Szene aus Limbo
Filmplakat von Limbo

Limbo

89 min | Drama, Thriller | FSK 12
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Als eine junge Compliance Managerin auf ein Geldwäsche-Netzwerk stößt, kreuzen sich ihre Wege bei einem illegalen Bare-Knuckle-Fight mit denen eines alternden Kleinganoven, einem verdeckten Ermittler und einem Wiener Gangsterboss.

Filmkritik

In Hongkong ist wieder eine Leiche gefunden worden. Das allein ist nicht weiter bemerkenswert und für Polizist Cham Lau (Gordon Lam) quasi Alltag. Doch zwei Dinge sind hier anders als sonst. Zum einen scheint der Mord die neueste Tat eines Serienkillers zu sein, denn ähnliche Tötungen junger Frauen, denen der Täter die Hände vom Körper getrennt hat, hat es schon zuvor gegeben. Irgendetwas Rostiges und Stumpfes scheint im Spiel zu sein, vielleicht eine Schaufel, meint die Gerichtsmedizin. Und dann ist da zum anderen noch etwas Persönliches: Der alte Hase Cham hat es satt. Regelmäßige Suspendierungen und dann noch dieser Schicksalsschlag mit seiner Frau. Unschuldig in einen Autounfall verwickelt, liegt sie nun schon länger gelähmt in einem kleinen Zimmer, in dem Cham nur hilflos am Bett sitzen kann, hoffend, dass es bald zu Ende geht. Der Schmerz ist ein Dauerzustand, für sie und auch für ihn, zumal seine Frau vor dem Unfall schwanger war.

Der Begriff „Limbus“, wie man ihn etwa aus Dantes „Göttlicher Komödie“ kennt, stammt aus der mittelalterlichen Theologie und meinte einen Randbereich der Hölle für jene Seele, die ohne eigenes Verschulden vom Himmel ausgeschlossen seien – etwa ungetaufte Kinder. Im Film von Soi Cheang steckt die Hauptfigur in einer Vorhölle am Rande der Unerträglichkeit. Wie groß kann das Leid werden? Die beruflichen Umstände tragen das ihre dazu bei, Chams Misere zu vertiefen. Da ist zunächst Will Yam (Mason Lee), der Cham als neuer Vorgesetzter mit seiner pedantischen Art das Leben zusätzlich schwer macht. Und da ist zudem Wong To (Cya Liu), die Kleinkriminelle, die für den Unfall seiner Frau verantwortlich zeichnet. Ausgerechnet sie soll nun als Lockvogel fungieren, weil sie als junge, zarte Person in das Beuteschema des Täters zu passen scheint und weil sie sich auskennt in der urbanen Vorhölle: in jenen verrufenen Stadtvierteln, in die sich die ehrbaren Bürger nicht hineintrauen. Limbo.

Konsequenter Stilwille

Die Geschichte, die Romanautor Mei Li in seinem Buch „Wisdom Tooth“ erzählt, ist keine ausnehmend neue. Grausame Serienmörder kennt die Literatur und mithin das Kino zuhauf. Auch wenn der Stoff nicht zuletzt aufgrund seiner Grausamkeit mit David Finchers „Sieben“ verglichen wird, ist es nicht die Jagd nach dem Killer oder die Lösung des Falles, die in Soi Cheangs Thriller so unglaublich wehtut. Auf inhaltlicher Ebene ist es vielmehr der Umgang der vermeintlich Guten untereinander, der verfängt und nachdrücklich verstört. Es ist zudem und zuallererst der konsequente, schmerzhaft-schöne Stilwillen der Macher, der sich in Auge und Hirn der Zuschauer brennt. Herausragend sind vor allem die Kameraarbeit von Siu-Keung Cheng und das Production-Design von Kenneth Mak und Renee Wong. So furios und so stimmungsvoll wie in „Limbo“ hat man die tausendfach abgelichtete chinesische Metropole noch nicht gesehen. Dabei spielt „Limbo“ über weite Strecken in einer alles andere als malerischen Kulisse, nämlich im Regen und in den Müllbergen der Armenghettos von Hongkong, die sich entlang der vielspurigen Stadtautobahnen schlängeln. Nie war ein Szenario trister, deprimierender, ekelhafter, voller Schmutz und Gestank, der in den wenigen Momenten der Trockenheit förmlich aus Bergen an Abfalltüten dampft. Und zwischendrin, unter all dem Unrat, dem Schleim, den Myriaden von Fliegen und den alten Schaufensterpuppen, klebt immer wieder ein bemitleidenswerter menschlicher Körper, der, wenn er Glück hat, keine Lebenszeichen mehr äußert.

Die Stadt, der Müll und der Tod

Cheang hat seinen Film in Farbe gedreht, sich dann aber für eine Projektion in Schwarz-weiß entschieden. Eine gute, eine befremdliche Wahl, denn so erhält „Limbo“ bei aller Widerwärtigkeit der Handlungsorte etwas Ästhetisches, das den krassen Realismus konterkariert. In Müll kann, vor allem wenn die, die in ihm leben, kreativ mit ihm umgehen, etwas Künstlerisches innewohnen. Der Ordnungswahn schafft Ästhetik, mit dem der Mörder in „seiner“ Gosse den Unrat nach Produktgruppen sortiert und in ihm mit einem Schrein aus einer Madonna und Altglas eine Art spirituelles Kraftzentrum drapiert. Die Zärtlichkeit, mit der er immer wieder das alte, in Folie nur unzureichend vor der chronischen Feuchtigkeit geschützte Bild seiner Mutter aus (glücklicheren) Kindertagen herzt, könnte fast Sympathie – zumindest Mitleid – mit ihm hervorrufen. Doch er ist und bleibt ein Monster, das von uns kein Erbarmen verdient. Das macht „Limbo“ immer dann klar, wenn er Yamada Akira (Hiroyuki Ikeuchi) bei der „Arbeit“ zeigt. „Limbo“ ist ein widerlich-schöner Film, ein brachiales Aufeinanderprallen gegensätzlicher Empfindungen.

Neben der audiovisuellen Höllenfahrt, die zudem durch Kenji Kawais („Ghost in the Shell“) in den wenigen ruhigen Passagen enigmatische Filmmusik angekurbelt wird, ist es auf dramaturgischer wie auf physischer Ebene aber auch noch der Umgang der Protagonisten untereinander, der den Zuschauer aushebelt.

Kein Erbarmen unter den Verdammten?

Als unmenschlich zu bezeichnen, was Wong To, durch Cya Liu bravourös dargestellt, in den Slums von Hongkong und vor allem aber auch im Umgang mit Cham Lau erdulden und erleiden muss, ist wahrlich eine Untertreibung. Es sind nicht nur die Schläge, die rüden Stöße, das unsanfte Landen im Morast aus Müll und Regen, die die eher zierliche Darstellerin mit bravouröser Gleichmut einsteckt. Es ist vor allem auch die von den Cops und von den Kriminellen initiierte psychische Gewalt gegen sie, die den Atem stocken lässt. Alle haben sich darauf geeinigt: Wenn es Abschaum gibt, dann heißt er Wong To. Für Cham ist sie die Mörderin seiner Familie, und für all die anderen Kleinkriminellen ist sie eine Kollaborateurin, ein Polizeispitzel. Gnade kann sie von keiner Seite erwarten. Wenn Cya Liu immer wieder vor Schmerzen und Scham verzerrt ein „Es tut mir leid!“ wimmert, bricht es zwar den Zuschauern das Herz, doch helfen tut es ihr nicht.

Die 34-jährige Chinesin gibt in ihrer Rolle sicherlich eine der eindrücklichsten Darbietungen des Actionkinos zum Besten, die das Kino seit Zhang Ziyi in Ang Lees „Tiger & Dragon“ gesehen hat. Und sie bekommt mit dem Hongkong-Briten Gordon Lam einen nicht minder charismatischen Widerpart an die Seite gestellt. Der Müll, die Stadt und der Tod haben für beide eigentlich kein Happy End vorgesehen. Und so ist das Spannendste an „Limbo“ nicht, ob der Killer je zur Strecke gebracht wird. Das Spannendste bleibt, ob es am Ende für den einen oder die andere so etwas wie Barmherzigkeit geben kann

Erschienen auf filmdienst.deLimboVon: Jörg Gerle (21.1.2024)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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