Vorstellungen
Filmkritik
Amélie bleibt regungslos. Immer. Die ersten Tage ihres Lebens. Die ersten Wochen. Die ersten Jahre. Der Arzt hat das Kind schon kurz nach seiner Geburt abgeschrieben, die Eltern und Geschwister warten sehnsüchtig auf jede Bewegung, und möge sie auch noch so klein ausfallen. Doch nichts passiert. Zumindest nicht äußerlich. Was in ihr vorgeht, erzählt Amélie dem Publikum dagegen direkt: Sie hält sich – für Gott. Sie ist einfach da, sie will nichts. Sie fühlt sich wie eine Röhre, die Nahrung durchschleust, aber nichts behält. Es ist nichts weniger als die Entwicklung eines Embryos, der hier zu sehen ist, umgeben erst von dumpfen, klopfenden Herztönen in einem schwarzen Nichts. Aus diesem schälen sich die Bilder, die in sanften kreisförmigen Bewegungen aus- und ineinanderübergehen. Die Farben sind leuchtend, manchmal fast grell, die Objekte haben keine klare Konturen und bleiben weich und durchlässig.
In der Gedankenwelt eines Kindes
„Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens“ beruht auf dem autobiografischen Roman „Metaphysik der Röhren“ von Amélie Nothomb, in dem diese sich an ihre früheste Kindheit in Japan als Tochter eines belgischen Diplomaten und ihre Beziehung zu der japanischen Haushälterin erinnert und dabei die Perspektive eines Kleinkinds einnimmt. Diese Sichtweise hat das Regie-Duo Maïlys Vallade und Liane-Cho Han nun radikal für seine Adaption übernommen. Amélies Voiceover führt durch den Film, was hier glücklicherweise nicht wie eine literarisch anmutende Notlösung wirkt, sondern den Eindruck, sich in der Gedankenwelt eines Kindes zu befinden, noch verstärkt – zumal dieser auch von einem Kind gesprochen wird und nicht von einem Erwachsenen.
Zweieinhalb Jahre alt ist Amélie, als sie aus ihrer beobachtenden Starre erwacht – ausgelöst, ausgerechnet, durch den köstlichen Geschmack weißer Schokolade, die ihre Großmutter ihr aus Belgien mitgebracht hat. Von diesem Zeitpunkt an gibt es kein Halten mehr. Die Familie kann ihr Glück kaum fassen und Amélie beginnt, die Welt mit allen Sinnen zu erkunden. Sie steht auf, sie geht, sie rennt, sie spricht. Und lernt Nishio-san kennen, die der Familie von der verhärmten Besitzerin des Hauses als Haushälterin empfohlen wird. Mit ihr wird Amélie ein Herz und eine Seele.
Über den Verlauf eines Jahres und durch die in wunderschönen Bildern gestalteten wechselnden Jahreszeiten hinweg folgen Vallade und Han ihrer kleinen Heldin und Nishio-san und erzählen dabei vor allem sehr assoziativ. Das Kleine wird groß: ein Tag im Garten, ein Ausflug zum Meer, eine Beobachtung des Staubsaugers, der Dinge einfach so verschwinden lässt. Und immer wieder bricht sich die magische Vorstellungswelt des Kindes Bahn, das sich selbst zu Beginn als Mittelpunkt des Universums wahrnimmt. Amélie kann den Nebel wegpusten, auf Amélies Anweisung fangen die Blumen im Garten an zu blühen – und überhaupt ist die Welt eine wahre Schatztruhe, von den Spiegelungen an der Wasseroberfläche über Seifenblasen bis hin zu Regentropfen auf Autoscheiben, in denen sich die untergehende Sonne spiegelt. Oder dem schönen Gefühl, die Zehen in den Sand am Strand zu graben. Staunen kann so einfach sein.
Kleine Schritte mit philosophischen Fragen
Aus entwicklungspsychologischen Vorgängen machen Vallade und Han ein einfühlsames und berührendes Filmereignis, ein Kino der Sinne, das Amélies kleine Schritte stets mit philosophischen Fragen auflädt. Das hätte aufgesetzt wirken können oder auch altklug, funktioniert aber hier ganz stimmig, auch weil die Bildebene so stark ist und nach visuellen Entsprechungen sucht. Vor allem schält sich zunehmend die Bedeutung von Erinnern und Vergessen als Leitthema heraus. Amélie beginnt zu spüren, dass es mehr gibt als nur das Hier und Jetzt, dass es aus der Gegenwart Spuren in die Vergangenheit und in die Zukunft gibt. In ihr wächst das Bedürfnis, Eindrücke nicht einfach nur durchzuschleusen, sondern zu behalten. So greift der Film auch schwere Themen auf. Es geht um Tod, Verlust und Trauer, um das, was von Menschen bleibt. Sogar eine politische Ebene wird in die im Jahr 1969 spielende Handlung eingeflochten, wenn aufwühlende Erinnerungen an den Krieg in Japan und alte Feindseligkeiten zur Sprache kommen.
„Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens“ wurde komplett digital animiert, bleibt aber dem flächigen zweidimensionalen Look traditioneller Zeichentrickfilme treu und strebt dementsprechend nicht nach Haptik oder Realismus, sondern hat eher malerische Qualitäten. Nahtlos knüpft der Animationsfilm an den konturlosen Look von Rémi Chayés „Tout en haut du monde“ und „Calamity“ an, an denen Vallade und Han bereits mitgearbeitet haben. Auf der ästhetischen Ebene gelingt es dem Film so, starre Grenzen zwischen den Menschen untereinander und zu ihrer Umgebung aufzulösen und Übergänge zu ermöglichen. Die Bilder trennen nicht, sondern verbinden und tragen zugleich etwas traumhaft Schönes in sich.
Über das Sehen und das Sichtbarmachen
„Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens“ ist ein großer Film über Liebe und Verbundenheit, das Sehen und das Sichtbarmachen, über Zugehörigkeit und Familie, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ein Film, in dem das Alltägliche magisch sein kann und die Welt ihren Zauber zurückerhält, in dem ein Meer geteilt und schöne Erinnerungen in Gläsern verstaut werden können. Und der darüber erzählt, wie egozentrische Weltbilder aufgebrochen werden und Menschen – und zwar nicht nur Amélie – den Weg von der Isolation in die Gemeinschaft gehen. Was quasireligiös, existenzphilosophisch oder psychologisch beginnt, wird am Ende eine ganz praktische Geschichte über das Zusammenleben, Sich-Öffnen und Aufeinanderzugehen.
Das Ärgerlichste allerdings, was von dem Film bleiben wird, ist der falsch ins Deutsche übersetzte Zusatztitel. Denn mit dem „Charakter des Regens“ (der sich an den internationalen Buchtitel „The Character of Rain“ anlehnt) ist eigentlich das japanische Kanji-Schriftzeichen für Regen gemeint, das in seiner Aussprache „Amé“ wie die Kurzform des Namens der jungen Filmheldin klingt. Für Amélie ist das identitätsstiftend. Als Nishio-san ihr das Kanji zeigt, weiß Amélie, wo ihr Herz hingehört. Zumindest ein Teil davon.









