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Filmkritik
Sie sind die Ikonen des sozialrealistischen Kinos in Europa, und einmal mehr interessieren sie sich für die Außenseiter und Verlierer der belgischen Gesellschaft: Jean-Pierre und Luc Dardenne. „Wir mögen es, Menschen zu filmen, die aufgeschlossen sind und die um ihre Würde kämpfen und darum, in der Gesellschaft wieder aufgenommen zu werden“, hat Jean-Pierre Dardenne einmal den Kern ihrer Arbeit beschrieben. Während die Filme der Brüder bislang jedoch stets um einzelne Protagonisten kreisten, ist ihr neues Werk ein veritabler Ensemblefilm. „Jeunes Mères - Junge Mütter“ stellt fünf minderjährige Frauen namens Jessica, Perla, Julie, Naima und Ariane in den Mittelpunkt, die viel zu früh Kinder geboren haben und nun in einem Heim für alleinerziehende Mütter in Liège leben.
Liège, in Deutschland auch als Lüttich bekannt, ist nur sieben Kilometer von Seraing entfernt, wo fast alle Filme der Dardennes verortet waren, eine einstmals florierende Stadt, die durch den Rückgang der Kohleförderung und der Stahlindustrie immer ärmer wurde. Darum sind auch hier die sozioökonomischen Bedingungen der Figuren von großer Bedeutung.
Ein besseres Leben für den Nachwuchs
Auf den ersten Blick scheint der neue Film an „Das Kind“ (2005) zu erinnern, in dem ein junges Elternpaar von seinem Baby überfordert ist, und der Vater es sogar verkaufen will. Doch auf solche Verknüpfungen achten die Brüder nicht. In fünf Episoden, die sich wie bei einem Reigen alternierend abwechseln, spüren sie den Figuren nach, wie sie trotz familiärer Konflikte und gesellschaftlicher Hürden ihrem Nachwuchs ein besseres Leben ermöglichen wollen. Etwa die schwarze Perla. Sie muss sich damit abfinden, dass ihr weißer Freund sie einfach sitzenlässt und sich keinen Deut für das Neugeborene interessiert. Julie will von ihrer Drogensucht loskommen. Mit ihrem Freund, den sie – in einer typischen Dardenne-Szene – auf dem Motorrad begleitet, sucht sie eine gemeinsame Wohnung. Sie beginnt eine Ausbildung als Friseurin. Naima hingegen hat früh den Absprung geschafft und kann das Heim verlassen.
Dabei geht es auch darum, dass die jungen Frauen sich von ihren eigenen Müttern befreien müssen, etwa Jessica, die von ihrer Mutter in ein Heim gesteckt wurde und die sie auch jetzt, 15 Jahre später, nicht kennenlernen darf. Ariane muss sich, ähnlich wie die Titelheldin in „Rosetta“ (1999), von ihrer alkoholkranken, überfürsorglichen Mutter und deren gewalttätigem Freund lösen. Schweren Herzens gibt sie ihr Kind zur Adoption frei. Muster wiederholen sich, die Probleme bleiben über die Generationen hinweg die gleichen. Auch dagegen müssen sich die jungen Mütter wehren.
Alles ist die Entscheidung der Mädchen
Häufig sieht man die fünf Frauen, wie sie sich gegenseitig helfen und unterstützen. Denn sie sind aufeinander angewiesen; sie brauchen aber auch die Hilfe der Erzieherinnen. Die hören zu, stehen ihnen mit Rat und Tat zur Seite, haben Verständnis und üben keinen Druck aus. Ob die Mädchen ihr Kind zur Adoption freigeben, es alleine erziehen oder doch zu zweit – all das ist ihre Entscheidung. In den Szenen im Heim schaut die Kamera einfach nur zu, wie die Babys gewaschen, gewickelt oder gestillt werden.
Die Dardennes lassen die Dinge geschehen; ihr neuer Film ist sehr viel dokumentarischer als die vorangegangenen Filme, auch wenn sie das wahrscheinlich bestreiten würden, weil für sie dokumentarische und narrative Szenen unverbrüchlich zusammengehören. Unter den fünf Handlungsfäden, die klug und geschickt verwoben sind, stechen zwei heraus, vor allem, weil sie von den jeweiligen Schauspielerinnen so überzeugend getragen werden. Lucie Laruelle geht als Perla völlig aus sich heraus, ist selbstbewusst, auftrumpfend, temperamentvoll. Sie haut mit der Faust auf den Tisch, sie nervt. Trotzdem zeigt sie eine verletzliche Fragilität, etwa, wenn sie ihren Freund vergeblich zum Bleiben überreden will. Laruelle macht stets spürbar, was in ihrer Figur vorgeht. Janaïna Halloy Fokan als Ariane überzeugt hingegen durch ihre Bestimmtheit und Zielstrebigkeit, aber auch durch Bitterkeit und Härte. Sie will nicht so werden wie ihre Mutter. Diesem Ziel ordnet sie alles unter.
Eine bessere Zukunft?
Nicht zu vergessen sind die Babys: wundervolle Wesen, die von den Konflikten um sich herum nichts ahnen. Traurig, wie Arianes Kind seine Mutter anlächelt – ausgerechnet in dem Moment, als sie es den Adoptiveltern überreicht. Wird es einmal eine bessere Zukunft haben? Dann gibt es aber auch immer wieder magische Momente, etwa wenn Julies Lehrerin das Gedicht „Der Abschied“ von Apollinaire vorträgt. Eine tote Mutter sagt darin: „Ich warte auf dich.“ Julie wäre fast an einer Überdosis gestorben, ihre Lehrerin hat sie gerettet. Das ist ein schöner Moment der Verbundenheit. Auch wenn die Dardennes ihre Figuren scheinbar distanziert beobachten, so erlauben sie doch, dass man ihnen sehr nahekommt. Das macht die Menschlichkeit ihres Kinos aus.










