Szene aus Me, We
Filmplakat von Me, We

Me, We

115 min | Komödie
Tickets
Szene %1 aus %Me, We
Szene %2 aus %Me, We
Szene %3 aus %Me, We
Vier ineinander verwobene Geschichten erzählen in dieser Tragikomödie von Flucht, Migration und unseres und Europas alltäglichen Umgangs damit. Marie, eine junge Freiwillige, fährt ans Mittelmeer, um zu helfen. Der halbstarke Marcel gründet einen Geleitschutz für Frauen aus Angst vor angeblichen übergriffigen Migranten. Die Redakteurin Petra nimmt einen minderjährigen Flüchtling bei sich auf. Und der Asylheimleiter Gerald wird von einem seiner Schützlinge auf eine harte Probe gestellt. ME, WE - das ist das kürzeste Gedicht aller Zeiten und bringt die Realitäten der gegenwärtigen Migrationsgesellschaft auf den Punkt: Wer bin ich, und wer kann ich sein - und sind die anderen wirklich so anders? Von diesen Erfahrungen, die wir mit unserer Begeisterung und Naivität, mit unserer Skepsis und Ohnmacht machen, erzählt der Film und fokussiert dabei auf die feinen Zwischentöne, die dieses vielfältige Zusammenleben für alle bedeutet.

Filmkritik

Österreichische Frauen sollen sich sicher fühlen, wenn sie abends nach Hause gehen. Dafür will Marcel mit seinen Kumpels sorgen. Die Schuldigen für die sich angeblich verschärfende Sicherheitslage haben die eher wie Milchbubis denn wie harte Kerle aussehenden Teenager bereits ausgemacht: Ausländer. Mit der Initiative „Schutzengel“ wollen sie Frauen kostenlos und per Moped vor die Haustür kutschieren. Doch es finden sich kaum Frauen, die sich bedroht fühlen, sehr zum Frust von Marcel (Alexander Srtschin). Der junge Mann wohnt bei seiner Schwester und verübelt es ihr, dass sie mit einem Muslim liiert ist.

Auch bei den anderen drei Hauptfiguren des Episodenfilms „Me, We“ kollidieren gute Absichten mit der Wirklichkeit. Die Fernsehjournalistin Petra (Barbara Romaner) wohnt in einem geräumigen Haus und gewährt dem minderjährigen Asylbewerber Mohammed Unterschlupf. Der wartet seit drei Jahren auf sein Verfahren; sie will ihn so vorbereiten, dass sein Antrag auf Asyl Erfolg hat – Zwangstaufe inklusive. Doch Petra hat Mohammeds Heimweh nach seinem Ursprungsland unterschätzt und auch seine Widerstandskraft; denn er lässt sich nicht so (um-)formen, wie Petra es gerne hätte. Sie bevormundet ihn ständig und ist verärgert, dass ihre gut gemeinten, aber nicht immer guten Denkanstöße bei Mohammed nicht fruchten. Dass er beispielsweise Egon Schieles Aktmalereien nicht mag, hält sie für Sexismus.

Ein doppelter Notfall

Gerald (Lukas Miko) hingegen leitet ein Wiener Asylbewerberheim und hat es dort mit vielen entwurzelten, oft zornigen jungen Männern zu tun. Auch hier werden Worte und Gesten von beiden Seiten immer wieder missinterpretiert. Vor allem der Afrikaner Aba tanzt aus Geralds Sicht aus der Reihe. Der traumatisierte junge Mann hat einen eigenen Willen und ist mitunter aggressiv. Gerald nimmt Abas Betragen persönlich und nutzt seine Machtstellung dabei schamlos aus.

Die idealistische Marie (Verena Altenberger) ist nach Lesbos gereist, wo sie gemeinsam mit anderen jungen Helfern Flüchtlinge, die übers Meer gekommen sind, inoffiziell in Empfang nimmt und versorgt. Marie muss dabei lernen, sich in ihrem Camp einzuleben und den richtigen Umgang mit den Geretteten zu finden. Doch das gelingt nur bedingt, weil sie sich von einem stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn leiten lässt. Als sie auf einem NGO-Schiff anheuert, das in Seenot geratene Flüchtlinge retten soll, wird dem Schiff plötzlich die Flagge entzogen. Die griechischen Behörden sabotieren die Hilfsabsichten der Seenotretter. Doch dann ereignet sich ein doppelter Notfall.

Gute Absichten & erwartbare Friktionen

In dem Drama „Me, We“, das auf das kürzeste, von Muhammad Ali verfasste Gedicht der Welt anspielt, erzählt Regisseur David Clay Diaz von Alteingesessenen und Neuankömmlingen, Europäern und Neu-Europäern, Vorurteilen, gutem Willen und großen Sympathien, aber auch von den Schwierigkeiten der Kommunikation. Denn so sehr viele liberale Europäer (theoretisch) auch gewillt sind, Menschen aus anderen Kontinenten aufzunehmen, so sehr offenbaren sich vorgefasste Meinungen und Dünkel, wenn Nichtmigranten und Migranten aufeinandertreffen. Alle Helfer und Helferinnen in „Me, We“ sind von guten Absichten geleitet. Doch die meisten möchten, dass die Migranten funktionieren, und erweisen sich als schlechte Psychologen, weil sie sich in die komplexen Gefühlslagen ihrer Schützlinge nur unzureichend hineinversetzen können.

Wenn in (relativem) Wohlstand lebende Sesshafte auf Heimatlose treffen, prallen aber auch unterschiedliche Kulturen aufeinander. Menschen, die Asyl suchen, fühlen sich oft zu Recht überheblich behandelt oder, manchmal auch zu Unrecht, übervorteilt. An einem so beengten Ort wie einem Wohnheim entladen sich Konflikte allerdings oft zwangsläufig, auch unter den Bewohnern.

Der Film zeigt Konfliktsituationen beispielhaft und bisweilen auch demonstrativ an verschiedenen Szenarien auf. Dass inkompatible Charaktere sich zuweilen aneinander reiben und auch amouröse Gefühle bei humanitären Aktionen hinderlich sein können, wird mal expliziter, mal subtiler inszeniert. Außerdem befinden sich Helfer wie Gerald sehr unter Druck, und das in einer Öffentlichkeit, die von fremdenfeindlichen Boulevardzeitungen und Plakaten rechter Parteien beeinflusst wird. Die ihrerseits wiederum das Weltbild eines jungen Mannes wie Marcel beeinflussen. Dass aber auch Bildung nicht vor Vorurteilen schützt, beweist die Fernsehjournalistin Petra.

Auch heitere Noten klingen an

Marie dagegen steht für den Typus derer, die sich ganz von ihrem Engagement bestimmen lassen und dabei ihre eigenen Bedürfnisse hintanstellen, während ihre pseudoliberalen Eltern ihr Handeln eher als Phase abtun und sich mehr um die gemeinsame Familienfeier in der Toskana sorgen. Maries naiver Übereifer kontrastiert mit dem Pragmatismus von Geralds Kollegen im Heim beziehungsweise mit Geralds in Bösartigkeit ausartender Überforderung. Mitunter schlägt der Film auch die eine oder andere heitere Note an, etwa bei Marcels Bemühungen, der sein Anliegen am Ende zaghaft selbst hinterfragt.

Bedauerlich ist aber, dass das Drehbuch die Erzählstränge nicht miteinander verknüpft und dass keine der Episoden die angemessene Tiefe gewinnt, um die Komplexität der jeweiligen Situation angemessen zu veranschaulichen. Aufschlussreich sind dagegen Überlegungen, dass die Helfer:innen sich nicht nur nützlich fühlen wollen, sondern für ihr teils ehrenamtliches, teils professionelles Engagement auch Anerkennung verlangen und damit das Konzept der Uneigennützigkeit ad absurdum führen. Als sarkastisches Leitmotiv dient die im Hintergrund präsente Fußball-Europameisterschaft 2021, die in mehreren europäischen Städten parallel ausgetragen wurde und ein vereintes Europa beschwor, was der Film als Wunschtraum entlarvt.

Erschienen auf filmdienst.deMe, WeVon: Kira Taszman (22.1.2023)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
Über Filmdienst.de Filmdienst.de, seit 1947 aktiv, bietet Filmkritiken, Hintergrundartikel und ein Filmlexikon zu neuen Kinofilmen aber auch Heimkino und Filmkultur. Ursprünglich eine Zeitschrift, ist es seit 2018 digital und wird von der Katholischen Filmkommission für Deutschland betrieben. filmdienst.de