Vorstellungen
Filmkritik
Der Frust ist ihm förmlich ins Gesicht gemeißelt. Trotz seines allmorgendlichen Weckrituals mit erbaulichen Durchhalte-Mantren vom Kassettenrekorder will Horst Schlämmer sein Dasein beim Grevenbroicher Tagblatt nicht mehr länger hinnehmen. Als stellvertretender Chefredakteur fühlt er sich selbst vom neuen Praktikanten Ulle nicht ernst genommen und drastisch unterfordert, wenn er wieder einmal zur Berichterstattung vom Kaliber „Kaninchenzüchterverein“ abgestellt wird. Dabei fühlt sich Schlemmer, der selbst ernannte „Tiger“, zu weit Höherem berufen – nämlich zur Veränderung der Welt! Getreu seinem Motto „Yes Weekend!“ sucht Schlämmer deshalb sein Heil in der Politik. Durch eingehende Tiefeninterviews mit der örtlichen Politiker-Prominenz bestärkt, tritt er zum Sturmlauf aufs Bundeskanzleramt an – denn das, was die etablierten Parteien verbocken, kann er schon lange. Zusammen mit seinen Stammtischkollegen gründet er die „HSP“, die „Horst Schlämmer Partei“, greift aktiv ins Geschäft des Stimmenfangs ein, lacht sich die ebenso prominente wie machtgierige Alexandra Kamp als „First Lady“ an und landet sogar im finalen Fernsehduell mit Angela Merkel. Hape Kerkeling zählt unbestritten zu den besten deutschen Komödianten überhaupt. Die Qualitäten seiner respektlosen Entlarvung des deutschen Establishments sowie des charmant-bissigen Vorführens von „Otto Normalverbraucher“ reihen ihn nahtlos unter Showgrößen wie Peter Frankenfeld und Loriot ein. Doch was im Fernsehen mit seinem Comedy-Format „Total normal“ und den abendfüllenden Komödien „Club Las Piranjas“ und „Willi und die Windzors“ auf mitunter denkwürdige Weise gelang, hat den Sprung auf die große Kinoleinwand nicht unbeschadet überlebt. Als müsse Kerkeling für die finanziell riskantere Kinoauswertung zu viele Zugeständnisse machen, wirkt „Isch kandidiere!“ – wie schon die Klamotte „Samba in Mettmann“ (fd 36 355) – verkrampft und ebenso zahn- wie konzeptlos. Kerkelings prollig-tumber Horst Schlämmer gehört in seiner Mischung aus muffeligem Hausmeister und respektlosem Sensationsjournalist zu seinen eindrücklichsten Kunstfiguren; ihn zur Hauptperson eines Kinofilms zu machen, ist daher eigentlich eine Bank. Doch immer, wenn Schlämmer nicht im Bild ist und in seiner entwaffnenden Art aufdringliche Pointen setzt, schlingert der Film kopf- und witzlos dahin. Es mag an der wenig souveränen Schauspielerführung von Regisseur Angelo Colagrossi liegen oder der allzu schnell auf den Bundestagswahlkampf getrimmten Produktion: Die Story jedenfalls lahmt, zu viele Gags haben Ladehemmung. Einzelne „Nummern“ besitzen durchaus Qualitäten, wenn Kerkeling etwa nicht nur als Horst Schlämmer, sondern auch als Angela Merkel, Ronald Pofalla oder Ulla Schmidt Politik als leere Hülse „outet“. Kerkelings anarchischer Schalk blitzt zudem immer dann kurz auf, wenn er ahnungslose Passanten aufs Korn nimmt. Dass sich Prominente aus dem Showgeschäft sowie manche Politiker tatsächlich auf die Kunstfigur Schlämmer einlassen, ist ebenso bemerkenswert wie vielsagend. Dass dies alles aber auf Kinolänge aufgebläht werden musste, ist unterm Strich unerquicklich, zumal die politischen (Fake-)Statements und Pressekonferenzen, die zu PR-Zwecken von „Isch kandidiere!“ im Fernsehen gezeigt wurden, weit bissiger ausfielen und auf den Punkt genau die Absurdität der aktuellen politischen Landschaft vor Augen führten. Die Vermutung, dass die HSP, würde sie tatsächlich existieren, höchstwahrscheinlich sogar in den Bundestag einziehen könnte, ist als Farce, Satire oder Schreckensszenario ohnehin nicht zu toppen.


