






- Veröffentlichung08.01.2026
- RegieAlexe Poukine
- ProduktionBelgien (2025)
- Cast
- IMDb Rating6.8/10 (186) Stimmen
Vorstellungen
Filmkritik
Es wäre ganz einfach, das Spielfilmdebüt von Alexe Poukine zu verreißen. Dafür würde es genügen, die Handlung kurz zusammenzufassen. Kika (Manon Clavel), eine junge, engagierte Sozialarbeiterin, die gegen die Windmühlen staatlicher Bürokratie kämpft, verlässt ihren langweilig-netten Freund Paul (Thomas Coumans), mit dem sie schon seit Jugendtagen zusammen ist und eine gemeinsame Tochter hat, für eine neue, aufregendere Liebe. Als ihr neuer Partner David (Makita Samba) aber plötzlich stirbt und sie für sich und ihre kleine Tochter Louison (Suzanne Elbaz) eine Wohnung suchen muss, reicht ihr spärliches Gehalt nicht für die Kaution. Um nicht selbst zum Sozialfall zu werden, beginnt sie in ihrer Freizeit, getragene Unterwäsche zu verkaufen, und baut sich, rührend unterstützt von den solidarischen Sexarbeit-Kolleginnen, nach und nach einen Zweitjob als Domina auf. Daher das „Madame“ im Filmtitel. Schwanger ist sie überdies auch noch.
In dieser Verdichtung läge der Verdacht durchaus nahe, es mit einem sensationsheischenden Konglomerat aus romantischer Komödie, trivialer Sozialkritik und schlüpfriger Milieustudie zu tun zu haben, das von klebrigen Klischees notdürftig zusammengehalten wird. In den schlechtesten Momenten des Films ist das auch der Fall. Zum Glück gibt es solche in „Madame Kika“ aber erstaunlich wenig. Einer von ihnen steht direkt am Anfang: Kika – Typ: Audrey Tautous „Amélie“ in herb – sitzt lachend auf dem Gepäckträger, während ihr Freund mit dem Fahrrad über eine leere Landstraße strampelt. Ihre Haare flattern im Wind. Die Sonne glitzert durch die Baumkronen. Schwer zu sagen, ob diese kitschige Filmchiffre für das Glück des Verliebtseins ernst oder ironisch gemeint sein soll.
Auf dem Boden der sozialen Realität
Doch was wie eine mediokre deutsche Fernsehromanze beginnt, landet, nach einem – erst im Nachhinein vielsagenden – Schwenk zum Himmel und ins Sonnenlicht hinein, auf dem Boden der sozialen Realität. Einer etwas verwirrten älteren Dame droht die Zwangsräumung. Doch ehe der Gerichtsvollzieher anrücken und ihre Wertsachen beschlagnahmen kann, verstecken Kika und ihre Sozialamtskollegin Mary (Ethelle Gonzalez Lardued) die Möbel und einen riesigen Perserteppich im Keller. Das fühlt sich ein wenig überzogen an, zeigt aber sofort, dass es sich bei der Protagonistin nicht um eine gewöhnliche belgische Sozialarbeiterin handelt. Man versteht: Kika ist sehr engagiert, und sie pfeift auf die Vorschriften, wenn sie damit jemandem helfen kann. Was selten genug geschieht.
Und dann ist sie als arbeitende Mutter auch sehr gestresst. Noch mit dem Handy am Ohr bringt sie ihr Fahrrad zur Reparatur. Der Laden ist eigentlich schon zu, aber Kika trommelt gegen die Türscheibe, bis sich der Mitarbeiter erbarmt. Als sie von innen abschließen soll, bricht der Schlüssel ab, und erst jetzt fängt der Film richtig an.
Etwas verändert sich, als Kika und David einander begegnen; nicht nur bei den beiden, sondern auch im Film. Die Klischees werden kaum weniger, aber die Inszenierung lässt sie immer öfter ins Leere laufen. Makita Samba und Manon Clavel harmonieren in ihren Rollen so wunderbar miteinander, dass die anfängliche Affäre, bei der sich Kika und David zuerst in der Mittagspause heimlich in Cafés und später in einem rot ausgeleuchteten Stundenhotel treffen, glaubhaft und nachvollziehbar wirkt, obwohl sie in nur wenigen Szenen abgehandelt wird. Es ist eine liebevolle Leidenschaft, bei der die beiden vor allem ihr gemeinsamer Humor verbindet. Mit lakonischer Ironie lachen sie über das Leben und sich selbst.
Mit sanft-melancholischem Schmunzeln
Das ist von nun an auch der Tonfall, in dem sich der Film über die in den Untiefen lauernden Stereotype erhebt: tragikomisch, aber nicht zum Heulen und auch nicht zum Laut-Loslachen, sondern mit einem sanften, melancholischen Schmunzeln. Die dramatischsten Wendepunkte verschiebt Alexe Poukine ins Off. Ein kurzer Blick nur, und in der nächsten Einstellung haben sich Kika und Paul getrennt. Wenig später stehen zwei Fremde vor der Tür, und Kika erfährt, dass David gestorben ist, im Supermarkt, Herzinfarkt. Einfach so. Kika weint nicht. Kika schreit nicht. Sie hat keine Zeit dafür und keine Kraft. Sie muss für die alte Dame da sein, die aus der Wohnung fliegt, sie muss sich um ihre Tochter kümmern, und an Geld muss sie auch kommen. Wer so viel muss, kann nicht trauern.
Durch die Arbeit als Domina, die sie anfangs nur widerwillig und ungelenk verrichtet, ehe sie die erfahrene Rasha (Anaël Snoek) an die Hand nimmt, rutscht Kika nicht etwa ab; vielmehr findet sie dadurch Halt. Ihren Kunden fügt sie den Schmerz zu, den sie selbst nicht zulassen kann, ohne diese aber dafür zu verachten. Im Gegenteil: Je besser sie die Männer, die sich von ihr schlagen, treten und demütigen lassen, versteht, desto mehr spürt sie sich auch selbst wieder.
Ein inszenatorischer Coup
Dass Kika sich in ihren Rollen als Mutter, Sozialarbeiterin und Domina stets gleichbleibt, ganz selbstverständlich, menschlich und unaufgeregt normal, und dass es dem Film gelingt, auf eben diese unaufgeregte Weise unterschiedliche Genres und soziale Lebensbereiche ineinanderzuflechten, ist ein inszenatorischer Coup – es hätte fürchterlich schiefgehen können. Und ohne Manon Clavel wäre es das vielleicht auch. Clavel spielt nicht etwa groß auf, sondern sie ist einfach ganz da, mit einer unperfekt natürlichen, charismatischen Präsenz. Als Kika am Ende schließlich doch noch weint, ist sie schon lange kein Typ Irgendwer mehr, sondern bloß noch Kika und allenfalls Typ Clavel.
