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Filmkritik
Clémence schwimmt, schreibt, raucht und hat flüchtige sexuelle Begegnungen mit Frauen. All das macht sie mit einer Mischung aus starkem innerem Drang und extremer Disziplin. Auch ihre äußere Erscheinung ist markant: kurzes Haar, Tattoos auf Armen und Rücken, eine Uniform aus weißem T-Shirt, schwarzen Jeans und Schnürschuhen. Clémence (Vicky Krieps) steht zu ihren Entscheidungen. Zaudern ist ihr fremd. Einen „Bruch in der Erzählung“ nennt die Sozialarbeiterin den Ausbruch der ehemaligen Anwältin aus dem bürgerlichen heterosexuellen Familienleben.
Kein Bruch ohne Sanktionen
So ein Bruch, finden ihr Ex-Mann Laurent (Antoine Reinartz) und offensichtlich auch die gerichtlichen Instanzen, kann nicht ohne Sanktionen vollzogen werden. Er muss bestraft werden. Als Laurent drei Jahre nach der Trennung von Clémences lesbischen Beziehungen erfährt, beantragt der schwergekränkte Mann das alleinige Sorgerecht für den gemeinsamen siebenjährigen Sohn. Ihr promiskuitiver Lebensstil schade Paul. Er versucht ihr auch Inzest und Pädophilie anzuhängen – und kommt mit seinen abstrusen Anschuldigungen zunächst tatsächlich durch. Bis zum gerichtlichen Bescheid darf Clémence ihr Kind nicht sehen.
So vergehen Monate um Monate – eine Zeit, die unwiederbringlich verloren ist. Im psychologischen Gutachten, das ihr nach eineinhalb Jahren ein eingeschränktes Besuchsrecht unter Aufsicht gewährt, heißt es: „Homosexuelle Beziehungen zu führen, kann heutzutage nicht als Zeichen psychischer Instabilität gewertet werden. Ebenso wenig wie das Schreiben von Büchern.“
„Love Me Tender“ von Anna Cazenave Cambet ist die filmische Adaption eines Romans der Autorin Constance Debré, eine viel beachtete Autofiktion, die derzeit auch auf den Bühnen einiger Theater zu sehen ist. Die Erzählerin teilt mit der französischen Autorin biografische Eckpunkte und Aussehen. Debré stammt aus einer Politikerdynastie; ihr Großvater war Premier unter de Gaulle, ihr Onkel Präsident des französischen Verfassungsgerichts; ihre Mutter ist die Tochter des Vichy-Ministers und späteren Résistance-Kämpfers Jean Ybarnégaray.
Die Heroinsucht der Eltern, die ihre Kindheit prägte und der Mutter mit 46 Jahren das Leben kostete, ist das Thema des Romans „Name“, des letzten Teils der Trilogie. Darin vollzieht die Erzählerin den endgültigen Bruch mit ihrer Herkunft. „Playboy“ und „Love Me Tender“ erzählen von ihren ersten lesbischen Beziehungen und der radikalen Metamorphose von der verheirateten Wirtschaftsanwältin zur queeren Autorin mit kahl rasiertem Schädel.
Nichts rückgängig machen
Die Erzählung folgt Clémences Kampf um ihre Rechte als Mutter, die sie ohne jegliche Kompromisse an ihrem Leben als Lesbe und Schriftstellerin einfordert. „Ich werde nichts rückgängig machen, nicht wieder in meine alte Haut schlüpfen“, schreibt Debré in ihrem Roman. Es sei selten, dass eine Mutter gehe, erklärt ihr der Psychologe, der sie auf einen jahrelangen Rechtsstreit vorbereitet. Für Clémence ist es ein schmerzhafter Prozess, der ihre Beziehung zu Paul tief erschüttert. Auch wenn er sie innig liebt und vermisst, schlägt ihr seine Ablehnung und Wut, entfacht durch den manipulativen Vater, immer wieder entgegen.
Die einstündigen Treffen zwischen Mutter und Sohn folgen einem Regelwerk, das Clémence eigentlich längst hinter sich gelassen hat. Die anwesenden Sozialarbeiterinnen sitzen mit Papier und gezücktem Stift daneben; ihnen entgeht kein Satz, keine Geste, kein Blick. Clémence muss dabei auch erfahren, dass ihr eigentliches Ausdrucksmedium, die Sprache, in diesem Kontrollraum versagt. Manchmal breitet sich zwischen beiden ein bedrückendes Schweigen aus. Offen mit Paul sprechen kann Clémence nur in Form eines Briefs, den sie anschließend vernichtet: „Liebe ist barbarisch“, heißt es da, und dass es keine Liebe ohne Hass gebe.
Krawalliger Sound, wehmütige Klage
„Love Me Tender“ gibt sich nur auf den ersten Blick als eine werkgetreue Verfilmung. Die Stimme der Ich-Erzählerin fließt in Voiceover-Passagen ein, die Perspektive ist konsequent an die Hauptfigur gebunden. Dennoch ist in der Inszenierung von Debrés vorwärtsdrängendem, manifestartigem Tonfall wenig übrig geblieben. Vicky Krieps, deren Gesicht und Körper in Close-ups ständig zu sehen sind, spielt die Figur einfühlsam und differenziert, doch allein in ihrer sanften, immer leicht gebrochenen Stimme schleift sich der krawallige Debré-Sound zu einer melancholisch-wehmütigen Klage ab. Über dem ganzen Film liegt das Bemühen, die Hauptfigur gegen jede potenzielle Ablehnung abzusichern. Dabei hatte Debré mit Clémence eine ausgesprochen unsympathische Lesbe im Sinn.
Im Film ist Clémence eine zugängliche, durchaus verbindliche und angenehme Frau – egal ob sie ihren Sohn trifft, sich auf eine romantische Zweierbeziehung mit der Journalistin Sarah einlässt oder Frauen zum schnellen Sex aufreißt. Dabei besteht ihre „Unerhörtheit“ ja gerade darin, sich patriarchale Muster anzueignen. Machistische Ansagen aber haben im Film keinen Platz, Sätze wie „Frauen, Frauen und noch mehr Frauen. Ich erhöhe die Dosis, denn die Wirkung lässt nach.“ In der bei allen schmerzhaften Härten abgefederten Realität klingen dann auch Clémences grundsätzliche Zweifel an der Idee von Mutterschaft weit weniger anarchisch.





