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LIGHT PILLAR

Drama, Animation
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Szenebild von LIGHT PILLAR 1

Die Zukunft ist ein verwaistes Filmstudio. Die Verbotene Stadt, der Kreml, europäische Gründerzeit-Altbauten und Dinosaurier-Skelette teilen sich das vereinsamte Areal. Gedreht wird hier schon lange nicht mehr. Die einzigen Besucher sind die verirrten Plastiktüten, die der Wind regelmäßig in das Areal trägt. Für den Erhalt der Quasi-Ruine ist ein sechsköpfiges Haushalts-Team zuständig, das seine Zeit meist damit verbringt, den Schnee beiseite zu schieben, der unaufhörlich auf die kleine Replika-Welt fällt. Schutz vor dem Winter bietet allein der Pausenraum der falschen Sphinx oder das karge Wohnquartier neben der Verbotenen Stadt. Der Animationsfilm „Light Pillar“ sieht die Zukunft von ganz unten. Und von dort aus gesehen, aus Sicht der Angestellten des „Old New East West“-Filmstudios, ist die Zukunft vor allem eines: einsam.

Das einzige Antidot, das Filmemacher Xu Zao in der ansonsten gleichsam allumfassenden Tristesse seines animierten Mikro-Kosmos zulässt, ist die Katze des Protagonisten Lao Zha: ein ehemaliger Filmstar, der nun seine Rente mit kleinen Wohltaten für die im Filmstudio heimische Tierwelt und einem regelmäßigen Schluck Hochprozentigem verbringt. Der Humor von „Light Pillar“ ist schwarz und so trocken wie der gesamte Animationsstil des Films. Alles schlurft in der langsam verwesenden Traumfabrik in Zeitlupe umher. Bewegungen und Interaktionen sind auf ein Minimum reduziert und wenn mal jemand spricht, dann selten mehr als einen Satz am Stück.

Der Chef redet sich die Zukunft schön

Eine alternative, hoffnungsvolle Zukunft gibt es auch, aber sie liegt weit entfernt am Horizont. Bunte Lichtsäulen steigen hier auf. Es sind Raumschiffe, die Weltraumtouristen zu den Sternen bringen. Für Lao Zha ist all das (auch finanziell) unerreichbar. Seine Zukunft liegt zwischen ausgefranster Zahnbürste, billigem Stressspielzeug und der täglichen Maloche im Filmstudio. Der Chef redet sich die Zukunft freilich noch immer schön. Mit dem goldenen Mikrofon an den Lippen verkündet er regelmäßigere Gehaltsauszahlungen – für alle außer Lao Zha, der sei schließlich Junggeselle und könne deswegen etwas länger ohne Gehalt auskommen.

Das erfährt der junge Hausmeister allerdings erst drei Monate später, als alle außer ihm ihre Honorartüten ausgehändigt bekommen. Der Chef zeigt sich großzügig, indem er seiner Tochter das Virtual-Reality-Spielzeug wegnimmt und es dem Angestellten schenkt. Es sei in etwa so viel wert wie sein Monatslohn, und Lao Zha könnte sich ansonsten auch woanders Arbeit suchen.

Tatsächlich beschert der Gehalt-Ersatz Lao Zha die Möglichkeit einer Ersatzexistenz. Er loggt sich in das virtuelle Rollenspiel ein, das ihm, der sonst nur repetitive Arbeitsroutinen kennt, so etwas wie den Horizont eines Soziallebens offenbart. Sein Avatar, eine fleischgewordene Version seines ansonsten schlicht gezeichneten Selbst (für dessen Körper der Entertainer und Comedian Da Peng Pate stand), findet sich in der virtuellen Realität des Spiels auf einem immerwährenden Sommerjahrmarkt wieder. In der virtuellen Welt, die der Film als Realfilm-Welt in nostalgischen und dynamisch verwackelten Video-Look entwirft, isst Lao Zha Eiscreme, lernt tanzen und findet sogar eine Tanzpartnerin. Die weibliche Spielerin (Qinq Yi) verbringt die virtuellen Abende mit dem vereinsamten Arbeiter, raucht virtuelle Zigaretten und erzählt von ihrem realweltlichen Traum, einmal gemeinsam im All Urlaub zu machen.

Das Ticket stellt eine Begegnung in Aussicht

Die Sterne sind nicht Lao Zhas Traum, aber das Ticket dahin stellt ihm eine Begegnung mit der virtuellen Freundin in Aussicht, die er bisher nur im Schein berühren konnte: in der „wirklichen“ Welt streichelt der einsame Hausmeister, wie der Film einmal zeigt, nur sein altes Kanapee. Der alte Junggeselle ackert also mehr, übernimmt Extraschichten, scheffelt Extrakohle und nimmt auch seine Katze in die Pflicht, die bald täglich drei Stunden im lokalen Katzencafé Nebenverdienst macht. Dass die Plackerei nicht belohnt wird, ist wenig überraschend, dass „Light Pillar“ trotz des Lebensimpulses, den die virtuelle Realität gibt, die längste Zeit weiter auf der Stelle tritt, ist in seiner Ausführlichkeit mitunter frustrierend.

Letztlich ist Filmemacher Xu Zao aber doch zu sehr ein Cineast –„Light Pillar“ ist voll mit Filmreferenzen vom Ghibli-Meisterwerk „Mein Nachbar Totoro“ über Pablo Bergers „Robot Dreams“ bis hin zu diversen Spielarten des Wuxia-Kinos –, um die nostalgische Welt, so trist sie auch sein mag, in ihrer Einsamkeit dahinsiechen zu lassen. Das Deus-ex-Machina-Ende formuliert das weniger überzeugend als ein Moment in der Mitte des Films, in dem Lao Zha seinem Date eine Blume mitbringt, aber statt ihr nur eine Polizistin trifft und eben dieser die Blume in die Hand drückt. Der Beamtin fällt dazu nichts ein, also schlägt sie einfach die Hacken zusammen und salutiert dem Protagonisten, der ein weiteres Mal alleine nach Hause gehen muss.

Veröffentlicht auf filmdienst.deLIGHT PILLARVon: Karsten Munt (16.2.2026)
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