Filmplakat von Ladybitch

Ladybitch

97 min | Drama
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Für Ela (Celine Meral) scheint ein Traum wahrgeworden zu sein, als sie eine Rolle beim renommierten Theaterregisseur Franz Kramer (Christoph Gawenda) ergattert. Während das Stück für die junge Schauspielerin eine große Chance bedeutet, geht das Projekt jedoch mit einigen Hürden einher, denn der Regisseur überschreitet ständig Elas Grenzen - bis er sie schließlich sogar sexuell belästigt. Während Ela in ihrer Rolle als selbstbewusste Person auftreten muss, bemerkt sie, dass sie auch im echten Leben dieselben Schritte der Selbstermächtigung gehen muss.

Filmkritik

Soll man lachen oder weinen? Oder beides? Wütend werden? Sich zusammentun? An die Öffentlichkeit gehen? Und womit beginnen? Ela Özmen (Celine Meral) ist Schauspielerin. Zu Beginn von „Ladybitch“ ist sie in einer Reihe unterschiedlicher Bewerbungsvideos zu sehen. Sie bietet sich an, ihre Erfahrungen und Ausdrucksmöglichkeiten, ihre Fertigkeiten und Unfertigkeiten, ihren Körper. Man kann sagen: Sie trägt ihre Haut zu Markte. Und hat damit durchaus Erfolg, denn sie wird vom ebenso bewunderten wie berüchtigten Theaterregisseur Franz Kramer (Christoph Gawenda) für eine Inszenierung ins Ensemble geholt.

Auf dem Programm steht Wedekinds „Erdgeist“ als „Meine Lulu“. Also Kramers „Lulu“. Schon das erste Treffen des Ensembles gibt eine treffliche Satire auf den Theaterbetrieb ab. Der Regisseur, schwierig, aber immerhin schon mal zum Theatertreffen nach Berlin geladen, hadert mit dem misogynen Klassiker, will ihn irgendwie „feministisch“ umcodieren.

Die Theaterproben als „Making of“

Kramer gibt sich lässig kumpelhaft, irgendwie genialisch. Er hat einige Ideen für den Stoff, bei denen „so ’ne geile Stange“ eine Rolle spielen soll. Das Ensemble gliedert sich hierarchisch in diejenigen, die schon mal mit Kramer gearbeitet haben und ihm bestätigend zu verstehen geben, dass sie wissen, wie er tickt. In die, die vorgeben, seinen Status in der Szene beurteilen zu können („Kramer, so krass“) und in jene, die neu dabei sind wie Ela.

Weil die beiden Schauspielerinnen Paula Knüpling und Marina Prados in ihrem Regiedebüt wohl auch aus Budget-Gründen auf die Idee gekommen sind, die Theaterproben als „Making of“-Mockumentary zu präsentieren, besteht der Reiz des Films weniger darin, die satirische Zuspitzung des Missbrauch-Potentials im Theateralltag zu registrieren, sondern vielmehr im Warten darauf, wie und wann die Schauspieler:innen reagieren. Der Preis für die höchst unterhaltsame Zuspitzung der institutionalisierten Machtstrukturen ist allerdings die Denunziation des professionellen Handwerks, dem jede intellektuelle Autorität mangelt. Niemand scheint sich hier für Literatur oder das Theater zu interessieren. Regie-Einfälle sind kaum mehr als Einfälle, mal lustig, mal doof. Kaum zu glauben, dass dabei eine tragfähige, durchdachte Arbeit, ein Kunstwerk entstehen könnte. Stattdessen regieren Schlagworte und Eitelkeiten.

Ela ist genötigt, in allerlei albernen Kostümierungen an der Stange zu arbeiten oder mit Wucht gegen die Wand zu laufen. Ein Mitspieler findet dafür die Pointe: „Es ist meine feministische Freiheit, dass ich mich unterwerfe.“ Wenn Ela mit diesem Mitspieler interagieren soll, heißt es seitens der Regie: „Ran an den Speck!“ Etwas blauäugig gelingt es Ela länger als anderen, die Machthierarchien in der Praxis zu ignorieren, wenn sie immer wieder darauf besteht, etwas Alternatives „einfach mal so anzubieten“.

Allein oder mit anderen

Die Stimmung bei den Proben ist zunehmend gereizt, auch weil Kramer sich wiederholt in Frage gestellt sieht, aber nicht argumentiert. Er ist reine Macht, die zu ahnen scheint, dass die Zeiten sich gerade ändern. Er agiert vielleicht auch deshalb gereizt und derart übergriffig, dass es des konkreten Übergriffs im Rahmen einer Party, der die Situation schließlich eskalieren lässt, gar nicht mehr gebraucht hätte, zumal dies die kritische Perspektive des Films verschiebt und unscharf werden lässt. Denn die Kritik am Regietheater wechselt auf die „MeToo“-Ebene.

Bezeichnend ist dabei auch, dass die Perspektive des „Making of“ unvermittelt aufgegeben wird und die Kamera fortan Ela in ihren privaten Alltag folgt. Hier wird dann in Gruppe ausgiebig (und improvisierend) beratschlagt, was zu tun ist. Dabei geht es immer eine bisschen quengelig zu, weil Angebote „von ihm immer gleich ausgeschlagen“ wurden. Zudem will der anstehende Premierentermin bedacht sein, auch als Druckmittel. Ela atmet auf („Ich dachte, ich bin allein“) und erfährt Bestätigung: „Je mehr Menschen es gibt, die irgendwas sagen, desto mehr stützt ihr euch ja gegenseitig!“ Was sich beim Aufstand gegen Kramer leichthin bestätigt. Wobei die Vertreibung des Tyrannen mit viel Kunstblut etwas irritierend als Happening gestaltet ist, fast wie ein antiautoritärer Kinderstreich.

Die Macht des Regisseurs

Der unvermittelt solidarisch handelnden Gruppe verleiht das den Anschein eines gehässigen Mobs, der sich zwar von der Autoritätsperson befreit, aber weder politisch oder strukturell emanzipatorisch wirkt, weil im Filmverlauf nie ganz klar wurde, worauf Kramers Autorität eigentlich beruht. Wenn Ela am Schluss des Films allein, aber triumphierend durch die Straßen zieht und Theaterplakate „verziert“, könnte das etwas zu kurz gedacht sein. Sie trägt noch immer das Kostüm aus „Meine Lulu“. Das letzte Wort vor dem Abspann hat der zeternde und mit „Karriereende“ drohende Regisseur. Ob dem Elas nur scheinbar selbstbewusster Blick in die Kamera standhält?

Erschienen auf filmdienst.deLadybitchVon: Ulrich Kriest (16.11.2023)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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