Vorstellungen
Filmkritik
Weltweit, heißt es am Ende von „Nawi - Dear Future Me“, gibt es über 640 Millionen Frauen und Mädchen, die vor ihrem 18. Lebensjahr (zwangs-)verheiratet wurden. Jahr für Jahr werden nach Schätzung der UNICEF etwa zwölf Millionen Heranwachsende in eine Kinderehe gezwungen. Das sind erschreckende Zahlen, von denen man vielleicht schon mal gehört hat, die im gesellschaftlichen Diskurs aber kaum präsent sind.
Am Anfang des von Vallentine Chelluget, Apuu Mourine, Kevin Schmutzler und Tobias Schmutzler inszenierten Films stehen andere Zahlen: „Acht Kamele, sechzig Schafe, hundert Ziegen“, hört man im Off die dreizehnjährige Protagonistin Nawi. Das ist der Brautpreis, den ihr Vater Eree für sie erhandelt hat. Nawi ist seine einzige Tochter und daher auch das einzige Mädchen der aus Eree, seinen drei Frauen und deren Kindern bestehenden Großfamilie, die in der ländlichen Turkana-Region im Norden von Kenia lebt. Der Bruder des Vaters wohnt mit seiner Familie auf dem gleichen Fleck. Man haust in mehr oder weniger solide gebauten Hütten, lebt von der Viehzucht und dem, was der ausgedorrte Boden hergibt.
Ein Tagebuch für die Zukunftswünsche
Nawi ist zusammen mit den drei „Mutter“ genannten Frauen für den Haushalt zuständig. Sie holt frühmorgens an der nahezu ausgetrockneten Quelle Wasser, ist aber in Eile, weil sie unbedingt rechtzeitig in der Schule sein will. Es ist der letzte Tag vor den großen Ferien; das Abschlussexamen steht an. Nawi möchte den Sprung aufs Gymnasium schaffen und unbedingt eine gute Note erreichen. Ihr etwa gleichaltriger (Halb-)Bruder Joel besucht mit ihr zusammen dieselbe Klasse. Er ist ihr Vertrauter und engster Freund und wartet, damit sie nicht zu spät zur Schule kommen, mit dem vom Vater „entliehenen“ Fahrrad auf sie. Anders als seine Schwester hegt Joel keine großen Pläne, sondern will in die Fußstapfen des Vaters treten. Als Nawi nach der Prüfung im Klassenzimmer zurückbleibt, drückt ihr die Lehrerin – sie heißt Madame Christine, ist jung, fesch, hat kurzes Haar, fährt Motorrad und ist, anders als die Frauen in Nawis Familie, nicht traditionell, sondern modern gekleidet – ein Tagebuch in die Hand; darin soll Nawi ihre Zukunftswünsche notieren.
Nawi ist begeistert. Sie zeichnet auf der ersten Seite sorgfältig einen Kalender für die kommenden Tage und Wochen. Mit „Dear Future Me ...“, mein liebes zukünftiges Ich, beginnt sie ihren ersten Eintrag und träumt sich – im Film auch bildlich dargestellt – in eine Zukunft hinein, die sie in einem Flugzeug aus ihrer kleinen Welt in die große Welt hinausträgt. Nawi möchte Pilotin werden, vielleicht aber auch Anwältin, Architektin oder Designerin. Einige Tage später schreibt sie in ihr Tagebuch, dass sie doch nicht niemand sei, zudem wünscht sie sich, dass ihre Stimme in der Welt gehört werden soll.
Nur eine von Millionen
Nawis Tagebucheintragungen ziehen sich als roter Faden durch den Film, der ein Schicksal beschreibt, das exemplarisch für Millionen anderer Mädchen und Frauen steht. „Ich bin nur eine von Millionen“, ist sich Nawi denn auch bewusst. Gleichwohl kämpft sie unerschrocken, tapfer und mutig gegen das an, was nicht sie, sondern andere – ihr Vater und andere männliche Vertreter der traditionell patriarchalisch organisierten Gesellschaft – für ihre Zukunft bestimmen. Es ist das Gegenteil von dem, was das Mädchen sich vorstellt, als sie mit Bestnoten die Schule abschließt und gewissermaßen ein Freiticket ans „Alliance Gymnasium“ im fernen Nairobi in die Hand gedrückt bekommt.
Der Grund dafür ist, dass Nawis Mutter Rosemary wieder schwanger ist und somit neue Ausgaben auf die Familie zukommen. Das könnte Eree vielleicht noch bewältigen. Doch ausgerechnet jetzt möchte der Sohn seines Bruders heiraten. Der Bruder muss demzufolge den Brautpreis stellen und fordert von Eree entliehenes Geld zurück. So sieht sich Eree gezwungen, auf das Angebot eines reichen Mannes einzugehen, der seit Längerem ein Auge auf Nawi geworfen hat. Nicht nur Nawi, sondern auch Joel, Rosemary und Madame Christine sind geschockt, als sie davon erfahren. Doch da Frauen und Kinder nichts zu sagen haben, und die Männer ihnen gegenüber hemmungslos Gewalt anwenden, laufen sie mit ihren Versuchen, Nawi vor der Ehe zu retten, auf.
Härte und zauberhafte Leichtigkeit
Es ist eine harte Coming-of-Age-Story, die „Nawi - Dear Future Me“ erzählt. Gleichwohl wohnt dem Film auch eine zauberhafte Leichtigkeit inne. Sie rührt von der Solidarität zwischen den Jugendlichen, aber auch von den wenigen Erwachsenen her, die Nawi auf ihrem Weg helfen. Zudem ist es auch das Verdienst einer Erzählweise, die weitgehend Nawis Sicht einnimmt und Brutales und Schreckliches zwar andeutet, aber im Bild kaum je voll sichtbar werden lässt. Stattdessen fokussiert die Erzählung auf stille Momente der Hoffnung und unverhofft aufflammender Heiterkeit und Lebensfreude, etwa einen schweigend ausgetauschten Blick zwischen Joel und Nawi, der ihr die Flucht erlaubt. Einige unbeschwerte Tage, die Nawi im Kreis von zwei Fischern und einiger Jugendlicher auf der Paradiesinsel verbringt, wobei sie ihre Berufung als Lehrerin entdeckt.
„Nawi - Dear Future Me“ ist auf Anregung der in Kenia tätigen Organisation „Learning Lions“ entstanden, die junge Kenianerinnen beruflich fördert. Die Organisation trat an Kevin und Tobias Schmutzler heran, die zusammen mit den Kenianerinnen Vallentine Chelluget und Apuu Mourine für die Regie verantwortlich zeichnen. Dem Film liegt eine Kurzgeschichte der Kenianerin Milcah Cheortich zugrunde, die auf realen Erfahrungen ihrer älteren Schwester fußt, und die auch am Drehbuch mitschrieb.
Gedreht wurde „Nawi - Dear Future Me“ in der filmisch noch wenig erkundeten Turkana-Region im Norden Kenias. Der Film überrascht mit sensationellen Landschaftsaufnahmen und vermittelt eindrückliche Einblicke in die traditionelle Kultur des Landes. Er taucht tief in das Gefühlsleben der von Michelle Lemuya Ikeny überzeugend gespielten Protagonistin ein; bedauerlich ist, dass mehrere andere Figuren, die im Film nur kurz auftauchen, im Kampf gegen die Kinderehe aber keine unwichtige Rolle spielen, sehr stereotyp gezeigt werden.
Der Kampf eines einzigen Mädchens reicht nicht aus
Dem Regie-Quartett ist mit „Nawi - Dear Future Me“ ein beeindruckender Film gelungen, der in einer idyllischen Kindheit einsetzt, sich zum dramatischen Flucht- und Road Movie steigert und in der ernüchternden Einsicht endet, dass der Kampf eines einzigen Mädchens nicht ausreicht, um das Problem der Kinderehen aus der Welt zu schaffen. Der damit verbundene gesellschaftspolitische Appell ist letztlich wohl das wahre Anliegen dieses Films.









