Vorstellungen
Filmkritik
Vor 200 Jahren gab es kein Wort dafür, doch inzwischen schwirrt es durch alle Kanäle: die Menopause. Nachdem die Wechseljahre Jahrzehnte totgeschwiegen wurden, hat sich das Thema vom Tabu- zum Trendthema entwickelt. Frauen teilen ihre Symptome und tauschen sich über Behandlungsmethoden aus. Wissenschaftlerinnen und Schauspielerinnen schreiben Bücher darüber, von Halle Berry über Naomi Watts bis zu Miranda July, Unternehmen machen Geschäfte damit. „Menopause is Having a Moment“, betitelte das Magazin „New Yorker“ einen Artikel, der mit dem treffenden Satz schloss: „Die Menopause (ist), ähnlich wie der Tod, etwas, das anderen Menschen widerfährt, bis es einem selbst widerfährt.“
Befremden gegenüber dem eigenen Körper
Auch der Dokumentarfilm hat vor einiger Zeit die Menopause als Gegenstand entdeckt. Wie in den anderen Medien begegnet man auch hier einer Mischung aus Erfahrungsbericht, wissenschaftlichen Studien in „einfacher Sprache“ und Ratgeber. „Mein neues altes Ich“ fügt sich in dieses Schema nahtlos ein. Nach einem persönlichen Intro, in dem die Regisseurin Louise Unmack Kjeldsen das Befremden gegenüber ihrem eigenen Körper beschreibt („Zum ersten Mal weiß mein Körper nicht, was er zu tun hat“), begibt sie sich auf eine Recherchereise nach Bergen, Chicago und Melbourne, um Hintergründe über das „Mysterium der Menopause“ zu erfahren.
In Gesprächen mit Wissenschaftlerinnen und Expertinnen aus den Bereichen Gesundheitswissenschaft, Gynäkologie und Psychiatrie werden die Zusammenhänge zwischen Wechseljahren, Arbeitsmarkt und Alzheimer ergründet; es geht um die Scham und das Schweigen, um die systematische, von der männlich dominierten Wissenschaft praktizierte Bevormundung von Frauen, und die Auswirkungen von Studien auf das Leben von Frauen sowie um Forschung. Nachdem die Hormontherapie einige Zeit offensiv vermarktet wurde, geriet sie mit der Veröffentlichung einer Studie der „Women’s Health Initiative“ in Verruf und galt fortan als Risikofaktor für das Entstehen von Brust- und Gebärmutterhalskrebs. Auch wenn die Forschung inzwischen auf einem anderen Stand ist, konnte sich die Therapie danach nie wieder rehabilitieren.
Einen ungepflegten Troll in sich
Was der Film nicht ausreichend transparent macht, ist sein Fokus auf schwerwiegende Beeinträchtigungen durch die Menopause. In Interviewcollagen berichten Frauen emotional merklich aufgewühlt von Veränderungen ihres Körpers, von Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Depressionen, Angstzuständen, plötzlichem Gedächtnisverlust und Arbeitsunfähigkeit. Von dem Gefühl, einen „ungepflegten Troll“ in sich zu haben, oder plötzlich mit einem weiteren, ziemlich unliebsamen Familienmitglied zusammenzuleben. Und darüber, nicht gehört zu werden. Zu Zeiten von Sigmund Freud wären sie als Hysterikerinnen klassifiziert worden. Wobei sich an diesem Umgang nicht allzu viel geändert hat. Das „Gespenst der hysterischen Frau“ ist in der Kultur noch immer präsent.
Louise Unmack Kjeldsen weist in ihrem Film immer wieder auf die problematische Verbindung von „Weiblichkeit“ und Fruchtbarkeit hin. Sie betont auch die systemische Abwertung und Ignoranz der Wissenschaft gegenüber der Frauengesundheit. Tatsache ist, dass das Wissen um die Menopause noch immer unzureichend vorhanden ist und die Erforschung von Gesundheitsproblemen, von denen überwiegend Frauen betroffen sind, generell unter Unterfinanzierung leidet. Wirklich diskursiv wird das Thema jedoch nicht angegangen. Letztlich läuft die Argumentation des Films auf eine recht eindimensionale Propagierung der Hormontherapie hinaus, zumal die betroffenen Frauen einstimmig von Behandlungserfolgen berichten.
Ein normatives Bild
Soziale Aspekte werden dagegen nicht benannt, ebenso wenig wie die Interessen der Pharma- und Lifestyle-Industrie. So arbeitet Unmack Kjeldsen auf ihre Weise gleichfalls an einem normativen Bild: etwa dem der gesunden Frau, die ihren Körper in- und auswendig kennt und beherrscht, bis die Menopause über ihr Leben hereinbricht. Und den es mit der Hormontherapie wieder zu reparieren gilt.



