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Filmkritik
Hungerstreik? Der Neuankömmling in der Zelle nimmt die Erklärung seines künftigen Haftgenossen sichtlich nicht ernst, dass dieser aus Protest nichts esse, und fragt, ob es störe, wenn er kocht. „Mir egal, was du tust!“, ist die geknurrte Antwort von Valentin Arregui, der zu den vielen politischen Gefangenen zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur gehört. Eingesperrt in einem von deren berüchtigten Gefängnissen kann Arregui sich seine Überlebenschancen ausrechnen; vor dem Tod bewahrt ihn vorläufig nur, dass man ihm durch Folter die Namen anderer politischer Widerstandskämpfer entreißen will. Verschlossenheit und Abwehr sind seine Überlebensstrategie. Ganz anders sein exaltiertes Gegenüber Luis Molina, das direkt erklärt, ihm würden acht Jahre wegen öffentlicher Unzucht mit einem Mann drohen. Wobei schnell klar wird, wie fraglich es ist, dass Molina diese Zeit überstehen würde, ohne seinen Mitgefangenen oder den Wärtern zum Opfer zu fallen. Mit der Sehnsucht, eine Frau sein zu wollen, darf er auf kein Verständnis hoffen.
Der Reichtum der Fantasie
Zwei komplett gegensätzliche Gefangene als Zwangsgemeinschaft, das sind ideale Voraussetzungen für ein Kammerspiel unter an sich eng gesteckten Rahmenbedingungen. Der argentinische Schriftsteller Manuel Puig hat in seinem Roman „El beso de la mujer araña“ 1976 allerdings seinen Figuren ein Mittel an die Hand gegeben, die Wände der Zelle symbolisch niederzureißen, was auch die Theaterbearbeitung des „Kuss der Spinnenfrau“-Stoffes, die Verfilmung durch Hector Babenco (1985) und das Musical von Librettist Terrence McNally und dem Komponisten-Duo John Kander und Fred Ebb übernahmen: Der Reichtum der Fantasie, mit dem die Gefangenen ihrer leidvollen Lage entfliehen können. Gewährsmensch dafür ist der mitteilungsbedürftige Luis Molina, der wortreich von seinem Lieblingsfilm erzählt und in Valentin Arregui einen immer aufmerksameren Zuhörer findet. Und das, obwohl dieser von Molinas Schwärmereien für melodramatische Verwicklungen reichlich angewidert ist und unterstellt, dass der Erzählende sich den ganzen Unsinn doch nur ausdenke.
In der Verfilmung des Kander-Ebb-Musicals durch Bill Condon liegt diese Vermutung noch näher als bei allen früheren Adaptionen. Während Condon die Gefängnisszenen betont dunkel, geradezu farbentsättigt anlegt, schwelgen die Sequenzen, die Molinas Erzählung bebildern, in bonbonbuntem Technicolor. Klare Vorbilder hierfür sind die farbverliebten Hollywood-Musicals der 1940er- und 1950er-Jahre und tatsächlich soll auch der bewusste Lieblingsfilm – ebenfalls „Kiss of the Spider Woman“ betitelt – ein Musical dieser Zeit sein, angesiedelt in einem lateinamerikanischen Fantasiestaat und in der Handlung schicksalshaft übersteigert: Aurora, die umschwärmte Verlegerin eines angesagten Modemagazins, verliebt sich in den Fotografen Armando, wird aber auch von einem Gangster begehrt, während ihr Assistent Kendall seiner Chefin in unerfüllter Liebe ergeben ist – ein Gefühlsgemenge, das erst durch die Begegnung mit der mythischen Spinnenfrau aufgelöst wird. Einen eindeutigen Hinweis auf Molinas Eingriffe in das filmische Material bietet seine Besetzung: Er selbst sieht sich als der unglücklich Liebende, der gutaussehende Fotograf ist das Ebenbild von Arregui.
Ernüchternde Rückkehr in die Zelle
Allzu tief in den Film-im-Film eintauchen kann man als Zuschauer von Condons „Kiss of the Spider Woman“-Verfilmung allerdings nicht, denn der Regisseur ist entschlossen, die bedrückende Ausgangssituation nie lange aus dem Blick zu verlieren. So enden die meisten großangelegten Tanzszenen, in denen Aurora und ihre Verehrer einander zu beschwingten Rhythmen herumwirbeln, in einer ernüchternden Unterbrechung und Rückkehr in die Zelle. Die Misshandlungen durch die Wärter erleben Molina und Arregui sowohl bei anderen mit als auch am eigenen Leib, bei Molina wird die körperliche Gewalt auch als Druckmittel genutzt, den Revolutionär auszuhorchen; wohl um nicht in Gefahr zu kommen, die realen Schrecken der Militärjunta abzuschwächen, sperrt Condon das Musical-Element bei den Gefängnisszenen kategorisch aus. Damit entfernt er sich allerdings erheblich von seinem Quellenmaterial, in dem auch zur „Realitätsebene“ Songs gehören, ähnlich wie es Kander und Ebb früher schon bei ihrem teilweise hinter Gittern spielenden Musical „Chicago“ angewandt hatten.
Condons Bestreben, den bewusst abstrahierten Stoff wieder mehr an die historische Realität zurückzuführen, bringt aber ein zwiespältiges Ergebnis hervor: Für ein authentisches Gefängnisdrama, in dem sich die anfängliche Distanz der Hauptfiguren in Verständigung und sogar sexuelle Annäherung wandelt, bleibt der Zugriff zu oberflächlich, während die Song-and-Dance-Szenen im Grunde überflüssig erscheinen. Aus der Perspektive einer Musical-Adaption irritiert dagegen die reduzierte Form, die auch spürbar ist, wenn man die Bühnenvorlage nicht kennt. Dabei gehören die wenigen Momente, in denen sich „Kiss of the Spider Woman“ ganz seinem Genre überlässt, etwa ein Traumduett von Molina mit seinem Idol, der Aurora-Darstellerin Ingrid Luna, nebst Tänzerunterstützung, zweifellos zu den Höhepunkten des Films. Hier vermittelt sich auch der heilsame Aspekt der Fantasie, mit der sich selbst dem Terror einer Diktatur trotzen lässt, besonders effektvoll.
Die Leinwandkreation wird zum Todesengel
Glänzen kann dabei neben den Kostümen in erster Linie Molina-Darsteller Tonatiuh, der auch der weniger verletzlich wirkenden Filmfigur Kendall gelungen Profil verleiht und emotional wie musikalisch ein weites Spektrum zeigt. Diego Luna wird zwar kaum in die Musical-Sequenzen einbezogen, darf aber immerhin als Arregui die Schmerzen des gepeinigten Revolutionärs intensiv vorführen. Jennifer Lopez dagegen ist mit ihren drei Rollen reichlich überfordert; am ehesten liegt ihr noch die weltentrückte und daher keine große Gefühlspalette erfordernde Spinnenfrau, die von der Leinwandkreation mehr und mehr zu Molinas Todesengel wird. Doch um der mondänen Aurora und der Diva Ingrid Luna ansprechende Züge zu verleihen, verfügt Lopez zwar über das sängerische Können, nicht aber über die mimischen Fähigkeiten. Was sich zwischen Molina und Arregui abspielt, ist letztlich auch deshalb am eindringlichsten, weil der restliche Film nichts anbietet, mit dem sich mitfiebern ließe.










