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Little Trouble Girls

89 minDrama, LovestoryFSK 12
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Die 16-jährige Lucija tritt dem Mädchenchor ihrer katholischen Schule bei. Dort lernt sie die zwei Jahre ältere Ana Maria kennen und schließt Freundschaft mit dem selbstbewußten, beliebten Mädchen. Als der ganze Chor im Sommer auf ein intensives Probenwochenende nach Italien fährt, kommt es zu Spannungen zwischen den beiden: Die introvertierte, behütet aufgewachsene Lucija verguckt sich in einen attraktiven Bauaurbeiter, mit Hilfe von Ana Maria beginnt sie zugleich ihre Sexualität zu entdecken. Es sind Tage, die nicht nur die noch frische Freundschaft der beiden, sondern auch Lucijas Glauben und Werte infrage stellen…
Die slowenische Filmemacherin Urška Djukić gewann mit ihren preisgekrönten Kurzfilmen u. a. den Europäischen Filmpreis 2022. In ihrem von hervorragenden Darsteller*innen getragenen Spielfilmdebüt LITTLE TROUBLE GIRLS variiert sie ganz ohne Klischees eine Geschichte über weibliches sexuelles Erwachen.

Atmen auf Schwarz. Oder Stöhnen? Ein leicht geöffneter, vertikaler Mund auf einem kirchlichen Fresko. Oder eine Vulva? Ein Ohr, gezwirbelte Haare, eine nervige Fliege. Ein Mädchen mit traurigen Augen. Lucija (Jara Sofija Ostan) starrt vor sich hin, während vorne eine Bibelstelle verlesen wird. Es ist Unterricht im Kirchenchor, der jäh unterbrochen wird, als Ana-Marija (Mina Švajger) direkt neben Lucija landet. Plötzlich ist nichts mehr dumpf, vor allem nicht der Gesang aus den Mündern all der jungen Mädchen, die dicht an dicht nebeneinanderstehen. Die Stunde ist vorbei. Ein Lippenstift wird gezückt, Ana-Marija schminkt die Lippen der Mädchen, nur Lucija, die Neue, zuckt zurück.

„Little Trouble Girls“ beginnt atmosphärisch mit der Bebilderung des körperlichen Erwachens einer 16-Jährigen aus streng katholischem Haushalt. Lucijas sexuelles Begehren wird sich während der Chortage in einem Ursulinenkloster ausformen. Drei Tage dauert der Ausflug an dem abgelegenen Örtchen. „Planst du, dich da auch so aufzumachen?“, herrscht Lucijas Mutter die Tochter auf der Fahrt nach Hause an.

Was in Lucija erwacht

Erstmal durchatmen. Generell geht es in dem feinfühligen Coming-of-Age-Film von Urška Djukić viel ums Atmen: die Zwerchfellübungen der Chormädchen, der schnarchende Vater zu Hause, das stöhnende Filmpärchen im Fernsehen, von dem Lucijas Mutter verlegen wegschaltet. Unangenehm, schambehaftet ist das, was in Lucija erwacht: das sexuelle Verlangen. Dass es sich zunächst gleichgeschlechtlich zu orientieren scheint, sorgt für zusätzliche Verwirrung.

Lucija fühlt sich zu Ana-Marija hingezogen, zu ihrem selbstbewussten Auftritt, ihrer freundlichen Anzüglichkeit. Flaschendrehen und gemeinsame Schwimmausflüge während der Unterrichtspausen führen die beiden Mädchen zueinander. Doch dann ist da auch noch dieser Restaurator im Klosterinnenhof, den Lucija flüchtig beim Nacktbaden am Fluss gesehen hat und dessen T-Shirt so gut riecht. Er hatte die beiden küssenden Mädchen beobachtet.

Nicht von ungefähr erinnert die Hauptdarstellerin Jara Sofija Ostan äußerlich an Sophie Marceau in „La Boum“. Innerlich meistert Ostan ihre erste Rolle mit einem fein nuancierten mimischen Spiel. „Dann musst du saure Trauben essen“, entgegnet Ana-Marija als ständig aus sich heraustretender Gegenpol und greift schelmisch über sich in den umfunktionierten Baum des Sündenfalls, um der besorgten Freundin die ungenießbaren Früchte zu reichen.

Zwischen drei Polen

Lucija steht zwischen drei Polen: Ana-Marija, dem namenlosen Restaurator und ihrer von Kindheit an eingepflanzten Religiosität. Diese personifiziert sich bei der jungen Frau in der Figur der Mutter Gottes. Im Filmbild manifestiert sich dies in all den Marienstatuen, die die Kamera an vielen Orten in zentrierter Kadrierung erfasst. Lucija, die mit 16 Jahren immer noch keine Periode bekommen hat, muss ihre Begierden negieren, weil deren Ausleben nicht nur innere Zerwürfnisse, sondern auch Probleme mit der Familie und dem Umfeld nach sich ziehen würde.

Gerade die Erwachsenen reagieren besonders verkrampft auf die erwachende Sexualität der jungen Frauen; wahrscheinlich weil ihre schon längst eingeschlafen ist: in einer erlahmten Ehe wie der ihrer Mutter oder in einer vielleicht verborgenen Homosexualität wie der des Chorleiters. Hier entpuppt sich eine prüde Gesellschaft, die katholische Normen so stark verinnerlicht hat, dass auf Vertrauen mit Verwirrung, ja sogar mit Aggression geantwortet wird. Dabei ist es einzig eine Nonne, die verständnisvoll auf die neugierigen Fragen der jungen Frauen reagiert. Freundlich spricht sie davon, wie flüchtig sie die Berührung von Menschen und wie dauerhaft die von Gott empfindet – und erreicht damit Lucijas Herz.

Szenen der Annäherung und Berührung

Lucijas innere Zerrissenheit zwischen Begehren, Erziehung und gesellschaftlicher Normierung ist in Literatur und im Arthousekino schon oft erzählt worden. Doch Urška Djukić schafft es mit Lev Predan Kowarski an der Kamera, sie in stimmungsvolle Bilder zu kleiden, die so oft auf ihren Objekten verharren wie der Blick der träumerischen Protagonistin. Es gelingen feinfühlige Szenen der Annäherung und Berührung, ob von anderen oder sich selbst, die so viel Menschliches in sich tragen und stark von Blicken geprägt sind – kontrastiert von den hohen Chorgesängen der Tonebene.

„Little Trouble Girls“ ist ein kleiner, Probleme aufwühlender Film - und zugleich ein großes, starkes Statement dazu, was restriktive Strukturen mit Menschen und ihrem Umgang miteinander anrichten können – exemplifiziert an der Reaktion des völlig überforderten Chorleiters. Es ist Zeit für einen Ausbruch, und für süße Trauben.

Veröffentlicht auf filmdienst.deLittle Trouble GirlsVon: Kathrin Häger (29.1.2026)
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