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Filmkritik
Unnahbar und anmutig wirkt die Popsängerin Mother Mary (Anne Hathaway), während sie ihre hocherregten Jünger bei einem Konzert beglückt. Ihr Markenzeichen ist bezeichnenderweise ein opulenter Kopfschmuck, der einen Heiligenschein darstellen soll. Die Frau hinter dieser Pop-Persona ist dagegen zweifelnd und unsicher. Nach einem Unfall will sich Mary für ihr anstehendes Comeback neu erfinden, aber wie? Radikal anders soll ihr Bühnenkostüm sein und der ultimative Ausdruck ihrer Persönlichkeit.
Deshalb sucht der Popstar die Kostümbildnerin Sam (Michaela Coel) auf, die in einem entlegenen Chalet im grau verregneten England arbeitet. Bis zu ihrem Zerwürfnis vor zehn Jahren waren die beiden Frauen privat und geschäftlich ein Herz und eine Seele. Warum sie sich voneinander entfremdet haben, bleibt zunächst unklar, aber die holprige Wiederbegegnung zeigt, dass die Trennung tiefe emotionale Narben hinterlassen hat. Die Sängerin wird nun zur verzweifelten Bittstellerin, weil nur ihre ehemalige Weggefährtin sie gut genug kenne, um das gewünschte Kleid anzufertigen. Sam versucht währenddessen mit süffisant sarkastischer Art in einer überlegenen Position zu bleiben, an die sie sich aus verletztem Stolz klammert.
Der Leistungsdruck des Ruhms
Der Film von David Lowery handelt von zwei Frauen, die sich mit ihrer beschädigten Beziehung auseinandersetzen müssen. Es geht um den Leistungsdruck des Ruhms, um die Herausforderungen einer Freundschaft und um emotionale Wunden, die nicht heilen wollen. Von den Schauwerten, die „Mother Mary“ zu Beginn mit einem spektakulären Live-Auftritt auffährt, bekommt man im restlichen Film nur noch wenig zu sehen. Stattdessen bleibt es kammerspielartig und dialoglastig, während sich die beiden Protagonistinnen im schummrigen Licht einer verlassenen Stallung umkreisen und nur sehr zögerlich öffnen. Lange wird dabei ein wenig geziert um den heißen Brei herumgeredet. Eigentlich sollte die Vergangenheit aufgearbeitet werden, aber der Film bleibt bei bedeutungsschwangerer Geheimniskrämerei.
Zugleich brodelt von Anfang an etwas Bedrohliches unter der glatten Oberfläche der Bilder. Als Mary ohne Musik die Choreographie ihrer neuen Nummer vorführen soll, wird daraus ein exzessiver und gewaltvoller Tanz, bei dem sie sich wie besessen durch den Raum wirft. Ihre Darbietung scheint ihren inneren Schmerz auszudrücken, aber woher er genau rührt, das bleibt im Film höchstens diffus. Schuld, Verständnis und Vergebung spielen eine bedeutende Rolle für Mary und Sam, aber solche großen Themen bleiben im Film blutleer. „Mother Mary“ ist so damit beschäftigt, sich Publikumserwartungen zu verweigern, dass er darüber ganz vergisst, die Seelenqualen seiner Figuren emotional zu vermitteln.
Im Backstage-Bereich Kontakt mit dem Jenseits
Später fühlt man sich dann plötzlich wie in einem Horrorfilm. Im Backstage-Bereich nehmen Mary und ihre Kolleginnen Kontakt mit dem Jenseits auf. Eine ungreifbare, geisterhafte Präsenz, die als rotes Tuch durch die Luft flattert, hält plötzlich Einzug in den Film. Für eine Weile wird „Mother Mary“ beklemmender und albtraumhafter, seine stylischen Bilder betörender. Mary und Sam erfahren, dass sie diese Erscheinung unabhängig voneinander gesehen haben und dass sie ihr den Garaus machen müssen. Es folgt ein okkultes Ritual zwischen Body Horror und Exorzismus, aber der Geist wirkt längst nicht mehr ungreifbar und unheimlich, sondern hat sich als schale Allegorie für die beschädigte Freundschaft der beiden Frauen entpuppt.
Lowery setzt auf eine symbolreiche Inszenierung, ohne ihr ein entsprechendes inhaltliches Fundament zu verleihen. Innere Dämonen mutieren hier zu übernatürlichen Wesen, aber Mary und Sam sind derart abstrakt und allgemein charakterisiert, dass diese Verwandlung keine rechte Wucht besitzt. Zwar entwickeln manche surrealen Bilder oder spannungsreiche Momente zwischen den Hauptdarstellerinnen eine gewisse verführerische Faszination, doch am Ende fühlt man sich doch in erster Linie von der ständigen Hinhaltetaktik des Films zermürbt.








