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Maysoon

122 minDramaFSK 12
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Eine Beziehung zerbricht, ein Reisepass läuft ab – und plötzlich steht alles auf dem Spiel. Maysoon, eine ägyptische Archäologin, die als Museumsführerin in Berlin arbeitet, lebt mit ihrem Partner Tobi und ihren beiden kleinen Kindern zusammen. Alles ist gut, sie sind eine glückliche Familie, bis Tobi nach einem Strandausflug offenbart, dass er eine Affäre hat. Maysoon muss hilflos zusehen, wie ihr mühsam wiederaufgebautes, bürgerliches Leben zerfällt. Zwischen persönlichem Verrat, bevorstehender Scheidung, bürokratischen Hürden und der drohenden Abschiebung aufgrund ihres abgelaufenen Passes holt sie zugleich die politisch aufgeladene Vergangenheit der Arabischen Frühlingstage ein. In einer Stadt, die einst Freiheit versprach, stellt sich Maysoon die Frage nach ihrem Platz in einer Gesellschaft, die scheinbar längst ohne sie weitergezogen ist.

Die Ägypterin Maysoon (Sabrina Amali) scheint in ihrem Leben angekommen zu sein. Mit ihrem Freund Tobi (Florian Stetter) und den gemeinsamen Kindern wohnt sie in Berlin, folgt einem geordneten Alltag und ist umgeben von Menschen, die sie lieben. Regisseurin Nancy Biniadaki eröffnet ihren Film mit einer Idylle, die fast zu schön ist, um wahr zu sein. An einem Badesee verbringt die Familie einen unbeschwerten Sommertag. Doch einige nachdenkliche Blicke lassen schon erahnen, dass etwas unter der Oberfläche brodelt.

Als Tobi seiner Freundin wenig später während eines Streits gesteht, eine Affäre mit seiner Chefin zu haben, scheint Maysoon diesen Vertrauensbruch zunächst erstaunlich gut wegzustecken. Am liebsten würde sie umgehend wieder zur Tagesordnung übergehen. In Wahrheit öffnet sich durch dieses Ereignis jedoch eine lange verschlossen gebliebene Tür ins Innere der zweifachen Mutter, was das Leben Maysoons immer heftiger aus den Fugen geraten lässt.

Ganz nah an Gesichtern, Händen und Details

Sinnlich schweift die Kamera von Jean Marc Junge durch die Welt, rückt immer ganz nah ran an Gesichter, Hände oder Details wie einen flatternden Marienkäfer. Die Intimität der Bilder entspricht Maysoons distanzloser Wahrnehmung der Welt. Immer stärker wird sie von ihren Gefühlen überwältigt, die es ihr zunehmend unmöglich machen, vernünftig und rational zu handeln. Hauptdarstellerin Sabrina Amali gelingt es mit ihrem Spiel, nahtlos zwischen Gefasstheit, Empfindsamkeit, unkontrollierter Wut und erdrückender Angst zu wechseln.

Dass Maysoon Archäologin ist und Touristen durch die ägyptische Sammlung im Neuen Museum führt, hat für die Geschichte einen Grund. Während sich die Protagonistin nämlich beruflich ausgiebig mit der Vergangenheit beschäftigt, versucht sie sie im Privaten konsequent zu verdrängen. Nur am Rande erfährt man, dass Maysoon nach dem Arabischen Frühling nach Deutschland geflohen ist, ihren Bruder verloren und mit ihren Eltern gebrochen hat sowie aus Sicherheitsgründen nicht mehr zurück nach Ägypten kann. „Du bist meine Heimat“, sagt sie einmal zu Tobi und offenbart damit, wie verzweifelt und verloren sie sich manchmal fühlt.

Ein bedrohliches Dröhnen holt unverarbeitete Traumata hervor

Wie Maysoon regelmäßig von ihrer Vergangenheit eingeholt wird, vermittelt der Film vor allem über die Soundcollagen von Thalia Ioannidou. Immer wieder schwellen sie wie aus dem Nichts an und entfremden die Protagonistin von ihrer Umgebung. Mal sind es warme, verspielte Klänge, die in ihr Heimweh auslösen, mal ein bedrohliches Dröhnen, das unverarbeitete Traumata hervorholt. Zuflucht und Verständnis findet Maysoon im Kosmetiksalon ihrer Freundin. Die Räume sind dort auf irreale Weise lichtdurchflutet, im Hintergrund singt die syrische Sängerin Asmahan, und die Frauen sind hier mit ihren Sorgen unter sich.

Doch selbst dieser Ort gibt Maysoon irgendwann keinen Halt mehr. Bald zieht ihr Freund aus, ihr wird gekündigt, ihr Reisepass läuft ab und sie droht das Sorgerecht für ihre Kinder zu verlieren. Mit einem Mal zerfällt Maysoons vermeintlich gesicherte Existenz in Trümmer. Der Film versucht dabei die Migrationserfahrung seiner Protagonistin nicht zum Klischee zu vereinfachen, sondern ein Bewusstsein für ihre facettenreiche Persönlichkeit zu vermittelt. Maysoon ist Ausländerin in Deutschland, aber auch prekäre Arbeiterin, die von ihrem Freund finanziell abhängig ist, alleinerziehende Mutter, politische Aktivistin und liebevolle Freundin. Wo andere Filme Nuancen weglassen und Eigenschaften zuspitzen würden, bleibt „Maysoon“ stets in Bewegung, setzt auf Komplexität und strebt in mehrere Richtungen gleichzeitig.

Ein wenig unberechenbar und erratisch

Diese offene, mäandernde Erzählweise bedeutet allerdings auch, dass der Film von mehreren Dingen gleichzeitig erzählen will: von Maysoons drohender Abschiebung, dem Entzug der Kinder, der politischen Verfolgung und der Furcht, den Verstand zu verlieren; ohne sich dabei einer Richtung jemals ganz hinzugeben. Wie seine Heldin bleibt „Maysoon“ deshalb ein wenig unberechenbar und erratisch, verheddert sich teilweise in seinen verschiedenen Handlungssträngen und verliert das Wesentliche aus dem Blick. Konsequent ist diese Art der Erzählung jedoch, weil sie sich keiner Geschichte, sondern einer ambivalenten Figur und ihrer Zerrissenheit widmet. Die Gleichzeitigkeit verschiedener Herausforderungen führt deshalb auch zu keinem allzu versöhnlichen Ende, sondern zu einem realistischen: Maysoon bekommt ihre Freiheit, aber sie muss sie sich mit einem bitteren Kompromiss erkaufen.

Veröffentlicht auf filmdienst.deMaysoonVon: Michael Kienzl (18.12.2026)
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