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Filmkritik
Luchino Visconti, einer der bedeutendsten Theater- und Filmregisseure Italiens, gehört nicht nur zu denen, die den Neo-Realismus, mit dem der italienische Film nach dem Kriege Weltgeltung errang, totsagen, sondern er vor allem ist es, der ihm in seinen letzten Filmen einen neuen Stil entgegensetzt. Einen Stil, der am besten vielleicht als Neo-Romantik zu bezeichnen wäre. Deutlicher als in "Sehnsucht" wird das in seinem jüngsten Film "Weiße Nächte", zu dem er von einer Erzählung des jungen Dostojewskij angeregt wurde. Deutlich wird aber auch, welche Schwierigkeiten einem romantischen Stil beim Film entgegenstehen. Überdies läßt die Verlegung des Schauplatzes aus dem sommerlichen Petersburg vor mehr als hundert Jahren in das winterliche Italien von heute die Handlung weniger romantisch-irreal als vorwiegend unwahrscheinlich erscheinen. Doch mag das hingenommen werden, da hier eine Verdeutlichung seelischer Grundhaltungen beabsichtigt ist. Erzählt wird, daß ein junger Mann nachts auf einer Brücke ein weinendes Mädchen antrifft, dessen er sich zunächst in selbstloser Hilfsbereitschaft, dann in Liebe annimmt. In der zweiten Nacht erfährt er Nataliens Geschichte: die Geschichte ihrer Liebe zu einem Manne, der als Untermieter bei ihrer Großmutter wohnte. Sie weiß von ihm weder Name noch Beruf, weiß nur, daß er plötzlich verreisen mußte, jedoch versprach, nach einem Jahr wiederzukehren, um sie zu sich zu nehmen. Dieser ferne unbekannte Geliebte erscheint als bloße Illusion, als Schatten und Traum, und der Kampf dieses Traumschattens im Herzen der exaltierten Natalia gegen die sehr gegenwärtige und dabei sehr sympathische nächtliche Zufallsbekanntschaft ist der eigentliche Inhalt des Films. In der dritten Nacht, als Natalia sich gerade dem Manne aus Fleisch und Blut zugewandt hat, steht der Fremde auf der Brücke - und das Mädchen geht mit ihm, während der Verlassene sich damit zu trösten versucht, daß der glückliche Augenblick, in dem er sich am Ziele seiner Wunsche wähnte, für das ganze Leben reichen wurde. - Viscontis Bemühungen, das Geschehen als irreal erscheinen zu lassen, werden unterstützt durch bizarre Kulissen, die in Zwischentönen schwelgende Fotografie und den Schnitt, der besonders bei der Erzählung des Mädchens Gegenwart und Vergangenheit in raschem und ineinanderfließendem Wechsel mischt. Durchkreuzt wird der Erfolg immer wieder von der Realität des Bildes und der Gestalten. Dabei ist nicht ohne Ironie, daß die beste Szene in diesem neo-romantisch gemeinten Werk, der Tanz in einer billigen Vorstadtbar, jedem neo-realistischen Film zur Ehre gereicht hätte. Der schwerwiegendste Mangel in diesem zugleich fesselnden und menschlich kühl lassenden Film sind zwei seiner Hauptdarsteller. Maria Schell als Natalia bezieht ihre darstellerischen Mittel fast ausschließlich von außen, aus der Routine, und auch ihre heftigsten GefühIsausbrüche sind noch als aufgesetzt zu erkennen. Jean Marais, der unbekannte Geliebte, wirkt wie ein Stuck Holz. Nicht in einer Szene ist etwas von der Dämonie zu verspüren, die allein das Verfallensein des Mädchens erklärt hätte. Lediglich Marcello Mastroianni, der hier nicht als Träumer wie bei Dostojewskij, sondern als schüchterner und doch sehr realistischer junger Mann von heute angelegt ist, vermag von seinem beachtlichen und nuancenreichen Können zu überzeugen. Im Gegensatz zu Maria Schell spielt er sich nicht nach vorn und bleibt gerade deswegen in Erinnerung.










