







- Veröffentlichung22.01.2026
- RegieTimur Bekmambetov
- ProduktionRussland (2026)
Cast
Vorstellungen
Filmkritik
Der Handlungsbedarf steht außer Frage, denn Los Angeles ist im Jahr 2029 eine verkommene Stadt. Die Justiz hat längst kapituliert, weil zu viele das Recht in die eigene Hand nehmen oder in den ausufernden Slums untertauchen und sich so der Strafverfolgung entziehen. Doch gibt es ein neues Instrument, mit dem die Rechtsprechung wieder aufgerichtet werden soll. Hinter dem Namen „Mercy“, also „Gnade“, verbirgt sich ein computergestütztes Programm zur Verbrechenbekämpfung, das gleichzeitig ermittelt, richtet und das nur auf Fakten basierende Urteil sogleich umsetzt. Effizient, genau, emotionslos.
Das trifft auch Chris Raven (Chris Pratt). Als er unsanft geweckt wird, scheint die Nacht zuvor kurz und alkoholreich gewesen zu sein. Das Licht ist grell und der Kopf noch taub, und so begreift er zunächst nicht, dass er gefesselt und allein in einem Vernehmungsraum zu Sinnen kommt. Vor ihm auf dem Bildschirm erscheint „Richterin“ Maddox (Rebecca Ferguson), die den Fall übernehmen wird. Auch hier hat Raven zunächst keine Ahnung, um was für einen Fall es sich handelt. Als Polizist war er bislang ein Fürsprecher von „Mercy“ und hat dem virtuellen Justizapparat sogar den ersten Bösewicht überstellt. Doch nun steht er selbst unter Anklage – hilflos, gebunden und ohne Beistand.
Auf die Kommastelle genau
Genau das ist in dem Zukunftsthriller „Mercy“ von Timur Bekmambetov das ganz normale Procedere. Der Computer braucht keine zweite Meinung, keine alternativen Überlegungen oder Eventualitäten. Er kennt die Gesetze in all ihren Varianten und kann auf das ganze Internet zugreifen, in dem die Bevölkerung alle Daten und ihr ganzes Leben hochlädt; eine kurze Einwilligung, die man nicht ablehnen kann, macht es möglich. „Mercy“ ist Anwalt und Richter zugleich und berechnet die Schuld in Prozenten auf die Kommastelle genau – und Chris Raven ist zu 98 Prozent schuldig.
Für den Cop und Vater einer schulpflichtigen Tochter bricht von einer Sekunde auf die andere eine Welt zusammen. Seine Frau ist im gemeinsamen Einfamilienhaus brutal ermordet worden, und Richterin Maddox präsentiert unwiderlegbare Bild- und Tonbeweise, dass nur der Ehemann der Täter gewesen sein könne. Exakt 90 Minuten hat der in Tränen aufgelöste Raven Zeit, die Prozentzahl durch Argumente auf unter 92 zu drücken. Ansonsten wird der Gerichtsraum ohne weiteren Aufschub zur Todeszelle mit Aussicht auf den elektrischen Stuhl.
Regisseur Timur Bekmambetov fackelt nicht lang. Sein Zukunftsthriller nimmt den Zuschauer genauso gefangen wie den Protagonisten und lässt kaum Zeit, um Atem zu holen, geschweige denn einen klaren Gedanken zu fassen. Das Prinzip des vermeintlich eindeutigen Falls ist altbekannt, doch anders als etwa bei Sidney Lumets Justizklassiker „Die zwölf Geschworenen“ (1957) hilft niemand dem Angeklagten, indem er die Beweise infragestellt und ihm damit eine Atempause verschafft. Zeit, Ruhe und Überlegungen sind nicht vorgesehen, um Hintergründe, Motivationen oder gar die Schuldfrage zu erörtern. Hier gilt zu keiner Zeit die Unschuldsvermutung, im Gegenteil.
Alle Macht dem Computer
In „Mercy“ ist Überwältigung alles, denn nicht ohne Grund haben die Designer und Programmierer in naher Zukunft alle Macht dem Computer übertragen. Diese Entscheidung ist vermeintlich logische Folge der Überlastung eines Rechtssystems, die schon in der Gegenwart alles zu lähmen droht. Unendlich duplizierbare Richter von Maddox’ Schlag sollen die Gesellschaft säubern, und das mit Hochdruck. Die Uhr tickt im virtuellen Gerichtssaal und wird immer wieder eingeblendet.
„Mercy“ ist Hochdruckkino, das stakkatohaft eine Bilderflut präsentiert, die das Programm über dem Angeklagten ausbreitet. Wenn der Film einmal den Verhandlungsraum verlässt, dann nur über „Live“-Bodycams der Polizisten, die sich gerade durch die Stadt bewegen und via Drohnen-Hubschrauber ermitteln. Denn nach dem ersten Schock kommen Chris Raven peu à peu klarere Gedanken. Er verlangt Bildtelefonate mit seiner Tochter Britt (Kylie Rogers), seiner Kollegin JAQ (Kali Reis) oder seinem Kumpel Rob (Chris Sullivan), die ihm helfen sollen, binnen der noch verbleibenden Minuten sein Leben zu retten.
Zweifel an Ravens Unschuld muss man als Zuschauer nicht haben. Das versteht sich schon deshalb von selbst, weil er mit Chris Pratt mit einem Sympathieträger besetzt ist. Schon dadurch machen Bekmambetov und Drehbuchautor Marco van Belle unmissverständlich deutlich, dass es ihnen um eine kritische Darstellung all dessen ankommt, was nach Überwachungsstaat aussieht. Inklusive des Hinweises, dass eine Ermittlung, die nur im virtuellen Raum Fakten zusammenträgt und menschliche Einflüsse außen vor lässt, eventuell auch fehleranfällig sein könnte.
Wenn die Maschine den Menschen verifiziert
Eigentümlicherweise kokettiert der Film aber auch mit dem, was er eigentlich hinterfragen will. Denn auch Ravens Unschuld wird nicht durch Zeit, Ruhe und Überlegung bewiesen, sondern durch die Überwachung und das Computerprogramm, das sich – des Happy Ends wegen – selbst hinterfragt. Der Mensch und das Menschliche sind auch bei Bekmambetov nur dann maßgeblich, wenn sie von der Maschine verifiziert werden. Abgesehen davon gehen systemkritische Überlegungen im audiovisuellen Actionfeuerwerk des Films eher unter. Angesichts des ungebrochenen Glaubens an die „Vernunftfähigkeit“ von Maschinen wirkt der bereits 2024 produzierte „Mercy“ im KI-Zeitalter eher wie ein aus der Zeit gefallenes Actionspiel denn eine aktuelle Science-Fiction-Dystopie.
