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Kill Bill: Volume 1

110 minAction, KrimiFSK 18
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Die als „die Braut“ bekannte Auftragskillerin überlebt als Einzige ein brutales Massaker auf ihrer Hochzeitsfeier, bei dem ihr eigener Bräutigam versucht, sie und ihr ungeborenes Kind zu töten. Fünf Jahre lang liegt sie im Koma – bis sie schließlich erwacht und von unstillbarem Rachedurst getrieben wird. Ihr blutiger Vergeltungsfeldzug führt sie rund um den Globus, während sie sich den Drahtziehern des Angriffs stellt. Ihren ehemaligen Bräutigam hebt sie sich dabei für das finale Duell auf.
  • Veröffentlichung16.10.2003
  • Quentin Tarantino
  • Vereinigte Staaten (2003)
  • 7/10 (17967) Stimmen

Hässliche Dinge können sehr schön sein. Wer dies nicht akzeptiert, dürfte mit Quentin Tarantinos erstem Film nach fast sechsjähriger Schaffenspause nicht viel Freude haben. Tarantino, nach seinem Überraschungserfolg „Pulp Fiction“ (fd 31 041) vielleicht über Gebühr zum Wunderkind der 1990er-Jahre stilisiert, erzählt in „Kill Bill Volume 1“ eine bittere, derbe Rachegeschichte. Das über Jahre vorbereitete, ursprünglich als ein Film angelegte Werk wurde vor allem auf Betreiben von Miramax-Boss Harvey Weinstein zweigeteilt. „Volume 2“ soll im Februar 2004 ins Kino kommen. Weinstein beruft sich bei diesem problematischen Schritt auf die „künstlerische Vision“ seines Regisseurs, dabei von Tarantino sekundiert. Andere vermuten rein ökonomische Motive. Die Überleitung und somit das Ende des ersten Teils bildet nun ein klassischer Cliffhanger, die Story ist also keineswegs fertig erzählt; manche zentralen Charaktere treten gar nicht oder nur für Sekunden auf, und auch diejenigen, die man länger sieht, sind nicht immer gut entwickelt. Nun hat der Verzicht auf tiefere psychologische Motivation bei Tarantino freilich Methode, und das jetzt Vorgelegte ist durchaus ein Film aus eigenem Recht: Obwohl eine Menge Fragen offen bleiben, kann man ihn mit Vergnügen genießen.

Ein Lied vom Tod, in dessen Zentrum wie so oft bei Tarantino sämtlich traumatisierte Charaktere stehen: Die Handlung kreist um die „Braut“, eine junge Frau, von der man nur den „Codenamen“ „Black Mamba“ kennt. Offenbar war sie Mitglied eines Bundes von Profikillern. Am Tag ihrer Hochzeit wurden der Bräutigam und die Hochzeitsgesellschaft aus noch nicht einmal angedeuteten Gründen ermordet – die Braut selbst blieb mit einer Kugel im Kopf und einem ungeborenen Kind im Leib zurück. Zunächst für tot gehalten, lag sie vier Jahre im Koma. Aufgewacht und wiederhergestellt, schwor sie den Mördern Rache und bringt einen nach dem anderen in Zweikämpfen um, die nach einem gewissen Ehrenkodex ausgefochten werden – auch wenn es im konkreten Fall damit nicht immer weit her ist. Es sind die Pole „Ehre“ und „Rache“, um die sich der Film dreht. Erzählt werden im ersten Teil diese Vorgeschichte und die Duelle mit zwei Kontrahenten – anfangs in sprunghaftem Hin und Her zwischen mehreren Rückblicksebenen, einem Vorausgriff und parallelen Handlungssträngen, dann zunehmend linear. Die größte Schwäche des Films liegt darin, dass es in dem blutigen Wechsel aus Kämpfen und Kampfvorbereitungen schwer fällt, sich mit irgendeinem Charakter zu identifizieren, selbst nicht mit dem der von Uma Thurman gespielten „Braut“. Sie ist eine Figur ohne Liebe und Humor, ihr einziges Gefühl ist Hass. Nun mag Rache mitunter verständlich sein, ist aber selbst dann selten sympathisch, wenn man sich über die Reinheit der Motive klarer ist als in diesem Fall, wo die Vorgeschichte der „Braut“ und ihres Verhältnisses zum Oberschurken Bill zunächst im Dunkeln liegt.

So kann es passieren, dass man moralisch oder emotional mehr Anteil an den beiden Gegnern der „Braut“ nimmt. Denn „Copperhead“, die ihr in der ersten Viertelstunde zum Opfer fällt, bemüht sich um eine Versöhnung und schützt überdies ihre kleine Tochter. Die „Braut“ und ihre zweite Gegnerin O-Ren Ishii ähneln sich verdächtig. Im Rückblick wird das Schicksal dieser Figur als das eines traumatisierten Kindes erzählt, eine der wunderbarsten Sequenzen des Films, komplett im japanischen Anime-Stil gefasst; eine visuell atemberaubende Passage von Mitsusha Ishikawa und Takayuki Goto – wer deren Debüt „Jin Roh“ (fd 35 130) gesehen hat, weiß um ihre Qualitäten. In Form und Stil ist der episodisch erzählte Film auch sonst über weite Strecken eine Augenweide. Kameramann Robert Richardson gelingen grandiose Momente, deren Wirkung durch die geniale Musikauswahl noch verstärkt wird. Langsame, ruhige Sequenzen wechseln mit rasanten Kämpfen, fast nie ist das langweilig, oft hervorragend inszeniert und immer attraktiv anzusehen. Nur zwei, drei Szenen verstören in ihrer Brutalität; während die Gewalt ansonsten nie Selbstzweck und überdies stilisiert ist, überwiegt hier Zynismus. Für die Kämpfe griff Tarantino auf den Martial- Arts-Experten Yuen Wo-Ping zurück, der bei „Matrix“ (fd 33 720) und „Tiger & Dragon“ (fd 34 652) Phänomenales leistete. Hier sind die Kämpfe bodenständiger und härter, „japanischer“ – auf Seiltechnik wurde weitgehend verzichtet.

In erster Linie treibt Tarantino wieder sein Spiel mit der Filmgeschichte; „Kill Bill“ ist Hommage, Zitatenwirbel und Genre- Analyse zugleich. Dem scharfen dekonstruierenden Blick ist diesmal vor allem Japan unterworfen: japanische Mode und Musik, Fetische und Tradition, vor allem das Gangsterkino der 1960er- und 1970er-Jahre, klassische Samurai-Filme werden ausgeschlachtet, Verweise auf Kurosawa und Ozu sind zu entdecken. Dabei besteht Tarantinos Japan in erster Linie und gewollt aus Oberfläche – Yakuza, Samurais, Schulmädchen in Uniform, Manga und Kirschblütenkitsch – und ist damit ähnlich wunderbar klischeelastig wie es Russland in von Sternbergs „Die scharlachrote Kaiserin“ (1934) war. Wie der Herstellungsprozess (große Teile wurden in China gedreht, weitere in Japan und Mexiko) ist auch der Film selbst eine hybride Verschmelzung kultureller Einflüsse. Neben Japan spielen Italo-Western und chinesisches Martial-Arts-Kino die wichtigsten Rollen. Fast alle dominierenden Figuren sind Frauen, und „Kill Bill“ ist zweifellos ein wichtigerer Beitrag zum Thema „Girl Power“ als alle „Charlies Engel“- und „Lara Croft“-Filme zusammen. Die stilistische Aneignung des „Anderen“ stößt jedoch auf Grenzen. Die Heldin ist eben eine weiße „Caucasian“, wie sie im Film auch genannt wird, ihre Opfer sind fast ausschließlich Asiaten und Schwarze.

Trotzdem: Falls es überhaupt Sinn macht, von „Postmoderne“ zu sprechen, dann hier. In brillanter Weise verwirklicht Tarantino die Idee eines unhierarchischen Kinos, das Grenzen überschreitet, mit ironischen Brechungen und Relativierungen der Handlung gespickt ist, aber nicht auf deren Kosten geht. Neben die lineare Erzählweise tritt ein Tableau aus Zeichen und Zitaten, das ein eigenes Erzählnetz bildet. Wie Robert Rodriguez weiß auch Tarantino, dass Bilder im Kino stärker sind als Worte, intensiver und emotionaler in ihrer Wirkung. So bedient „Kill Bill“ trivialste wie differenzierteste ästhetische Bedürfnisse zugleich. Das Hässliche kann eben schön sein – man könnte dazu allerdings auch einfach Pop sagen.

Veröffentlicht auf filmdienst.deKill Bill: Volume 1Von: Rüdiger Suchsland (16.4.2026)
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