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Nachbeben

92 minDramaFSK 12
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Auf der überlasteten Schlaganfallstation eines Krankenhauses beginnt der Tag für die erfahrene Neurologin Alexandra wie so viele zuvor: zu wenig Personal, zu viele Entscheidungen, ein ständiger Kampf gegen die Uhr. Alexandra arbeitet schnell, präzise, routiniert – eine Ärztin, die gelernt hat, im Ausnahmezustand zu funktionieren. Als der 18-jährige Oliver mit seiner Mutter Camilla die Station betritt, wirkt sein Zustand zunächst unspektakulär. Alexandra stuft seine Symptome als harmlos ein, eine Kollegin äußert leise Zweifel – doch in der Hektik der Station verhallen Warnungen leicht. Oliver wird nach Hause geschickt, doch nur kurze Zeit später bricht er in der Station zusammen ... Was darauf folgt, ist ein präzise beobachteter, psychologischer Thriller: Eltern suchen Antworten, Kolleg:innen rücken ab, Hierarchien beginnen zu wanken. Und mittendrin Alexandra – konfrontiert mit der Möglichkeit eines folgenschweren Irrtums und den emotionalen Nachwirkungen eines Moments, der ihr Selbstverständnis erschüttert...
NACHBEBEN (IT: Second Victims) ist das bewegende, mitreißende und mehrfach preisgekrönte Spielfilmdebüt der jungen dänischen Schauspielerin und Filmemacherin Zinnini Elkington: Ein intensiver und tief menschlicher Blick auf die Verantwortung, die Menschen in medizinischen Berufen auf sich laden müssen. Der Film beschreibt das kaum beachtete „Second-Victim-Syndrom“: Den seelischen Preis, den medizinisches Personal zahlt, wenn bei Behandlungen Fehler passieren. In konzentrierten Bildern und leisen Zwischentönen zeigt der Film ein System, das seine Menschen permanent an die Grenze ihrer Belastbarkeit führt.

Für die Neurologin Alex (Özlem Sağlanmak) beginnt der tägliche Dienst auf der Schlaganfallstation eines dänischen Krankenhauses. Im Umkleideraum unterhält sie sich mit dem Chirurgen Esben (Olaf Johannessen) und der Assistenzärztin Emilie (Mathilde Arcel), die zum ersten Mal alleine eine Schicht übernimmt. Außerdem ist ein Kollege erkrankt, weshalb Alex auch die Einteilung übernimmt. Eine ältere Frau wird mit Verdacht auf Schlaganfall eingeliefert. Da sie sich kaum verständigen kann und man nicht weiß, ob sie Medikamente nimmt, gestaltet sich die Behandlung schwierig. Der Sohn, der erst später eintrifft, wird aggressiv, was den Stress für alle erhöht. Als Alex der Frau eine Thrombolyse spritzen will, ruft Emilie an. Sie hat eine Frage zu einem jungen Patienten mit Nackensteifheit und möchte von Alex eine zweite Meinung einholen.

Sorgen wegen Kopfschmerzen

Alex eilt zu ihr und untersucht den jungen Mann namens Oliver (Jacob Spang Olsen), der an dem Tag seinen 18. Geburtstag feiert und schnell nach Hause möchte. Seine Mutter Camilla (Trine Dyrholm) ist besorgt wegen seiner Kopfschmerzen, doch Oliver ist guter Dinge und flirtet sogar ein wenig mit Alex. Emilies zaghaften Vorschlag, bei Oliver sicherheitshalber ein MRT machen zu lassen, wiegelt Alex ab. Ihr Kollege Ragnar beschwere sich immer, dass die Notaufnahme ihm zu viele MRTs aufbrumme. Sie entlässt Oliver und stürzt wieder zu der Schlaganfallpatientin hinüber, bei der Komplikationen aufgetreten sind.

Kurz darauf bricht Oliver zusammen und erbricht sich. Beim MRT wird eine Hirnblutung diagnostiziert. Jede weitere Behandlung ist von nun an mit hohen Risiken verbunden. Esben verweigert die Operation, da ihm die Gefahr einer Gefäßruptur zu hoch erscheint. Aus dem Koma, in dem Oliver nun liegt, wacht er aber womöglich nicht wieder auf.

Den schwierigsten Tag im Berufsleben einer eigentlich erfahrenen und zuverlässigen Ärztin behandelt Regisseurin Zinnini Elkington in „Nachbeben“ im Rahmen eines klassischen Dramas innerhalb 24 Stunden. Der Film fängt am frühen Morgen an und hört im Morgengrauen des nächsten Tages wieder auf. Doch in der Zwischenzeit spielen sich dramatische und lebensverändernde Szenen ab und Menschen geraten in tiefe Trauer. Wie auch in „Heldin“ thematisiert „Nachbeben“ die mangelnde personelle Ausstattung der Krankenstationen, den daraus resultierenden Stress für das Personal und die schwerwiegenden Folgen, die aus Notsituationen entstehen.

Der Film erzählt konsequent aus der Perspektive der Ärztin und heftet sich buchstäblich an ihre Fersen. Die hektische Handkamera verfolgt die Protagonistin auf Schritt und Tritt und aus allen Blickwinkeln. Im Hintergrund sind dabei oft die etwas krampfhaft farbenfroh gestalteten Korridorwände des Krankenhauses zu sehen. Rot-orangefarbene Kreise im Stil der 1970er-Jahre bilden optische Illusionen und stehen auch für die Verwirrung des Personals, das sich fehlleiten lassen kann. Dabei sollen die aufdringlichen Dekorationen die Patienten offenbar bei Laune halten, doch dies ist angesichts des Andrangs auf der Station schwer. Oft sitzen hilflose Menschen in den Korridoren und sind auf sich allein gestellt. Andere verlangen vergeblich nach einer Behandlung, während Ärzte nicht einmal Zeit für die Entlassung der genesenen Patienten haben.

Eine Ärztin unter Stress

Bei den Patienten und ihren Angehörigen brechen sich die unterschiedlichsten Emotionen Bahn: Angst, Wut, aber auch unbegründeter Optimismus, der durch Unwissenheit und Verdrängung entsteht. Auch die Ärztin handelt in der Stresssituation nicht souverän. Sie steht ebenfalls unter Schock, gibt Angehörigen wider besseren Wissens unnötig Anlass zur Hoffnung. Eine Krankenschwester und schließlich auch die junge Assistenzärztin zeigen mehr Reife und emotionale Intelligenz als Alex.

Wie schützt man als Arzt angesichts von großem Leid seine eigene Psyche? Wie geht man mit Selbstzweifeln und Gewissensbissen um? Und wie setzt man sich gegen selbstbewusst auftretende ältere Kollegen durch, wenn eine bestimmte Untersuchung über Leben und Tod entscheiden kann? All diese Fragen stellt „Nachbeben“ und macht es dabei weder der Protagonistin noch dem Publikum einfach. Auch die sogenannten Götter in Weiß sind Menschen, also fehlbar. Alex sagt dazu: „Medizin ist keine absolute Wissenschaft.“

Obwohl am Ende der Soundtrack mit klagender Musik dick aufträgt und die ansonsten souveräne Regie etwas ins Wanken bringt, kann der Film sein Anliegen überzeugend vermitteln. Neben der Solidarität der Ärzte untereinander zeigt er allerdings auch, wie sie sich schon im Vorfeld gegen drohenden juristischen Streit in Stellung bringen und ihre Unschuld beteuern. Während Trine Dyrholm sich in der Rolle der besorgten Mutter etwas zu sehr in den Vordergrund drängt, überzeugt Özlem Sağlanmak in der Hauptrolle einer aus ihrer Routine geworfenen Medizinerin. Auch die Nebenrollen sind gut besetzt. Das packende Krankenhausdrama stellt wichtige moralische Fragen und thematisiert am Beispiel des Gesundheitssektors drängende Probleme in der modernen Arbeitswelt.

Veröffentlicht auf filmdienst.deNachbebenVon: Kira Taszman (29.4.2026)
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