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Mauern aus Sand

88 minDramaFSK 12
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Der Teenager Marco glaubt, seinen Weg gefunden zu haben: In der Schule wird er als Sportler gefeiert, mit seiner Freundin führt er eine stabile Beziehung, in der Werkstatt seines Vaters wartet ein guter Job auf ihn. Er ist einer, den alle mögen – und als es darum geht, sein kroatisches Heimatdorf vor einer Flut zu schützen, stapelt er Sandsäcke, wie alle anderen auch. Doch dann taucht ein vergessen geglaubter Freund aus der Vergangenheit auf und weckt Gefühle, die Markos sorgsam zusammengebautes Selbstbild in Frage stellen – und das Selbstverständnis der konservativen Dorfgemeinschaft gleich mit.
„Mauern aus Sand“ ist eine melancholisch erzählte Geschichte über das Erwachsenwerden und den aussichtslosen Versuch, der Mensch zu sein, den andere in einem zu sehen glauben. Behutsam und frei von Sentimentalität inszeniert Regisseurin Čejen Černić Čanak die Liebe als Naturgewalt, die sich ihren Weg bahnt – so viele Dämme auch aufgeschüttet werden. Ein aufregendes, dabei ganz unaufdringliches Stück junges queeres Kino, zeitlos schön.

Der smarte junge Marko (Lav Novosel) ist in seinem kroatischen Heimatdorf beliebt. Er hat eine hübsche Freundin und kümmert sich liebevoll um seinen Bruder Fico (Leon Grgić), der das Down-Syndrom hat. Nach dem Schulabschluss hat er eine Stelle in der Autowerkstatt des Vaters sicher. Zudem ist er eine Sportskanone und tritt mit väterlicher Unterstützung bei einem lokalen Wettbewerb im Armdrücken an.

Doch als der etwas ältere Nachbarssohn Slaven (Andrija Žunac) aus Berlin anreist, um an der Beerdigung seines verstorbenen Vaters teilzunehmen, werden verschüttete Gefühle wieder wach. Denn der zurückhaltende Slaven war Markos Jugendliebe. Als ein Hochwasser das Dorf bedroht und alle Sandsäcke füllen und stapeln, hilft selbstverständlich auch Marko mit. Doch je höher die Wassermassen steigen, umso größer wird der seelische Druck, der auf ihm lastet. Als erste Gerüchte über die wiedererwachte Romanze der Jünglinge die Runde machen, lässt Markos Freundin Petra (Franka Mikolaci) ihn sofort fallen, ohne ihn anzuhören. Sie beschimpft ihn und verweigert jedes weitere Gespräch. Schlimmer noch: Der Jugendliche wird in der sehr konservativen Dorfgemeinschaft zur Zielscheibe übler homophober Schmähungen. Trost und Beistand bekommt Marko nur von seinem kleinen Bruder, der ihn liebevoll umarmt. Wagt Marko einen Ausbruch und einen Neuanfang, selbst wenn diese eine soziale Ächtung mit sich bringen? Oder soziologisch formuliert: Folgt er den Normen der Bevölkerungsmehrheit oder durchbricht er das heteronormative Rollenbild?

Unprätentiöses Außenseiterdrama

Ein trüber Himmel und viele Regenschauer etablieren in dem unprätentiösen Außenseiterdrama „Mauern aus Sand“ eine triste Herbststimmung. Der steigende Wasserpegel wirft im zweiten langen Spielfilm der kroatischen Regisseurin Čejen Černić Čanak nach dem Kinderfilm „Das Geheimnis des grünen Hügels“ (2017) zudem einen bedrohlichen Schatten über das Dorf, die Bevölkerung macht sich angesichts der schlechten Wetterprognose große Sorgen. Diese unerfreulichen Umstände bilden das Setting für eine melancholische Coming-of-Story, die die Regisseurin in einem nüchternen Erzählstil entfaltet. Ruhige Beobachtungen gewähren detailfreudige Einblicke in die Alltagsroutinen der Dorfbewohner. Die Handkamera bleibt meist nah an den Figuren, sie wirkt allerdings nervös und wackelt oft wild herum, ohne dass die gezeigten Ereignisse das zu rechtfertigen scheinen. 

Um die seelischen Nöte des Protagonisten zu visualisieren, setzt die Regie gelegentlich auf Metaphern, die manchmal aber zu vordergründig wirken. Wenn die Kamera etwa die Kaninchen zeigt, die Markos Familie in engen Käfigen hält, lässt sich die Parallele zu seiner Isolation in der Familie und im Dorf kaum übersehen. Und so wie die Dorfbewohner Sandsäcke aufhäufen, um das Hochwasser abzuwehren, scheint auch der Teenager Schutzmauern um sich errichten zu wollen, um sich und seine unterdrückten Emotionen nicht zu verraten.

Ausgrenzung im Provinzmilieu

Marko scheut auch lange davor zurück, sich seinen konservativen Eltern zu offenbaren, die wie vermutlich die meisten in diesem Provinzmilieu denken, in dem junge männliche Sportler in der Umkleidekabine ganz selbstverständlich sexistische Macho-Sprüche klopfen: Zu stark ist seine Furcht vor Zurückweisung und Diskriminierung. Slaven hat diese Ausgrenzung schon erfahren – er wurde vor drei Jahren offenkundig von seiner queerfeindlichen Familie vertrieben und jobbt seitdem in Berlin als Kellner. Sympathisch ist, dass der Film angesichts der Ressentiments und Repressionen gegen Homosexuelle keine einfache Lösung für Markos und Slavens Dilemma anbietet.

Inhaltlich bietet „Mauern aus Sand“ keine großen Überraschungen: Wie in vielen queeren Coming-of-Age-/Coming-Out-Filmen kommen auch hier typische Story-Elemente wie homosexuelle Romantik und ein repressives Milieu, Vorurteile und Homophobie, Furcht vor der Entlarvung und Mut zur Auflehnung vor. Von themenverwandten Filmen wie Luca Guadagninos „Call Me by Your Name“ (2017), Blerta Zeqiris „The Marriage“ (2017) oder Peeter Rebanes „Firebird“ (2021) hebt sich der Film aus Kroatien vor allem durch seinen melancholischen Grundton ab.

Die einfühlsame Inszenierung wird vor allem getragen von den beiden versierten jungen Hauptdarstellern: Lav Novosel spielt Marko souverän als innerlich zerrissenen Außenseiter, der zwischen Macho-Sprüchen und innerer Unsicherheit hin- und herschwankt. Andrija Žunac wiederum gelingt es, mit einer verhaltenen Körpersprache die Sehnsüchte und Verletzungen des sensiblen, wortkargen Slaven überzeugend auf die Leinwand zu bringen.

Veröffentlicht auf filmdienst.deMauern aus SandVon: Reinhard Kleber (18.5.2026)
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