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Filmkritik
Als im Februar 2024 das Tübinger Programmkino Arsenal stilsicher mit einer Vorführung von Peter Bogdanovichs „The Last Picture Show“ den Spielbetrieb einstellte, bezeichnete dies das Ende einer Ära. Der Film „Kinoleben - Über das Tübinger Arsenal und andere Programmkinos“ von Goggo Gensch beginnt und endet mit Bildern aus Tübingen. Der Film zeigt die Betroffenheit und Trauer des mit dem Kino gealterten Publikums und auch die Tristesse des (fast) leergeräumten Kinos. Zwischenzeitlich begibt er sich aber als Road Movie in steter Begleitung des Filmemachers Stefan Paul quer durch Raum und Zeit auf eine ziemlich nostalgische Spurensuche nach der Geschichte und möglichen Zukunft des Programmkinos.
Mehr als eine Abspielstätte von Filmen
Für Stefan Paul, der 1946 in Leipzig geboren wurde, ist die Schließung des Arsenals eine Art Abschied von seinem Lebenswerk. Paul hatte in Tübingen studiert und an unterschiedlichen Spielstätten wie der Uni-Mensa oder der Kunsthalle schon früh engagierte Kinoarbeit geleistet, ehe er 1974 mit dem Arsenal das erste Programmkino in Baden-Württemberg eröffnete. Das Kino, zentral am Rande der Tübinger Altstadt gelegen, war als Kneipenkino mit 82 Plätzen konzipiert. Hier sollte, inspiriert vom Hamburger Abaton-Kino, ein Raum geschaffen werden, der mehr zu bieten hatte als eine Abspielstätte von Filmen, für die im kommerziell ausgerichteten Kinobetrieb kein Platz war.
Konkret ging es – das Jahr 1968 lag noch nicht lange zurück – um Filme aus der politischen und ästhetischen Underground- und Gegenkultur, um Filme, über die man unter unterschiedlichen Aspekten diskutieren konnte. Und auch darum, Filme wie „Das Phantom der Oper“ oder „Der rote Korsar“ zu kuratieren und unter „Camp“-Aspekten zu feiern. Gerne hätte man mehr über diese wilden Jahre des alternativen Kinomachens erfahren, an deren Ende vielleicht (fast) vollständige Fassbinder-Retrospektiven oder eine ununterbrochene Projektion von Edgar Reitz’ „Die Zweite Heimat“ gestanden haben mögen.
Ausflüge zur Berlinale und nach Hof
Doch Gensch übernimmt bei seinem Film über Stefan Paul zugleich dessen eigentümliche Ästhetik einer Kontingenz aus Kraut und Rüben, die schon Pauls Dokumentarfilme, etwa „Lass uns ’n Wunder sein“, zu eigen war. Statt sich um Konzentration und Strukturierung des Materials zu kümmern, häuft Gensch Szene an Szene und verliert sich darüber allzu oft im Anekdotischen, wenn etwa die Krankheitsgeschichte von Bob Marley ausführlich nachbereitet wird oder Ausflüge zur Berlinale oder zu den Hofer Filmtagen eingearbeitet sind. Andere thematisch näherliegende Ausflüge führen nach Rottenburg, Reutlingen, Stuttgart und Leipzig.
Zudem wird das mit inhaltlich wenig ergiebigen Auftritten von Prominenten wie Wim Wenders, Ulrich Tukur oder John Waters dekoriert. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen präsentiert sein Lieblingskunststück, einen beliebigen Begriff – hier: „experimentell“ – in einer Abfolge von Halbsätzen sinnfrei zu jonglieren. Für Pörksen, der bei Eröffnung des Arsenals noch nicht zur Schule ging, gelten die Programmkinos noch immer als „Oasen des Experiments“.
Trotzdem ist „Kinoleben“, zumal wenn man mit den lokalen und regionalen Gegebenheiten etwas vertrauter ist, nicht ohne Reiz. Man kann beispielsweise darüber sinnieren, welcher Zeitzeuge aus dem Großraum Tübingen-Stuttgart von Gensch vor die Kamera gebeten wird und wer nicht dabei ist. Oder warum es einerseits „ein mutiger Schritt“ war, dass in der 1971 neu eröffneten Tübinger Kunsthalle Nazi-Pornos gezeigt wurden, was in der gutbürgerlich-pietistischen Stadt für einen handfesten Skandal sorgte, andererseits aber davon gesprochen wird, wie Jahre später im benachbarten Rottenburg ein Pornokino in „etwas Besseres“ verwandelt wurde: ein weiteres Programmkino.
Verpflichtung auf den Kulturauftrag
Man kann sich auch darüber wundern, warum der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer eingangs kurz dazu befragt wird, ob die Stadt sich nicht stärker für den Erhalt des Kinos hätte engagieren müssen, aber erst sehr viel später von anderer Seite darauf verwiesen wird, dass die Subventionierung privatwirtschaftlich organisierter Programmkinos offensiv mit einer nachdrücklichen Verpflichtung auf den Kulturauftrag verknüpft sein muss. Selbst dann, wenn sich dieses negativ auf die Publikumsnachfrage auswirken würde.
In den hier beschworenen legendären Anfangsjahren hätte es eines solchen Hinweises wohl kaum bedurft, weil er den langen Weg vom Programmkino im emphatischen Sinne zum eher konventionellen Arthouse-Kino reflektiert. Man kann diesen Weg auch entlang einer Filmliste rekapitulieren: von Kurzfilmen der Hamburger Film Coop über eine Reihe mit Werken von Jonas Mekas, Kenneth Anger und Brigid Polk über „Themroc“, dessen Einspielerfolg seinerzeit die Eröffnung des Arsenals überhaupt erst ermöglichte, über „Diva“, der viele Jahre lang in Matineen lief, über „Das Gespenst“, der mancherorts die Staatsanwaltschaft auf den Plan rief, über die Filme von Jim Jarmusch und Peter Greenaway, die in den Programmkinos lange Jahre eine treue Fan-Gemeinde hatten, bis hin zu Anja Salomonowitz’ „Mit einem Tiger schlafen“.
Beinhartes Kommerzbusiness
Oder alternativ über einschlägige Musikdokumentationen, da Stefan Paul als Verleiher (und Filmemacher) einst mit Musikfilmen reüssierte, von „Jimi plays Berkeley“ über „Reggae Sunsplash II“ und „Bob Marley - Live in Concert“ bis hin zur Wiederaufführung von Jonathan Demmes „Stop Making Sense“. Doch wie man es auch dreht und wendet: Am Ende wird der rührige Stefan Paul doch etwas melancholisch, wenn er konstatiert: „Es ist ein Geschäft. Es geht nur um Geld. Es steht mittlerweile nicht mehr die Filmliebe im Vordergrund, sondern es ist ein beinhartes Kommerzbusiness.“