








- Veröffentlichung01.01.2026
- RegieFrancois Ozon
- ProduktionFrankreich (2025)
- IMDb Rating7.0/10 (432) Stimmen
Cast
Vorstellungen
Filmkritik
Etwas Unscharfes, regelrecht Verschwommenes haftet dem Mann an. Beim ersten Blick nimmt man nur schemenhaft eine Person wahr, die einen dunklen Gefängnisgang entlang- und auf die Kamera zugeführt wird. Erst am Ende des Ganges erhellt ein matter Lichtschein das Gesicht des Schauspielers Benjamin Voisin, seine hohen Wangenknochen und müde glänzenden Augen, die in diesem Moment vielleicht Arroganz, vielleicht aber auch nur Verlorenheit ausstrahlen. Mit diesen effektvoll in Schwarz-weiß aufgenommenen Bildern führt François Ozon den jungen Algerienfranzosen Meursault in seine Verfilmung des Albert-Camus-Romans „Der Fremde“ ein.
Ein bleibendes Rätsel
Von Anfang an ist Meursault ein Rätsel, bei dem offen bleibt, ob die folgende Handlung es vollständig auflösen wird. Wenn er in der Zelle, zu der man ihn bringt, gefragt wird, was er getan habe, ist daher auch unmittelbar klar, dass hier nicht nur die Tat oder die Umstände seiner Verhaftung im Raum stehen. Vielmehr rührt schon diese Szene an die Philosophie des menschlichen Daseins, die im Folgenden eine Rolle spielt. Selbst als Meursault die Frage vorläufig noch einmal auf die schlichte Feststellung zurückführt: „Ich habe einen Araber getötet.“
Im Vertrauen auf den ikonischen Status des 1942 erschienenen Romans setzt Ozon diese entscheidende Zuspitzung der Handlung als bekannt voraus und nutzt sie zur Abrundung seines atmosphärisch ausgefeilten Auftakts. Es folgt eine lange Rückblende, die eng an Camus’ Vorlage bleibt. Meursault, ein einfacher Angestellter, erhält Ende der 1930er-Jahre in Algier die knappe telegrafische Mitteilung, dass seine Mutter in einem Altersheim achtzig Kilometer von der Hauptstadt entfernt gestorben ist. Ohne sichtbare emotionale Reaktion vollzieht er alle nötigen Schritte, um zur Beerdigung zu fahren, und unterwirft sich vor Ort dem vom Heimleiter bestimmten Ablauf, auch wenn er den Sinn der Totenwache und der Messe für die Verstorbene nicht einsieht.
Detailreich zeigt Ozon den Kontrast zwischen dem Aufwand, den die Gesellschaft beim Abschied von einem gestorbenen Menschen betreibt, und der Hauptfigur, die sich wie ein lebender Toter durch die Zeremonie hindurchlaviert. Nach der Rückkehr in den Alltag setzt sich dies nahtlos fort. Höchst zurückgenommen und distanziert spielt Voisin die Figur des Meursault, sei es bei der sich entfaltenden Beziehung mit der Sekretärin Marie Cardona, sei es im Angesicht roher Gewalt durch seine Nachbarn. Die Schläge, die der verlotterte alte Salamano seinem Hund verabreicht, stoßen den jungen Mann ebenso wenig ab wie die Prügel, mit der sich der ungehobelte Raymond Sintès seiner arabischen Geliebten Djemila entledigt. Indem Sintès sogar sein bester Freund wird, steuert der Film unaufhaltsam auf die verhängnisvolle Tötungsszene zu, obgleich Ozon kleine Zweifel an deren Alternativlosigkeit einstreut und Meursault durch Marie explizit vor dem Umgang mit dem Grobian warnen lässt.
Affinität für Thriller-Stoffe
Die Affinität des französischen Regisseurs für Thriller-Stoffe bewährt sich auch bei „Der Fremde“. Gerade durch das Wissen um das Kommende baut Ozon eine hohe Spannung auf, bis sie dem Film einen vorläufigen inszenatorischen Höhepunkt beschert: An einem Strand wird Meursault, bewaffnet mit dem Revolver von Sintès, mit dem messerbewehrten Bruder von Sintès’ Geliebter konfrontiert. Aus Großaufnahmen von Meursaults schweißbedecktem Gesicht und dem unentschlüsselbaren Blick seines Gegenübers formt sich eine aufwühlende Bilderfolge. Auch mit der Unschärfe spielen Ozon und sein Kameramann Manu Dacosse hier erneut sehr effektiv. So unerbittlich die Schüsse dann knallen, haben sie in diesem Moment doch auch etwas Befreiendes.
Ozon geht es nicht um eine bloße Bebilderung von Camus’ Vorgaben. Das wird noch deutlicher, wenn er nach der Strandsequenz zur Ausgangslage des Films zurückkehrt und Meursaults Haft und der Mordprozess in den Mittelpunkt rückt. Irritierte Reaktionen auf die Passivität des Protagonisten hat der Film zuvor schon gezeigt und die Fragwürdigkeit seines Verhaltens besonders im Verein mit den gewalttätigen Männern Sintès und Salamano explizit thematisiert. Solche Einwürfe nehmen im Prozess-Teil des Films weiter zu, wodurch Ozon nicht den Fehler einer früheren Verfilmung des Romans durch Luchino Visconti aus dem Jahr 1967 wiederholt; er hält auch die Dialoge und Charakterzeichnungen des Romans nicht für sakrosankt, um sie unhinterfragt zu übernehmen. Stattdessen geht er wie bei seinen früheren Literaturverfilmungen von „Tropfen auf heiße Steine“ über „Frantz“ bis zu „Mein fabelhaftes Verbrechen“ vor und adaptiert nicht buchstabentreu, sondern mit aufmerksamem Blick für fruchtbringende Änderungen. So gibt er Marie eine weit aktivere Rolle als im Roman, indem sie den fatalen Weg ihres Geliebten erkennen, wenngleich nicht stoppen kann, und als zweiter Frauenfigur auch Djemila ein Profil und eine Stimme.
Eine andere Perspektive
Djemila darf auch aussprechen, was schon bald nach der Veröffentlichung des Romans von arabischer Seite als Kritik formuliert wurde: die Gleichgültigkeit gegenüber dem Opfer von Meursault durch die koloniale Perspektive aller Beteiligten, von der auch Camus als Autor nicht frei ist, indem er den Toten stets nur als „der Araber“ bezeichnet. Ozon lässt den Getöteten nicht namenlos bleiben und greift die Ausgrenzung der algerischen Indigenen auch nicht nur als Randnotiz auf; dass sie in ihrem eigenen Land behandelt werden, als wären sie unsichtbar, nutzt der Film zu einem kritischen Kommentar auf die französische Kolonialvergangenheit. Das wird noch mehr als durch die Dialoge durch die Inszenierung von Meursault augenscheinlich, der mehrfach dabei zu sehen ist, wie er die Augen über das Land und seine Bewohner schweifen lässt, ohne offenbar mehr als eine exotische Kulisse wahrzunehmen. Im offenen Widerspruch zu seinen entrückten Blicken, die keinen emotionalen Anteil an der Welt um ihn herum nehmen, steht die warme, zärtliche Qualität der Bilder von Manu Dacosse. Was Meursault, wie er behauptet, partout nicht sehen kann, nämlich einen höheren Sinn jenseits der reinen Dingwelt, lässt der Film in seiner sensiblen Inszenierung durchaus denkbar erscheinen.
François Ozon kann mit dem pointierten Literaten Camus offensichtlich mehr anfangen als mit dem existenzialistischen Predigerton vor allem der späteren Romanpassagen. Da die Gemeinde der Existenzialisten in den letzten Jahrzehnten zweifellos einen Mitgliederschwund zu verzeichnen hat, war es für eine Neuadaption des über 80 Jahre alten Stoffes vielleicht sogar die einzige Option, ihn auch gegen die Absichten seines Erfinders zu lesen. Ozons Offenheit, Meursaults Empathielosigkeit nicht als nachahmenswerte Aufrichtigkeit, sondern auch als abschreckendes Beispiel zu interpretieren, verleiht seiner Version von „Der Fremde“ eine zusätzliche Ebene und eine innere Spannung, die bis zum Ende reizvoll bleibt.
Muss man sich Meursault als einen glücklichen Menschen vorstellen? Albert Camus hat das, auch gegen jeden aus dem Roman selbst ableitbaren Einwand, stets bekräftigt. François Ozon aber nimmt sich die Freiheit, auch andere Deutungen zuzulassen.
