Vorstellungen
Filmkritik
"Frühlingserwachen" mit all seinem fragenden Hineintasten ins Leben, mit seinen Bedrängnissen, mit Freud und Leid - hier von Jean Eustache so sehr verdünnt, zu seinem Stil gefiltert, daß kaum mehr etwas von erlebbarem Ausdruck übrig bleibt. Vor allem in der ersten Stunde werden kurze Szenen, die immer dann abbrechen, wenn man Sinn und Gehalt zu erkennen glaubt, so aneinandergereiht, als hätten sie keinen Zusammenhang. Erst vom letzten Drittel des Films her kann dieser Eindruck revidiert werden: all diese Momentaufnahmen runden sich dann doch zu einem Gesamtbild, gehören zum Leben, zur Erfahrungswelt des 13jährigen Daniel, der zunächst bei seiner Großmutter auf dem Lande aufwächst, zur Schule geht, mit den anderen Kindern spielt. Ein normales Leben ohne große Erlebnisse. Dann holt die Mutter ihren Sohn zu sich in die Stadt, in die enge Wohnung, die sie mit ihrem Lebensgefährten, einem spanischen Landarbeiter teilt. Mit dem Gymnasium, in das Daniel wollte, ist es nichts; es würde auch ohne Schulgeld zu viel kosten. Also kommt Daniel zu einem Mechaniker, ohne dort viel zu lernen. Hier in der Stadt ändert sich auch sein Freundeskreis; es sind keine Kinder mehr, mit denen Daniel sich trifft, im Cafe herumsitzt, sondern junge Burschen. Aber auch von ihnen lernt er nicht viel, obwohl er gerade im Alter der erwachenden sexuellen Neugier ist. Im Kino macht er es anderen nach, küßt zufällig vor ihm sitzende Mädchen, läuft aber vor dem Hellwerden davon; auf dem Rummelplatz tastet er Mädchen ab, die neben ihm im Gedränge stehen. Dann fährt er mit den anderen zu einer Tanzveranstaltung in einem Nachbarort, kann dort mit der kleineren Schwester eines von seinem Freund "eroberten" Mädchens Spazierengehen, im Gras liegen, es küssen - mehr nicht. Man geht wieder heim und er fährt zur Großmutter, in die Ferien. Und trifft seine kleinen Gespielen wieder. - Was diesen Film schleppend, ja fast langweilig macht, ist Eustaches schon in "Die Mama und die Hure" entwickelter Stil, den er hier weiter treibt, ist die mimische Ausdruckslosigkeit der Darsteller. Hier gibt es kein Gefühl zu beobachten oder gar mitzuerleben, weder Freude noch Schmerz, Hoffnung oder Enttäuschung. Die Atmosphäre sowohl im Dorf wie in der Kleinstadt scheint wohl richtig getroffen, wird aber nicht wirksam. Dieses fast stilisiert ablaufende Geschehen läßt den Zuschauer zu sehr in der Distanz. Eustache entzieht seinen Film auch dem Interesse des Zuschauers" weil viel zu wenig geschieht, äußerlich wie psychologisch, an dem kritische Reflexion ansetzen könnte. Bleibt nur die Feststellung, daß Martin Loeb, der sich an Jean-Pierre Léaud zu orientieren scheint, aber so verschlossen, so ausdruckslos agiert, daß er kaum menschliches Interesse auslösen wird, mit der Rolle des Daniel überfordert war.



