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Miss Holocaust Survivor

90 minDokumentarfilmFSK 12
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Szenebild von Miss Holocaust Survivor 1
Szenebild von Miss Holocaust Survivor 2
Szenebild von Miss Holocaust Survivor 3
In Haifa (Israel) findet einmal im Jahr ein einzigartiges Ereignis statt: Ein Schönheitswettbewerb für Holocaustüberlebende Frauen 12 Frauen im Alter von 77-95 Jahren flanieren einen Laufsteg entlang. Sie tragen ihre schönsten Kleider. Schmuck und Makeup zieren gealterte Gesichter und zerbrechliche Körper. Es ist der eigenartigste Schönheitswettbewerb der Welt. Denn die Frauen haben eines gemeinsam: Sie sind die letzte Generation der Holocaustüberlebenden. Diese Frauen sind der schlimmsten Hölle des 20. Jahrhunderts entkommen. Sie wurden ihrer Kindheit, ihrer Körper, ihrer Femininität und Freiheit beraubt. Trotzdem wurden sie Mütter, Großmütter, manche Urgroßmütter. Jetzt stehen sie dem Unvermeidlichen gegenüber: dem altersbedingten Verfall des eigenen Körpers.
  • Veröffentlichung09.11.2023
  • Radek Wegrzyn
  • Deutschland (2023)

In der israelischen Küstenstadt Haifa gibt es ein von evangelikalen Christen unterhaltenes Seniorenheim für Überlebende des Holocaust, die dort ihre letzten Jahre verbringen. Das Leben in der „Yad Ezer“-Einrichtung bewahrt viele von ihnen vor Einsamkeit und Altersarmut. Dort entstand Anfang der 2010er-Jahre auch die Idee eines „Miss“-Wettbewerbs für die betagten Bewohnerinnen, der seither alle zwei Jahre ausgetragen wird und in Israel und darüber hinaus viel – durchaus auch kontroverse – Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.

Es geht um die „innere Schönheit“

„Miss Holocaust Survivor“ von Radek Wegrzyn nutzt die Veranstaltung des Jahres 2018 zu einer Annäherung an den schillernden „Schönheitswettbewerb“. Ein Dutzend Frauen zwischen 77 und 98 Jahren werden in den Tagen vor dem Finale bei den Proben für die Show beobachtet. Die Kamera und der Tonmann mischen sich unter das aufgeregte Treiben und fangen viele Impressionen und Momente ein, die das Alter und das schwere Schicksal der Frauen fast vergessen lassen. Aus den Gesprächsfetzen entsteht ein buntes Bild unterschiedlichster Temperamente und Befindlichkeiten, das die Intentionen der Veranstalter unterstreicht, den Teilnehmerinnen ein Stück ihrer von den Nazis geraubten Jugend zurückzugeben. Die Jury, die am Ende die Gewinnerinnen kürt, ist während dieser knappen Woche immer mit dabei, da es um die Persönlichkeiten der Frauen geht, ihre „innere Schönheit“ und auch, wie sie mit der Last ihrer Vergangenheit zurechtkommen.

Die Kritik am Setting dieser von außen seltsam anmutenden Veranstaltung baut der Dokumentarfilm „Miss Holocaust Survivor“ geschickt mit ein, indem zu Stadtbildern aus Haifa, die das CinemaScope-Format pointiert nutzen, aus dem Off mehrmals kurze Radio-Diskussionen über Sinn und Unsinn an diesem sehr US-amerikanischen Format eingeblendet werden, bei dem auch eine weiße Stretch-Limousine nicht fehlen darf und der Gloria-Gaynor-Gassenhauer „I will survive“ unzählige Male ertönte. Doch auch wenn die Dramaturgie des Films auf die Show mit 2000 Gästen hin ausgerichtet ist, dient der Wettbewerb nur als geschickte Klammer für eine Annäherung an die beiden Hauptprotagonistinnen, die für sehr unterschiedliche Umgangsweisen mit den Wunden des Holocaust stehen.

Alle Zähne ausgerissen

Tova Ringer ist eine drahtige, kämpferische, nach allen Seiten hin abgegrenzte Frau, die mit sichtlicher Genugtuung jeden wissen lässt, dass sie 1923 geboren wurde und zur Drehzeit 95 Jahre alt war. Dabei sieht sie mindestens zwanzig Jahre jünger aus, was nicht nur an ihren Genen liegt, sondern auch an ihrer eisernen Ausdauer: Tag für Tag trainiert sie mindestens eine Stunde im Fitnessstudio. Über ihr Schicksal in den Konzentrationslagern hat sie selbst ihren engsten Angehörigen nur wenig erzählt. Doch vor der Kamera lassen sich die Erinnerungen nicht länger verdrängen; es zuckt in ihrem Gesicht und sie entblößt kurz ihr Gebiss, wenn sie die Tortur andeutet, dass ihr sadistische SS-Schergen statt eines schmerzenden Zahnes alle gesunden Zähne ausgerissen haben. Da wundert es kaum, dass Tova Ringer stolz darauf ist, dem Staat Israel sieben „Soldatinnen und Soldaten“ geschenkt zu haben, wie man in den Notizen zum Film lesen kann.

Mehr Aufmerksamkeit und erzählerische Hingabe schenkt der Film der 1934 geborenen Rita Kasimov-Brown, die in ihrem Leben viel ausprobiert hat und als Künstlerin mit ihren inneren Bildern in Berührung geblieben ist. Sie hat ihre Erinnerungen an den Holocaust in einem Buch festgehalten, in dem sie ihren Nachkommen genau schildern wollte, wie sie als achtjähriges Kind die „Grub“ überlebt hat, die für ihre Familie für 19 Monate und fünf Tage zum Versteck wurde. Ein lediglich 1,20 Meter hohes Erdloch unter dem Stall eines polnischen Bauern, das sie nur noch auf allen Vieren verlassen konnte, weil ihre Beine sie nicht mehr trugen. 1949 emigrierte sie in die USA, 1974 wanderte sie nach Israel aus; dort begann sie ihre Erlebnisse auch malerisch zu verarbeiten; eines ihrer Bilder hängt heute in Yad Vashem.

Ein Faible für bunte Kleider

Ihre stille, charismatische Persönlichkeit wird zum Zentrum von „Miss Holocaust Survivor“, die im Film viel Raum bekommt und zur eigentlichen Protagonistin aufsteigt; ihre schriftlichen Aufzeichnungen über das Leben in der „Grub“ werden mitunter durch sehr verhaltene Reenactments auch bebildert. Dann sieht man ein Mädchen in der Dämmerung auf einer Waldlichtung oder den Eingang zur „Grub“, in den von oben Licht fällt. Diese szenischen Nachstellungen wirken zunächst befremdlich, fügen sich aber in die visuelle Aufmerksamkeit des Films, mit der die eigensinnige Malerin und ihr Faible für hübsche bunte Kleider begleitet wird. So ist die Kamera auch mit dabei, wenn sie bei einem neuen Bild mit den Farben von Ton, Lehm und Erde ringt oder in der menschenleeren Festivalhalle über sich und den – auch religiös konnotierten – Sinn des Daseins nachdenkt.

Der Rummel der Show mit ihrer „I will survive“-Fanfare schrumpft darüber zu einer Handvoll obligatorischer Szenen, die vom Stress und den Zumutungen, aber auch der Euphorie erzählen, es im hohen Alter erneut geschafft zu haben. Ähnliches gilt auch für den Film als Ganzes, der in einem letzten Gespräch mit Rita Kasimov-Brown auf den Rummel und das Getriebe des Daseins blickt und gelassen-zuversichtlich nach vorne schaut.

Veröffentlicht auf filmdienst.deMiss Holocaust SurvivorVon: Josef Lederle (2.2.2024)
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