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Filmkritik
Wer in den 1980er-Jahren einen Fernseher hatte, kam an „He-Man“ nicht vorbei. Obwohl der vom Studio Filmation sparsam animierte Cartoon hauptsächlich erfunden wurde, um Spielzeug zu verkaufen, schlug er Generationen in seinen Bann. Erzählt wurde die Geschichte der mystischen Welt Eternia, in der Technologie und Magie nebeneinander existierten. Dort verwandelte sich Prinz Adam mit einem Zauberschwert und „der Macht von Grayskull“ zum heldenhaften He-Man, um dem Kriegsherrn Skeletor und seinen Handlangern die Stirn zu bieten. In „Masters of the Universe“ von Travis Knight muss sich Adam jedoch etwas gedulden, bis es so weit kommt. Der neueste Film lässt den Helden in spe zunächst in einem langweiligen Bürojob stranden und macht ihn zum einfältigen Nerd. Ein erwachsener Mann, der seinem tristen Alltag entkommen will, indem er in Erinnerungen an den Zauber seiner Kindheit schwelgt und über magische Schwerter fantasiert.
Diese Situation könnte einigen Kindern, die damals mit großen Augen vor dem Fernseher saßen, erschreckend bekannt vorkommen. „Masters of the Universe“ will seiner alten Fanbase beweisen, dass es nicht nur okay ist, ein Manchild zu sein, sondern etwas ganz Besonderes ist. Um gemeinsam den Zauber der Kindheitstage wiedererleben zu können, muss Adam das Schwert der Macht finden, in seine wahre Heimat zurückkehren und das Publikum für ein paar Stunden aus ihrem tristen Alltag befreien.
Nostalgie trifft Ironie
Das Eternia, das Adam einst kannte, hat sich seit seiner Kindheit verändert. In den letzten 15 Jahren hat Skeletor mit Hilfe seiner Handlangerin Evil-Lyn (Alison Brie) die Macht an sich gerissen. Das Einzige, was ihm noch fehlt, ist das Schwert, das Adam beschützt. Gemeinsam mit seiner Jugendfreundin Teela (Camila Mendes) und dem in Ungnade gefallenen Waffenmeister Duncan (Idris Elba) muss Adam schnellstmöglich lernen, die Kräfte seiner magischen Waffe zu nutzen, um Skeletor zu besiegen. Ihm zur Seite steht eine Gruppe Rebellen, denen er in seiner Kindheit Namen wie „Ram Man“ (Jon Xue Zhang) und „Mekaneck“ (James Wilkinson) gegeben hat. Wer all diese Namen zu viel sind, wird sich bei der ersten großen Kampfszene, in der Menschen, Maschinen und Magie zusammentreffen, hoffnungslos überfordert fühlen. Für alle Eingeweihten fühlt es sich so an, als würde man eine alte Spielzeugkiste nach Jahrzehnten wieder öffnen. Selten sah die Welt von Eternia so berauschend aus und noch seltener wurden alle Figuren so kompromisslos ihren Vorlagen nachempfunden. Regisseur Travis Knight hat offensichtlich den Filmation-Cartoon studiert und dafür gesorgt, dass sich jedes Kostüm, jedes Charakterdesign und jeder Schauplatz so anfühlen, als wären sie direkt aus den alten Animationen zum Leben erweckt worden.
Obwohl sich optisch alles nach dem He-Man von damals anfühlt, ist die Stimmung jedoch eine völlig andere. „Masters of the Universe“ nimmt seinen Stoff nicht so ernst wie die Comics und Serien der vergangenen Dekaden. Hier wird kein heroisches Fantasy-Epos inszeniert, sondern eine moderne Actionkomödie à la Marvel, in der schnippische Dialoge die Spannung der Actionsequenzen auflockern und fast jeder dramatische Moment mit Selbstironie untergraben wird. Dafür werden sämtliche Memes, Parodien und Witze herangezogen, die in den letzten Dekaden über He-Man gemacht wurden. Nachdem es eine Coverversion des Songs „What’s Up?“ von den 4 Non Blondes mit „He-Man“-Szenen gab, landet das Original nun im Soundtrack, es gibt Scherze über den Krieger „Fisto“, und der Name „He-Man“ darf erst in der letzten Szene erwähnt werden – natürlich mit einem heftigen Augenzwinkern in Richtung Publikum. Um in diese Welt zu passen, ist sogar der Titelheld nicht mehr der coole Krieger von damals, sondern behält auch nach seiner Verwandlung die liebenswert quirligen Charakterzüge vom Adam bei.
Generationen prallen aufeinander
Bei der Konzeption von „Masters of the Universe“ hatte Mattel offensichtlich zwei Zielgruppen im Auge: die Fans von damals, die mit He-Man aufgewachsen sind, und die junge Generation, für die der muskelbepackte Barbar nur als Parodie existiert. Travis Knight versucht das Unmögliche, indem er beide Sichtweisen vereinen will. In beinahe vorauseilendem Gehorsam feuert er jeden Witz und Seitenhieb ab, den sonst Leute in den sozialen Netzwerken machen könnten. Doppelt und dreifach wird unterstrichen, wie absurd die Figuren und die Situationen sind, damit klar wird, dass der Film mitlacht, und damit er nicht ausgelacht wird. Doch andererseits darf der Humor nicht auf Kosten der Fans gehen, die all diese Absurditäten seit Jahren ins Herz geschlossen haben. Darum werden die selbstironischen Betrachtungen ständig relativiert und zurückgenommen. Wann ein Witz wirklich ein Witz ist und wann er ernst gemeint ist, muss sich das Publikum selbst aussuchen.
Auch andere Spielzeugfilme wie „The LEGO Movie“ und vor allem „Barbie“ mussten es schaffen, die kulturell gewachsene Bedeutung ihres Produktes mit moderneren Sichtweisen abzuwiegen. Der Erfolg beider Filme basiert unter anderem darauf, dass die kritische Auseinandersetzung und die Werbebotschaft einander zumindest einigermaßen, wenn auch nicht perfekt, in der Waage hielten. „Masters of the Universe“ gelingt dieser Spagat wesentlich schlechter, denn die Kluft, die er zu überbrücken hat, ist ungleich breiter. Die männliche Machtfantasie kann nicht zeitgleich zelebriert und demontiert werden, obwohl es Travis Knight immer wieder versucht. Es wird mehrfach erwähnt, dass Gewalt nicht immer die Lösung ist. Aber wo soll ein He-Man-Film anders enden als in einem (zugegebenermaßen fulminanten) Action-Höhepunkt, in dem sich Held und Schurke zum Kampf gegenüberstehen?
Die Kinderschützer in den USA sorgten in den 1980er-Jahren dafür, dass nach jeder „He-Man“-Episode eine lehrreiche Botschaft für Kinder ausformuliert wurde. Ansonsten hätte die Serie nicht ausgestrahlt werden dürfen. So ähnlich fühlen sich die Lippenbekenntnisse von „Masters of the Universe“ an. Eigentlich soll das Publikum mit einem halbnackten Barbaren, der sein Schwert schwingt, in die Kinos gelockt werden, aber ein modernes Männlichkeitsbild muss einfach ständig im Dialog angerissen werden. So kann man weiterhin behaupten, dass die eigentliche Botschaft, die man vielleicht unter dem Krachen der Schwerter, dem Knallen der Fäuste und dem Brutzeln der Laser nicht gehört hat, eigentlich ist, dass man lieb zueinander sein soll.
Ein perfekt kalkuliertes Filmprodukt
„Masters of the Universe“ wirkt wie das optimierte Ergebnis unzähliger Publikumsbefragungen. Die Leute mochten das MCU und „Barbie“, darum werden die entsprechenden Zutaten aus den Erfolgsrezepten ausgeliehen und neu vermengt. Dazu noch ein Schuss Nostalgie und eine großzügige Prise Internethumor und eigentlich müssten alle zufrieden sein. Sogar das enthusiastische Ensemble passt perfekt in die bunte Welt und wirkt beinahe nicht gecastet, sondern wie für den Film erschaffen. Die Leidenschaft, die einzelne Personen vor und hinter der Kamera beitragen, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film in erster Linie ein eiskalt auskalkuliertes Massenprodukt ist. Auch wenn man sich gegen den Charme dieses glänzenden, neuen Spielzeugs nicht immer komplett wehren kann: Wer mit den Masters of the Universe aufgewachsen ist, wird nicht darum herumkommen, sich über den Look des Filmes zu freuen und kleine Endorphinschübe zu verspüren, wenn eine vertraute Figur auftritt, eine Referenz erkannt wird oder ein liebenswerter Cameo-Auftritt. Doch zwischen diesen kleinen Glücksmomenten macht sich Leere breit.
Vor über 40 Jahren begann He-Man als ausgeklügelte Marketingmaschine. Zumindest hier bleibt der neue Film seinen Ursprüngen treu. Dennoch hatten die Serie und die Spielzeuge von damals genug Magie, um zu überdauern, denn die Fans haben es über die Jahre geschafft, den kommerziellen Aspekt der Franchise kleinzudenken. Schließlich war in der Kindheit das Wichtige nicht die Spielzeugwerbung, sondern die fantastischen Abenteuer, die man damit erleben konnte. Mattel stellt diese durch Nostalgie gefütterte Unschuld mit dem neuen „Masters of the Universe“ hart auf die Probe. Die Frage ist, ob die wenigen vorhandenen Funken von Magie des neuen Filmes reichen, um das mittlerweile erwachsene Publikum davon abzulenken, wie viel Kommerz in den eigenen Jugenderinnerungen steckt.



