Vorstellungen
Filmkritik
Nicht selten scheitern begabte Komiker bei ihrem Spielfilmdebüt, weil die Regeln der Kleinkunst nicht ohne weiteres auf die Langform übertragbar sind. Diese Peinlichkeit hat "Kehraus" jedoch souverän umgangen, ohne dabei die typischen Qualitäten der Poltschen Sketches aufzugeben. Mag die Handlung auch minimal sein, so ist sie doch rund und stark genug, um Kinolänge zu bestehen und trotzdem noch Freiraum für Improvisation und bissige Kleinkunstminiaturen zu bieten.
Ein Arbeiter hat sich ein Riesenpaket von Versicherungen aufschwätzen lassen. Bei dem Versuch, die mörderischen Verträge wieder rückgängig zu machen, verirrt er sich zunächst in einen komisch-kafkaesken Bürobetrieb und danach auf einen Maskenball, der, je mehr er zu einem Hexenkessel vermeintlichen Frohsinns ausartet, die Teilnehmer und die gesellschaftlichen Verhältnisse demaskiert. Der tolpatschige Bittsteller verläßt den Ball zwar unverrichteter Dinge - aber er hat die Sekretärin seines Widersachers als Komplicin und Geliebte gewonnen.
Es ist gar nicht nötig, daß der Geschädigte die Herren vom Versicherungsunwesen entlarvt - das besorgen sie schon selbst. Kaum ist nämlich Alkohol im Spiel, entblößen sie ihre infantilen, zynischen, grausamen Instinkte schamlos, da wird ihre Profitgier und ihre Politik der gnadenlosen Rationalisierung und Bespitzelung höhnisch offenbar. Aber auch die Kleinbürger werden in dieser bissigen Analyse nicht geschont: sie toben sich in grausamen Späßen aus, flüchten sich in billige Illusionen oder plötzliche Aggressivität, weil sie die Ursachen ihrer Verzweiflung nicht erkennen und keine rechten Worte dafür finden. - Unnötig zu sagen, daß die Autoren hier kein Feuerwerk sonnigen bayrischen Humors entfachen, sondern daß ihr Witz oft dumpf, makaber und "schrecklich" ist in seinem aufklärerischen Pessimismus. Daß dieses wüste Faschingsdelirium dennoch nicht zur gnadenlosen Denunzierung der Figuren gerät, ist der geschickt eingebundenen Liebesgeschichte zu danken. Wortkarg und spröde schafft sie es doch, alle ansonsten waltende Herzlosigkeit und Vulgarität der Geschehnisse Lügen zu strafen. Und es ist vor allem auch Gisela Schneeberger zu danken. Sie ist die "Seele" des Films. Mühelos reizt sie das breite Repertoire von der schnatternden Vorzimmerkarikatur bis hin zur tragischen Einsamen aus, in der unerkannt eine schöne Seele schlummert.





