Vorstellungen
Filmkritik
Keine Mauern, keine Gitter, keine Ketten. Stattdessen eine weite Landschaft mit Gebirgen, Wiesen und Wäldern als Illustration der Freiheit, die einem entlassenen Sträfling nach fast zwanzig Jahren Haft wiedergegeben wurde. Die ersten Bilder von „Les Misérables - Jean Valjean“ zeigen den hünenhaften Mann (Grégory Gadebois), der diese raue Region im Süden Frankreichs durchwandert, zunächst nur ausschnitthaft inmitten der Natur mit Wanderstab und Sack auf dem Rücken. Trotz aller Mühseligkeit scheint das Wandern in den Anfangsminuten des Films seine angenehmen Seiten zu haben, wenn unterwegs ein Apfel gegessen oder abends am Lagerfeuer ausgeruht wird.
Doch mit dem Betreten der Kleinstadt Digne ist klar, dass es sich nicht um einen Pionier des unbeschwerten Rucksacktourismus handelt. Der Fußgänger muss seine Ankunft den städtischen Behörden melden, und bald weiß die ganze Stadt, dass er aus dem Gefängnis kommt. Essen und eine Schlafstätte werden ihm überall verweigert, sogar vom Friedhof vertreibt ihn ein Hund. Erst als er sich schon auf eine Nacht auf dem Steinboden eingestellt hat, schickt ihn doch noch eine Frau aus Mitleid zu einer Tür, an der er sein Glück noch nicht versucht hat.
Begegnung in Digne
Schon in der Romanvorlage „Die Elenden“ von Victor Hugo hat diese Sequenz etwas von der verzweifelten Herbergssuche von Maria und Josef, was Regisseur Éric Besnard noch mehr betont, indem er die Geschichte im Dezember des Jahres 1815 spielen lässt, zwei Monate später als bei Hugo. Besnards Einführung der Hauptfigur liegt sehr nah an den vielen Adaptionen, die der Roman bereits hinter sich hat, und es verrät zunächst nur der (Original-)Titel des Films, „Jean Valjean“, dass er einen anderen Schwerpunkt als seine Vorgänger wählt. Tatsächlich schöpft der Regisseur lediglich aus den ersten zwei Büchern des voluminösen Werks; von Javert, Fantine, Cosette, den Thénardiers und all den anderen Charakteren ist in diesem Film keine Rede. Übrig bleibt neben Jean Valjean lediglich eine wichtigere Figur, der Hugo am Anfang ganze vierzehn Kapitel widmet, die in den meisten Adaptionen aber nur auf einen kurzen, wenn auch oft prägnanten Auftritt zusammengeschrumpft war: der Bischof von Digne, Monseigneur Myriel (Bernard Campan).
Besnard setzt das Aufeinandertreffen von Myriel und Valjean ins Zentrum des Films. Zuerst geht es ihm dabei um die Wirkung des bescheidenen, offenherzigen und großzügigen Kirchenmannes auf den erschöpften Valjean, der von der Freundlichkeit schier überrumpelt wird. Obwohl der Ex-Sträfling nach seinem Eintritt ins Haus des Bischofs – der sich ihm nur als Priester vorstellt – unverblümt enthüllt, wo er herkommt, erhält er ohne weiteres Essen und ein Nachtlager. Mit Interesse beäugt von der Schwester des Bischofs und misstrauisch von der Bediensteten Madame Magloire, nimmt Valjean die Einladung an, ohne dabei seine menschenfeindliche Grundeinstellung zu verbergen.
Das Archetypische der Charaktere
In den Schatten des Kerzenlichts, mit dem die Kamera von Laurent Dailland arbeitet, deutet sich bereits das Grundprinzip seines Wesens an, was der Film später mit Rückblenden untermauert: Valjean hat zu viel Schlimmes erlebt, um noch an das Gute in der Welt glauben zu können. Demgegenüber platziert Besnard den volksnahen Bischof als Personifizierung der Güte, die sich aber erst als Ergebnis eines langen Reifeprozesses etabliert hat. In einigen pointierten Dialogen klingt ein Theodizee-Disput an, auf den sich der Film jedoch nicht versteift. Das Archetypische der Charaktere ist erkennbar wichtiger als ein philosophisches Kräftemessen.
Worauf diese Begegnung hinausläuft und welchen Wandel sie bei Jean Valjean herbeiführt, weiß jeder, der mit dem Stoff schon einmal in Berührung gekommen ist. Besnard ist sich dessen auch bewusst und wendet sich sogar explizit an ein Publikum, das um die Geschehnisse weiß, die sich unmittelbar aus der Nacht und dem Morgen ergeben, in denen sich die Wege von Valjean und Myriel kreuzen. „Les Misérables – Jean Valjean“ setzt daher weniger darauf, Spannung aus der Konstellation zu gewinnen, dass ein verurteilter Straftäter die Nacht im selben Haus verbringt wie drei Menschen, die ihm körperlich massiv unterlegen sind – auch wenn Besnard mit einigen überraschenden Einfällen eine allzu buchstabengetreue Adaption verhindert. Wichtiger ist dem Film, die charakterliche Entwicklung von Valjean nachzuvollziehen, vor allem in einer langen Rückblende auf die Haftzeit. Der Regisseur geizt nicht mit der Darstellung von Misshandlungen und Elend, um plastisch vorzuführen, wie Valjeans gute Anlagen durch die Zeit als Sträfling von Menschenhass überdeckt werden. Im Vergleich dazu erscheint der Nachvollzug von Myriels ebenfalls nicht geradlinigem Werdegang etwas verknappt.
Vielschichtig agierende Darsteller
Nach seinen früheren filmischen Ausflügen ins 18. und 19. Jahrhundert mit „À la carte!“ und „Louise und die Schule der Freiheit“ bewegt sich Éric Besnard erneut im historischen Ambiente. Seine Inszenierung ist routiniert, ohne dabei das visuelle Erbe der „Die Elenden“-Rezeption abzustreifen; vielmehr orientiert sie sich gerade an der Tradition. Sehr vielschichtig agieren dafür die Darsteller: Grégory Gadebois gibt Jean Valjean als stillen Riesen mit einer brodelnden Verschlossenheit, die sich mitunter zornig Luft verschaffen muss, als hervorstechendstem Merkmal. Bernard Campan verleiht Myriel eine sanfte Ausstrahlung, die aber stets bodenverhaftet bleibt. Ein Paar, das die übersichtliche Handlung des Films zu tragen versteht, und neben dem auch die beiden weiblichen Charaktere nicht nur schmückendes Beiwerk sind. Isabelle Carré lässt als Myriels Schwester Baptistine durchscheinen, dass sie ein eigenes Schicksal hat und nicht immer den Weg des Bruders mitgegangen ist, Alexandra Lamy stattet Madame Magloire mit einem herben Widerspruchsgeist aus. Vor allem dank ihnen ist „Les Misérables – Jean Valjean“ eine reizvolle Variation einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte, auch wenn nie in Frage steht, dass hier eigentlich nur deren Prolog zu sehen ist.










