Vorstellungen
Filmkritik
Dreieinhalb Stunden Film, in denen an äußeren Ereignissen schier nichts geschieht, in denen wenige Menschen sich in wenigen Schauplätzen bewegen und vor allem reden, das klingt nach elitären Cinéastentum, nach Langeweile oder versponnenem Künstlertum. Nichts von dem stimmt, und Regisseur Jean Eustache hat erreicht, was er wollte: "Ich liebe das volkstümliche Kino, etwas anderes habe ich nie machen wollen." Die Länge des Films ist kein avantgardistischer Trick, sie ist notwendig - daß dafür unsere Kinos nicht eingerichtet sind, daß für diesen Film einfach andere Rezeptionsbedingungen notwendig sind und vielleicht durch Eustache nun beschleunigt werden, zeigt nur, wie sehr man nach "Die Mama und die Hure" seine Vorstellung vom Kino überprüfen muß. Im Mittelpunkt des Films steht Alexandre (Jean-Pierre Léaud), der aus Enttäuschung über einen abgelehnten Heiratsantrag ein Mädchen anspricht, obwohl er zudem noch ein Verhältnis mit einer anderen hat, bei der er lebt. Veronika (Françoise Lebrun), Alexandres neue Freundin, sieht in dem Verhältnis zunächst nur eines ihrer zahllosen sexuellen Abenteuer, aber unerwartet entsteht für sie daraus der Wunsch nach einer intensiveren Liebesbeziehung. Marie (Bernadette Lafont), Alexandres "Wirtin", versucht, die Beziehung ihres Freundes mit modischer Großzügigkeit hinzunehmen, doch auch sie hält das Spiel nicht durch, erwartet mehr von Alexandre. Die oberflächliche Heiterkeit und Souveränität der Figuren gerät im Verlauf dieser Dreiecksgeschichte immer mehr ins Wanken, am Ende stehen ein Selbstmordversuch, ein großer unglücklicher Monolog, ein ratloser junger Mann, der erneut einen Heiratsantrag macht. Die Tragödie bleibt aus, es gibt keine tragischen Abgänge, sondern Unruhe, Skepsis und vor allem Resignation gegenüber der Frage, ob die hier exerzierten Formen, miteinander zu leben, sich mitzuteilen, den Menschen weiterbringen. Jean Eustache hat hier mit einer unglaublichen Intensität Erfahrungen (mit autobiografischem Hintergrund) umgesetzt, was so spontan und improvisiert aussieht, entspricht präzis seinem Drehbuch. Die Askese in den Mitteln ist dabei weniger das Produkt von Eustaches Stillwillen als das Ergebnis seiner Konzentration und des Verzichts auf alles Beiwerk, auf Farbe, Schwenks, Schnitte und Effekte. In ganz ruhigen Nah-Einstellungen, in denen die Kamera den Zuschauer zum Partner werden läßt, in geduldigen, aufmerksamen Sequenzen, die alle Fäden der Geschichte verfolgen, auch die scheinbar nebensächlichen, ergebnislosen, erzählt Eustache seine Geschichte. Immer wieder wird behutsam ausgeblendet, einige Sekunden Schwarzfilm geben dem Zuschauer Zeit zu Analogien und Reflexionen. Gleichzeitig entspricht der Erzählrhythmus dem Lebensrhythmus der Figuren, die sich auch vorwiegend in Innenräumen bewegen, aber auch draußen in eng begrenzten Bildern zu sehen sind. Es ist der Rückzug in die Privatsphäre, der Alexandre bewegt, im Gegensatz zu den Frauen arbeitet er nicht, bleibt immer ein egozentrischer Narziß und parasitärer Nichtstuer, charmant und intelligent zwar, aber seine Bewegungen stecken voller Posen, sein Ernst voller intellektueller Phrasen. Sartre hält er für einen kaputten Säufer, er konsumiert Kunst, Musik, Kino, Literatur, Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" vor allem. Seine Beziehungen zu den Frauen spielen sich vor allem im Sexuellen ab, im Kontakt zur Außenwelt sucht er zunächst nur Selbstbestätigung und wird doch immer wieder mit unerwarteten Leiden konfrontiert, die aus verbrauchten Träumen resultierten. Am heftigsten vollzieht sich dies in dem großen langen Monolog, in dem sich Veronika, die "Hure", zu ihrer Sehnsucht nach einem sicheren bürgerlichen Glück bekennt. "Mit ihm schlafen, ja, aber nur keine Intimitäten", so hat der Satiriker Karl Kraus einmal in einem Aphorismus jenen Zustand beschrieben, den die Figuren des Films verlassen wollen. "Die Mama und die Hure" ist, auf einer Ebene, eine ernste große Absage an eine ungebundene Sexualität, solange sie keine echteren menschlichen Bindungen zuläßt; gleichzeitig - vor allem durch Alexandres Erinnerungen wird das deutlich - ist der Film Bestandsaufnahme und Selbstzeugnis einer ganzen Generation, deren bitterste Erfahrung, das Scheitern ihrer politischen Träume vom Mai 1968, zutiefst ihr Bewußtsein und ihre Glücksvorstellungen beeinflußt hat. Der Rückzug ins Private, so sagt Eustache voller Resignation und Bitterkeit, führt ins Nichts, ist eine Sackgasse. Wenn auch dieser Film nun eine völlig einmalige Leistung in diesem Jahrzehnt sein dürfte, so ist er dennoch nicht ohne das vorausgehende denkbar: nicht ohne dessen Erfahrungen, und nicht ohne dessen Filme, von Godard, Truffaut, Rivette vor allem, und Bresson. Bezeichnend, daß jene Isabelle Weingarten, die in "Vier Nächte eines Träumers" die Hauptrolle spielte, auch hier auftritt, und zwar am Anfang des Films (später geht sie noch einmal schweigend durchs Bild), als sie Alexandres Heiratsantrag ablehnt. Bald darauf heißt es, er hätte doch kein Mädchen heiraten können, das wie eine Bresson-Darstellerin aussieht. Ein ganz doppeldeutiger Satz. Eustache ist Bressons Arbeiten zweifellos verpflichtet, doch seine Hauptfigur kann mit einer Bressons buchstäblich keine Ehe mehr eingehen: Es gibt bei Eustache kein ästhetisches und erst recht kein metaphysisches Prinzip mehr, die Welt, die er vorführt, erhält weder durch philosophische noch durch künstlerische Qualitäten ihre Rechtfertigung. An diesem Pessimismus werden sich die Geister freilich scheiden.










