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Missing*Link

120 minDramaFSK 12
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Szenebild von Missing*Link 1
Szenebild von Missing*Link 2
Mia macht mit ihren seit Jahren getrennten Eltern und deren neuen Partner*innen Urlaub in einer Hüttensiedlung unweit eines großen Sees. Während sich die Erwachsenen um ‚happy-together’ bemühen, und Tine, Mias temperamentvolle Mutter, den zusammengewürfelten Familienladen leidlich zusammenhält, trifft Mia im Wald auf einen fremden Jungen, mit dem sie eine nie gekannte Freiheit erlebt. Doch der Junge trägt ein Geheimnis in sich. Am Morgen ihres 14. Geburtstags ist Mia verschwunden und das brüchige Familienkonzept steht Kopf. Die Konflikte der Erwachsenen eskalieren und Tine, die sich mit ihrer Angst um ihre Tochter, die einen Herzfehler hat, alleine fühlt, rechnet schließlich mit Allen und Allem ab. Indessen wird Mias neu gefundene Freiheit zusehends zur Gefahr, bis ihr Leben auf dem Spiel steht.
MISSING*LINK – ein mystisches Familiendrama, das mit lakonischem Humor und flirrender Intensität von Mutter und Tochter im Ausnahmezustand erzählt.

Später in der Erinnerung sind das vielleicht die Momente, die am wenigsten haften bleiben, aber wessen Kindheit und Jugend war nicht geprägt von selbst gewählter, zeitenthobener Ereignislosigkeit und freiwillig ausgekosteter Langeweile? Am Anfang von Michael Baumanns „Missing*Link“ liegt die 13-jährige Mia (Luca Brüggemann in ihrem Filmdebüt) im Licht eines Sommernachmittags auf ihrem Bett und starrt ins Leere. Von draußen durchs Fenster dringen Stimmen herein, die aufgekratzt und unternehmungslustig tönen. Ihre Mutter ruft, dass es bald Eistee und Hefezopf gebe, aber Mia verharrt lieber allein in ihrem Zimmer, einige undeutlich erkennbare Fotos neben sich liegend, mit sich selbst beschäftigt in Monotonie.

Durch jahrelange Wahlverwandtschaft verbunden

Mit Mutter Tine (Susanne Wolff) und deren Partner Achim (Martin Butzke) sowie dem jüngeren Halbbruder Mattis (Janosch Andreas) verbringt das Mädchen den Sommer in einer abgeschiedenen Bungalowanlage irgendwo im Schwarzwald. Die Urlaubsbewohner der Wohnsiedlung sind miteinander durch jahrelange Wahlverwandtschaft verbunden. Vor anderthalb Jahrzehnten kaufte Tine zusammen mit Mias Vater Falk (Wolfram Koch) dort ein Häuschen, der kleine Kreis an immer wieder anreisenden Nachbarn ist seitdem über die Jahre der gleiche geblieben. Doch dieses Jahr erscheinen statt einer Patchwork-Familie gleich zwei: Mit seiner neuen, rund 16 Jahre jüngeren Freundin Nadja (Margarita Breitkreiz) kommt auch Falk in die Siedlung, um Zeit mit seiner Tochter zu verbringen.

Kurz vor ihrem 14. Geburtstag ist der ritualisierte Ausnahmezustand der Sommerferien für Mia plötzlich eine neue Möglichkeit, das Leben außerhalb der Familie ausprobieren zu können: Allein spaziert sie durchs Schilf entlang eines Sees in der Umgebung und erblickt inmitten einer Gruppe badender Jugendlicher einen Jungen (Lennox Halm) mit sanfter Schramme im Gesicht, der sich etwas abseits hält und nicht dazuzugehören scheint. Verstohlen bewegt er sich von einem Badetuch zum anderen und entwendet heimlich Süßigkeiten. Mia und er, der lange namenlos bleibt, freunden sich an, streifen gemeinsam durch die Wälder und heulen sich, wolfsgleich wie in einer Geheimsprache, an, ohne dabei Worte zu benutzen. Mehrdeutig zeigt er ihr die abgelegte Haut einer Schlange, die sich ausgetrocknet um einen Baumstamm windet.

Ein lange gehütetes Familiengeheimnis

Durchaus mit Gespür fürs vielstimmig Rätselhafte erzählt „Missing*Link“ so zu Beginn von den allmählichen Häutungen der frühen Teenagerzeit. Doch leider vertraut der Film nicht lange auf seine fragilen Allusionen und Stimmungsbilder, verkompliziert und überlädt alsbald die Geschichte. Die Ursache für eine lebenslange Erkrankung am Long-QT-Syndrom, die Herzrhythmusstörungen zur Folge hat, führt Mia zu einem lange gehüteten, traumatischen Familiengeheimnis, das am Ende alles erklären wird: die Herkunft des mysteriösen Jugendlichen ohne Namen wie auch das, was sie auf im Bungalow aufgefundenen Bildern ungläubig zu erkennen glaubt.

„Verdammt lang her und dann doch wieder nicht“, sagt Falk beim Betrachten einer uralten Tasse, auf der sein einst jung wirkendes Gesicht gedruckt ist. 1993, als die Fotografie entstand, merkt Nadja an, ist sie gerade erst ins Gymnasium gekommen. Inmitten seines arg saturiert wirkenden Mittelschichtskosmos möchte „Missing*Link“ auch von den Kränkungen und Enttäuschungen des Älterwerdens erzählen. Dafür findet der Film eine zunehmend schwerfällige Symbolsprache: der zu Bruch gehende Becher, die sich in ersehnter Embryohaltung umeinanderwindenden Schwimmenden.

Wie eine Brücke zwischen zwei Inseln

„Kinder stehen zwischen Elternteilen wie eine Brücke zwischen zwei Inseln“, heißt es an einer Stelle im Film. So behäbig wie überdeutlich ausformuliert möchte „Missing*Link“ zwei Stunden lang zwischen all seinen thematischen Fäden vermitteln: Zwischen der sich weitenden Empfindungswelt der Jugend und den selbstzentrierten Befindlichkeiten des mittleren Alters, zwischen unterschiedlichen Vorstellungen, wie sich als immer wieder neu konfigurierte Patchwork-Familie gemeinsam leben lassen könnte, und zwischen all den unterschiedlichen Lebensentwürfen, an denen ein solches Zusammenleben letztlich scheitern muss. In der Evolutionsbiologie bezeichnet der titelgebende Missing Link gleichwohl ein Bindeglied, das notwendigerweise eine Überlieferungslücke zwischen zwei ausgeformten Elementen bleiben muss. Auch der Film wäre besser beraten gewesen, nicht alles lückenlos zusammenzudenken und uneindeutig schillernde Leerstellen lieber anzunehmen, anstatt sie zu beseitigen.

Veröffentlicht auf filmdienst.deMissing*LinkVon: Kamil Moll (20.4.2026)
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