute wie Jazis Nischen geschaffen. Im Kiosk von Jazis’ Freund Patriks, das in einer Metro-Unterführung gelegen ist, kann man sich VHS-Raubkopien von Filmklassikern, aber auch Werke von angesagten US-Independent-Regisseuren wie Jim Jarmusch ausleihen. Letzterer ist Jazis und seinen Freunden vom Wesen her näher. Auch sie begreifen sich in einer von Moskau gelenkten Gesellschaft als Rebellen. So spielt auch das Kino und mit ihm das Filmemachen eine große Rolle in „Januar“ und wird als emanzipatorischer Akt inszeniert.

Subversiv gegen die Sowjetunion

Den lettischen Regisseur Juris Podnieks (1950-1992) hat es tatsächlich gegeben, ebenso wie seine Reise nach Vilnius: Ein Kameramann kam beim Filmen des litauischen Aufstands ums Leben. In Podnieks’ bahnbrechendem Dokumentarfilm „Ist es leicht, jung zu sein?“ von 1986, der in Perestroika-Zeiten gezeigt werden durfte, zeichnet er junge Menschen zwischen Hoffnungslosigkeit und Rebellion. Dass es für Jugendliche in der Sowjetunion nicht viel brauchte, um anzuecken, beschreibt er dort ausführlich. Insofern birgt das aufsässige Verhalten von Anna und ihren Freunden, das man im Westen als jugendlichen Übermut abgetan hätte, für Sowjetverhältnisse subversives Potenzial.

Gelegentlich zeigt der Film subtil Unterschiede zwischen der lettischen und russischen Bevölkerung in Riga, indem er sie einfach ihre Muttersprache sprechen lässt. Dennoch ist die Ablehnung gegenüber allem Russischen deutlich spürbar. Auch ein russischer Reformer wie Michail Gorbatschow, der im Westen bis heute vor allem positiv gesehen wird, kommt im Film nicht gut weg. Denn durch seinen Einmarschbefehl von Sowjettruppen in die baltischen Staaten klebte auch an seinen Händen Blut.

Nach und nach schmilzt das Eis

Atmosphärisch macht sich „Januar“ in den packenden Bildern des polnischen Kameramanns Wojciech Staron auch die klimatischen Bedingungen der Jahreszeit zu eigen. Er lässt seine jungen Protagonist:innen ihre anarchische Freude im Schnee ausleben oder schaut Jazis und Anna bei einem Bad in der eisigen Ostsee zu. Die Kälte kann man als die politische Eiszeit interpretieren, als Stillstand der sowjetischen Gesellschaft. Sie wird durch die Unabhängigkeitsbewegung aufgebrochen – nach und nach schmilzt das Eis.

Der Film schildert Zeiten des Umbruchs, die auf historischen Tatsachen beruhen. Bilder von Straßensperren und dem Zusammenhalt der Bevölkerung im Angesicht eines russischen Angriffs stellen die sogenannten „Barrikadentage“ in Lettland nach, die am 13. Januar 1991 begannen. Der Übergang von fiktionalen Aufnahmen und Archivmaterial ist fließend und manchmal auch verwirrend, da man nicht immer zwischen historischen und für den Film gedrehten Bildern unterscheiden kann.

Am Ende ist der junge Held um einiges reifer; auch sein jugendlicher Wuschelkopf ist einer Kurzhaarfrisur gewichen. Eigentlich haben Freunde ihm die Haare für seinen bevorstehenden Dienst in der Roten Armee abgeschnitten – doch diesen wird er in der neuen Zeit nicht mehr antreten.

Erschienen auf filmdienst.deJanuaryVon: Kira Taszman (16.4.2024)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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