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Meine Frau weint

93 minDrama
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Szenebild von Meine Frau weint 2
Ein gewöhnlicher Arbeitstag auf einer Baustelle. Thomas, ein 40-jähriger Kranführer, erhält einen Anruf von seiner Frau, die ihn bittet, sie vom Krankenhaus abzuholen. Er trifft sie weinend an.

„Es war eine neue Empfindung“, sagt Carla (Agathe Bonitzer) zu ihrem Mann Thomas (Vladimir Vulević). Sie spricht in einem zunehmend aufgebrachten Ton, der ihrer Erzählung einen hochdramatischen Nachdruck verleiht und sich Thomas erst allmählich offenbart: Nachdem sie gemeinsam einen Tanzkurs für Anfänger absolviert hatten, wollte er nicht mehr teilnehmen und ließ Carla allein weitermachen. Aber es tanzten alle paarweise, erzählt sie weiter, und es war ihr unangenehm, den Lehrer als Aushilfspartner annehmen zu müssen. So übte sie mit David, der später dazustieß, weiter. Und mit ihm, schließt Carla mit einem Blick zu Thomas, „war es noch besser als mit dir“. Sie wurde süchtig nach diesem Unterricht.

Die Unmöglichkeit, zu benennen, was Menschen zusammenhält

Noch weniger als bei ihren vorhergehenden Filmen lässt sich zunächst so recht sagen, wovon Angela Schanelecs „Meine Frau weint“ eigentlich handelt. Ihr Regiewerk entwickelt sich seit dem Debüt „Das Glück meiner Schwester“ (1995) aus Orten und Beziehungskonstellationen, dem Klang einer seltsam von klaren Affekten befreiten Sprache und innehaltenden Gesten, zuletzt auch aus antiken Mythen und persönlichen Verlusterfahrungen, in denen die Geschichten nie so ganz aufgehen. Aber um eines scheinen die rätselhaft ineinandergeflochtenen Begegnungen zwischen Liebenden und Getrennten, zwischen Arbeitskollegen und Zufallsbekannten in „Meine Frau weint“ alle zu kreisen: um die Unmöglichkeit, wirklich benennen zu können, was Menschen, was Paare und Familien zusammenhält.

Ein Anruf auf der Arbeit lässt Thomas zu einem kleinen Park eilen, der an ein Krankenhaus anschließt. Carla sitzt auf einer Holzbank und weint: Sie wollte David zu einem Wohnungsbesichtigungstermin im Berliner Umland begleiten. Aber unterwegs überholte ein Sattelschlepper das Auto, in dem beide gemeinsam saßen, und fuhr in sie hinein. Eingekeilt unterhalb des gekippten Lasters verstarb David sofort. Noch wenige Momente vorher, schluchzt Carla, hatten ihre nackten Füße die kratzige Matte unterhalb ihres Autositzes berührt, was sich wie eine merkwürdige Art von Massage anfühlte. Noch kurz zuvor hatten die zwischen ihnen gewechselten Worte den kompletten Innenraum des Wagens ausgefüllt.

Verlust und Verschwinden

Verlust und Verschwinden, das Gefühl, ohne jemanden plötzlich für sich selbst unkenntlich verwandelt zu sein, steht auch zwischen anderen Paaren in „Meine Frau weint“. Thomas’ Kollegin Andrée (Birte Schnöink) lebt getrennt von ihrem Mann Esteban (Thorbjörn Björnsson). Sie holt ihre Tochter aus dem einstmals als Familie gemeinsam bewohnten Haus ab, weiß aber nicht wohin: „Es gibt keinen Ort mehr, wo ich mit ihr sein kann.“ Esteban wiederum merkt, dass sein Alltag zuvor allein durch Andrées Anwesenheit geordnet war, er ohne sie nun haltlos wird. Ohne Liebe, sagt er, werde ihm bewusst, wie zart und brüchig das Leben doch sei.

Rund anderthalb Jahrzehnte lang, von „Orly“ (2010) bis „Music“ (2023), drehte Angela Schanelec zuletzt mit digitalen Kameras, was die gewohnte strenge Präzision ihrer Bildgestaltung merklich betonte, den Filmen aber auch zunehmend eine klinische Kühle verlieh. Mit der Rückkehr zum analogen 35mm-Material von Kodak scheint „Meine Frau weint“ nun förmlich in weichen Farbtönen und uneindeutig flirrenden Texturen zu zerfließen. Der Treptower Park und der Tiergarten, zwei der größten Grünanlagen Berlins, werden als zentrale Handlungsorte für Spaziergänge und Gespräche des Films selbst zu sich bewegenden Organismen: einem tosenden Farbenmeer aus sich durch schattenverhangene Baumkronen den Weg bahnenden violett-orangenen Lichtstrahlen.

Das nahezu Quadratische führt die Figuren zusammen

Sinnlich, geradezu körperlich wirkt auch das Bildformat des Films. Anders als bei Schanelecs „Der traumhafte Weg“ (2016), wo das kompakte 4:3-Seitenverhältnis zum Ausdruck einer zunehmend beengenden Welterfahrung innerhalb sich wandelnder Zeitläufte wurde, grenzt das nahezu Quadratische der Filmeinstellungen nicht ein, sondern führt die Figuren näher zusammen. Immer wieder gruppieren sich so bis zu fünf, sechs Personen im Bild und legen ihre Körper umeinander. Was dabei zwischen ihnen unaussprechbar bleibt, beschwören zuletzt die synchronen Bewegungen des Tanzes und die eingängige Weisheit der Popmusik. Leonard Cohen singt: „Yes, and Lover, Lover, Lover, come back to me.“ Geliebte, komm zurück zu mir.

Veröffentlicht auf filmdienst.deMeine Frau weintVon: Kamil Moll (16.4.2026)
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