Vorstellungen
Filmkritik
In der Zeit vor Social Media war die (fiktive) TV-Sendung „Creative Lab“ bekannt und beliebt dafür, die weltweit obskursten Trends aufzuspüren und dem heimischen Fernsehpublikum wie eine zehnminütige Investigativ-Reportage zu präsentieren. Doch mittlerweile gibt es TikTok-Videos und Instagram-Reels, die Ähnliches auf nur zehn Sekunden eingedampft präsentieren, und daher steht das „Creative Lab“ besonders unter Druck, aufregende Beiträge zu liefern. Zu Beginn von „Magic Farm“ preist die Regisseurin und Pseudo-Journalistin Edna (Chloë Sevigny) einen Hype um mexikanische Lederstiefel vor der Kamera an. Dass die Episode sich über hohe Einschaltquoten freuen kann, darf bezweifelt werden. Das amerikanische Fernsehteam rund um Edna, bestehend aus den beiden All-Round-Assistenten Jeff (Alex Wolff) und Justin (Joe Apollonio), ist mehr chaotisch als investigativ unterwegs.
Für eine neue Episode reist das Team von „Creative Lab“ dann von den USA nach Argentinien in die Pampa. In dem Dorf San Cristóbal soll es einen exzentrischen Musiker namens Super Calito geben. Um sich in der ruralen Gemeinde durchzufragen, engagieren sie die spanisch-sprachige Übersetzerin Elena (Amalia Ulman). Die zuständige Kontaktperson Marita ist jedoch nach der Ankunft des Fernsehteams wie vom Erdboden verschluckt, und auch die Nachbarin weiß nichts von einem solchen Musiker. Außerdem meint sie zu den Neuankömmlingen, dass es mehrere Städte in Lateinamerika mit dem Namen San Cristóbal gibt. Ist die Crew am Ende im falschen Land gelandet?
Culture Clash zwischen Nord- und Südamerika
Regisseurin und Drehbuchautorin Amalia Ulman schließt diese Option zumindest nicht aus. Nach ihrem Debütfilm „El Planeta“ ist „Magic Farm“ nun ihr nächster Langfilm. Diesmal geht es nicht um das wirtschaftlich krisengeschüttelte Land Spanien, sondern um das ebenfalls krisengeschüttelte Argentinien, wo Ulman geboren wurde. Dabei arbeitet sie sich lustvoll und schwarzhumorig an dem Culture Clash zwischen Nord- und Südamerika ab. Die Indifferenz, mit der das US-amerikanische Fernsehteam im Hinterland aufkreuzt, ist kaum zu übersehen. Wie ist das WiFi-Passwort? Wer hat ein Anti-Mücken-Spray dabei? Und ganz dringend: Wo ist das nächste E-Zigaretten-Ladegerät? Der Rezeptionist kann einem ziemlich leidtun.
Amalia Ulman erzählt die Szenen mit einer wunderbar leichten, scheinbar improvisierten Situationskomik. Diesmal hat sie sich mit Kameramann Carlos Rigo Bellver nicht wie in „El Planeta“ für Schwarz-weiß entschieden, sondern für eine stark gesättigte Farbgebung. Bisweilen erinnert die Bildsprache mit den Fischaugen-Objektiven an die Videoclipästhetik Anfang der 2000er-Jahre, die als filmische Mittel auch für jene Fernsehdokus, die Pate für „Creative Lab“ standen, verwendet wurden. Auf der Off-Tonspur läuft währenddessen munter elektronischer Cumbia – eine Musikrichtung aus der karibischen Region, die sich in Lateinamerika weiter ausgebreitet und ausdifferenziert hat. Damit steht der Soundtrack einerseits für die Exotik, nach der das „Creative Lab“ sucht, aber die sich andererseits heute keinem Land mehr eindeutig zuordnen lässt.
San Cristóbal sucht den Superstar
Sehr wahrscheinlich gibt es keinen Super Carlito in der argentinischen Pampa. Das bringt die chaotische Medientruppe an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Bald fließen die ersten Tränen, wenn Edna ihren Assistenten Jeff für das Scheitern verantwortlich macht: „I can’t fuck up another episode!“ Als Notlösung ruft das Fernsehteam ein lokales Casting in der nächstgelegenen Turnhalle aus, um eine:n Ersatzmusiker:in zu finden. Die Unbeholfenheit der tanzenden Schülerinnen in Bikinis bringt Edna zur Weißglut. Chloë Sevigny ist fantastisch darin, mit einem genervten Augenrollen alles über eine scheiternde Reporterin auszudrücken.
Amalia Ulman schafft es in kurzen Szenen sehr lustig, von der Misere auf dem argentinischen Land zu erzählen, ohne allerdings in die Tiefe zu gehen. Die Leute dort haben keine großen Zukunftsaussichten. Die Tochter einer Einheimischen träumt davon, einmal nach Buenos Aires zu ziehen, aber aktuell hilft sie im Friseursalon der Mutter aus und dreht im Kinderzimmer Only-Fans-Videos. Die Bewohner:innen freuen sich, dass mit dem Auftauchen des US-Fernsehteams in der Provinz endlich was Aufregendes passiert und dass sie Teil einer TV-Show werden – wenn auch einer gefakten Fernsehshow.
Singen gegen die Umweltverschmutzung
Dabei hätte das Creative-Lab-Team eigentlich einen handfesten Skandal vor der Nase, den es aufdecken könnte. Einmal fliegt ein Flugzeug gefährlich nah über das Fernsehteam beim Shooting. Der Rezeptionist erklärt Elena, dass hier Flugzeuge Glyphosat über die Sojafelder versprühen. Ist das nicht toxisch? Möglicherweise wäre das Umwelt-Thema eine Investigativ-Reportage wert gewesen. Tatsächlich gibt es einen sehr guten argentinischen Dokumentarfilm mit dem Titel „Una canción para mi tierra“. Darin geht es um den Musiker und Musiklehrer Ramiro Lezcano, der mithilfe einer Schulklasse ein Woodstock-Festival in der Pampa organsiert, um gegen die krebserregenden Pestizide zu protestieren. Aber „Creative Lab“ konkurriert vermutlich weniger mit einem dokumentarischen Festivalfilm als mit TikTok. Und damit, diese Art von Unterhaltung aufs Korn zu nehmen, ist Amalia Ulman definitiv ein lustiger und kurzweiliger Film gelungen.










